Ich hasse meine Familie und verehre das Fremde

· 8. März 2018

Die Familie ist dieses kleine Universum, in dem wir lernen, zu Mitgliedern einer Gesellschaft werden. Es gibt keinen perfekten Familien, weil es keine perfekten Menschen und keine perfekte Gesellschaft gibt. In jeder Familie werden Traumata, Leeren und mitunter gar Neurosen vermittelt, wobei sich die einzelnen Familien darin unterscheiden, ob diese durch Liebe und Zuneigung ausgeglichen werden können. In einigen Fällen überwiegen negative Lehren die positiven, was die Familienmitglieder für ihr Leben prägt und ihnen Wunden zufügt, die niemals vollständig heilen können.

Auch wird in jeder Familie Hass empfunden. Ähnlich wie wir es gerade für Traumata beschrieben haben, kommt es auch hier darauf an, ob der Hass eine momentane Empfindung oder ein über lange Zeit loderndes Feuer ist. Auch wenn es widersprüchlich klingt, ist es doch so, dass die Präsenz von Hass die der Liebe nicht ausschließt. Denn so fühlt der Mensch: ambivalent und komplex. Daran ändert auch die Verwandtschaft zu denjenigen nichts, mit denen wir unsere vier Wände teilen. Es ist also vollkommen normal, dass wir auch gegenüber Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Verwandten zuweilen Groll und Ablehnung fühlen.

Halte deinen Haushalt in Ordnung, um zu wissen, wie viel Wasser und Reis kosten.
Erziehe deine Kinder, um zu wissen, wie viel du deinen Eltern schuldest.

Nach dem wir nun klargestellt haben, dass keine Familie unter stets heiterem Himmel lebt, müssen wir auch erwähnen, dass es Fälle gibt, in denen die Bindung zu den eigentlichen Bezugspersonen vollkommen zerbrochen ist. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre Ablehnung der eigenen Familie ganz unverhüllt darstellen, wenn das Thema zur Sprache kommt. Viele von ihnen geben offen an, dass sie ihre Familie verabscheuen. Mitunter schämen sie sich für ihre Herkunft. Und gleichzeitig verehren sie das Fremde, all das, was anders ist als das, was sie daheim erfahren haben.

Wie kommt es so weit, dass jemand seine Familie hasst?

Der Hass gegenüber der eigenen Familie beinhaltet einen schmerzhaften Widerspruch. Auf die ein oder andere Weise bedeutet er, dass man auch sich selbst hast. Unabhängig davon, wie viel Zeit wir tatsächlich in unserem Elternhaus verbracht haben, können wir doch nicht leugnen, dass wir einen Teil der Gene unserer Mutter und einen Teil der Gene unseres Vaters in uns tragen. Wir sind ein Teil dieser Familie, die so viel Abneigung in uns erzeugt. Deshalb bedarf es eines umso größeren Mangels an Liebe und Zuneigung, um uns an diesen Punkt zu bringen, an dem wir nur noch Hass für unsere Familie empfinden.

Vielleicht haben wir als Kinder auch jene Liebe genossen, die intrafamiliäre Bande stärkt, haben aber nichts als Ablehnung erfahren, nachdem wir unsere Identität als Mensch gefunden und mitgeteilt hatten. Weil diese Identitätsfindung in der Pubertät stattfindet, sind es vor allem Jugendliche, die erkennen, dass sie kaum etwas mit ihrem Elternhaus verbindet. Es hängt von den individuellen Umständen ab, ob ihr Hass auch über das Jugendalter hinaus weiter besteht.

Mädchen schaut in hellen Himmel

Es ist oft so, dass Gefühle des Hasses aufkommen, wenn wir Enttäuschungen erleben, wenn wir seitens unserer Familie nicht die Unterstützung erfahren, die wir uns von ihr gewünscht hätten, oder gar misshandelt wurden. Im Grunde genommen geht es hierbei um Erwartungen, die uns entweder vermittelt wurden oder die wir selbst aufgebaut haben und die nicht erfüllt wurden. Diese Erwartungshaltung wohnt demjenigen inne, der hasst, aber sie beruht nicht selten auf der mangelnden Befriedigung seiner Bedürfnisse in seiner Entwicklung oder Inkonsistenzen in der Erziehung, was von den Eltern ausgeht. Wenn Eltern Werte lehren, aber nicht nach ihnen handeln, kann das das Kind nicht verstehen.

Und dabei haben wir noch nicht einmal von tatsächlichen Missbrauch gesprochen, der eine noch viel komplexere Angelegenheit ist. Sowohl körperlicher als auch emotionaler Missbrauch hinterlassen tiefe Spuren in der Seele eines Menschen. Sexuelle Misshandlung, Schläge und Worte können alle gleichermaßen Schmerz zufügen. Vernachlässigung ist ebenfalls als eine Art von Missbrauch zu verstehen. Die Grenzen sind fließend, aber all diesen Erfahrungen ist gemein, dass sie das Fundament des Selbstwertgefühls einer Person zerrütten.

Psychologen sehen es oft, dass Menschen, denen nur unzureichend Zuneigung und Liebe entgegengebracht wurde oder die gar Opfer von Missbrauch wurden, sich ihrer selbst schämen sich als minderwertig betrachten. Wenn sich diese Menschen dann mit der Aufgabe konfrontiert sehen, selbst ein Kind zu erziehen, schließt sich der Kreis: Sie sind nicht in der Lage Selbstwertgefühl zu vermitteln, dass es für sich selbst nicht empfinden. Von solchen Familien wird der Kontakt zur Außenwelt in der Regel vermieden. Dafür wird der Keim des Hasses in jeder Generation erneut gesät. Es fällt nicht schwer, zu verstehen, dass Betroffene in jedem Außenstehenden einen Menschen sehen, der mehr wert ist als sie selbst.

Die maßlose Ehrung des Fremden

Während der Pubertät empfinden wir regelmäßig Wut und Frust, was unsere Familie betrifft. Die Suche nach der eigenen Identität beinhaltet auch, dass wir für uns selbst definieren, welche Werte wir von unseren Eltern übernehmen und welche nicht. Es handelt sich hierbei also um einen ganz natürlichen Konflikt: Bevor wir in die Pubertät kommen, nehmen wir als gegeben hin, was uns unsere Eltern beibringen. Erst jetzt, im zweiten Lebensjahrzehnt, beginnen wir, ihre Überzeugungen infrage zu stellen, und achten vermehrt auf ihre Fehler. Das Erwachsenenalter erreichen wir, wenn wir diese Spannungen lösen und unsere Identität gefunden haben.

Bild eines Kindes, dessen Kopf verwischt ist

Die Pubertät ist auch die Zeit, in der wir zunehmend mit Fremden in Kontakt treten, die dann eine mehr oder weniger wichtige Rolle in unserem Leben spielen. Für einen Jugendlichen zählt die Meinung seines Klassenkameraden wahrscheinlich mehr als die seiner Mutter oder seines Vaters. Wenn diese sich voneinander unterscheiden, muss der Heranwachsende für sich entscheiden, auf wessen Seite er sich schlägt, welche Werte er vertreten möchte. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu finden. Meist ist das Ergebnis eine bunte Mischung aus elterlichen Werten und neuen Ideen. Aber so mancher Jugendlicher wird sich auch bewusst, dass seine Familie ihm mehr genommen als gegeben hat. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein und haben oft einen großen Einfluss darauf, welche Gefühle diese Erkenntnis im jungen Menschen weckt.

Die Mehrzahl der Jugendlichen gelangt zu der Einsicht, dass ihre Eltern zwar Fehler in der Erziehung gemacht haben, dabei aber immer nur ihr Bestes wollten. Leider ist das nicht in allen Familien der Fall. Wenn kaum Liebe gegeben oder Missbrauch ausgeübt wurde, kann der beschriebene Konflikt nicht überwunden werden. Es hängt von den Entscheidungen der betroffenen Person ab, welche Konsequenzen das nach sich zieht: Vielleicht wagt sie es trotz aller Widrigkeiten nicht, das Elternhaus zu verlassen, und verfällt in jenen Kreislauf, den wir oben erwähnt haben. Oder sie wagt den Schritt aus der Tür, ist aber nicht in der Lage, im verehrten Fremden Fehler zu erkennen. Auch das kann sich verheerend auf ihre Beziehungen auswirken. Schließlich besteht die Möglichkeit, dass ihr bewusst wird, dass auch andere Menschen nicht perfekt sind. Dann muss sie die damit einhergehende Enttäuschung überwinden.

Der Hass gegenüber der eigenen Familie und die maßlose Ehrung des Fremden sind Ausdruck ungelöster Konflikte im Jugendalter. Vielleicht haben Betroffene nicht verstanden, dass auch in anderen Familien Geheimnisse gewahrt, Bindungen gebrochen und Neurosen geschürt werden. Vielleicht versuchen sie, ihrer eigenen Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Aber wahrscheinlich gab es Probleme, für die sie zumindest nicht allein die Verantwortung tragen und die heute aufgearbeitet werden müssen, damit sie bereichernde zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen und erhalten können.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Nidhi Chanani