Ich breche so heftig zusammen, weil ich mich so stark zeige

22. Juli 2017 en Psychologie 1022 Geteilt

Ich gebe mich immer so stark und abgeklärt, ich stehe aufrecht und trotze den Stürmen und den Schicksalsschlägen, ohne dass ich eine gefühlsmäßige Zuflucht oder eine Umarmung suche. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich meine Sorgen und Nöte für mich behalte. Meine Überzeugung ist, dass der Misserfolg garantiert ist, wenn die Dinge nicht nach Plan verlaufen. Ich zeige mich immer so stark. Darum breche ich auch so heftig zusammen. Es kann jeden Tag passieren und ich habe keine Kontrolle darüber .

Ich hörte auf, zu weinen, und verlagerte meine Gefühle nach außen. Sie haben sich in sogenannte „isolierte Symptome“ verwandelt. Ich hielt sie ja immer noch für den Preis, den ich gezahlt habe. Weil es da ein Umfeld gab, das so viel von mir verlangte und von dem ich nichts zurück bekam.

Ich hatte keine Grenzen gesetzt im Hinblick auf die emotionale Unterstützung, die andere von mir erwarteten. Sie meinten, meine Grenzen seien weit offen. Und doch wurde mein emotionaler Raum in meinen Augen langsam zu einem Trockengebiet mit stechenden Drahtzäunen.

Meine nach außen gezeigte Stärke, mein geduldiges Ohr und meine ewigen Zugeständnisse wurden zu meinen eigenen emotionalen Geiselnehmern. Jeder hatte den Schlüssel und damit Zutritt zu meinem persönlichen Raum. Und für mich wurde es immer dringlicher, diesen Raum zu verlassen und frische Luft zu schnappen. Es war bereits sehr viel Zeit vergangen, ehe mir auffiel, dass ich die Schwelle des menschlich Ertragbaren überschritten hatte. Ich glaubte weiterhin, dass alles darauf ankam, emotionale Stärke zu zeigen, ohne körperlich stark zu sein.

Die eigenen Gefühle schrumpfen zu lassen, beschädigt deine emotionale Gesundheit

Mein ganzes Leben lang habe ich meiner Scheinheiligkeit, meinem Groll und meinem Bedürfnis nach Zuwendung einen Maulkorb angelegt. Als ich ihn schließlich ablegen wollte, waren alle meine Stärken ins Außen verlagert worden. Andere Menschen nahmen sie in Anspruch und sahen sie nicht mehr als zeitweilige Unterstützung. Stattdessen haben sie meine Energie in Spazierstöcke für den Eigenbedarf umfunktioniert.

Wenn du dich schwach fühlst, brichst du zusammen, weil du dein emotionales Leben nur mangelhaft verwaltet hast. Du brichst innerlich zusammen und liegst da in tiefer Bewusstlosigkeit. Es kommt der Tag, an dem du nicht mehr aufstehen kannst. Deine Muskeln gehorchen dir nicht mehr. Es scheint so, als seien dir sämtliche Kräfte geraubt worden. Du fühlst dich Dingen schutzlos ausgesetzt, die du nicht einmal benennen oder erklären kannst. Die Belastbarkeit hat immer eine Grenze, aber du wusstest noch nie, wie man anderen Grenzen setzt. Du fühlst dich deprimiert aufgrund all der belastenden Gefühle, die du angesammelt hast. Du erleidest plötzlich Panikattacken.

Empfindsame und gleichzeitig selbstgenügsame Menschen sollten die Anzeichen für einen drohenden emotionalen Zusammenbruch erkennen, bevor er überhaupt eintritt.

Eine unzureichende psychologische Bildung hat ihre Auswirkungen

In einer aktuellen Studie, die im US-amerikanischen Magazin Annals of Internal Medicine  veröffentlicht wurde, wurden verschiedene Ansätze zur Behandlung von Depressionen erläutert. Man sprach auch über unzureichende psychologische Bildung und Probleme bei der Koordination von Psychiatern, Psychologen und anderen Fachkräften im Gesundheitsweisen.

In den letzten Jahren wurden Depressionen zu einem der am häufigsten aufgeführten Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Die hohen Anforderungen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft, die Hand in Hand mit mangelnder Bildung hinsichtlich psychischer Gesundheit gehen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Bevölkerung psychologische Störungen entwickeln.

Diese Situation führt zu einem Klima der Unwissenheit. Die unqualifizierte Anwendung „psychologischer Kenntnisse“ ist mitverantwortlich, dass die Bevölkerung leidet. Der von der Werbung ganz schwindlig wird. Erfindungen jeder Art werden beworben. Man behauptet zum Beispiel, dass bestimmte Therapien den Geist entlasten oder seine Funktionsweise verbessern, obwohl das wissenschaftlich nicht belegt ist.

Brich häufiger zusammen und sei dir klar, wie du um Hilfe bitten kannst

Du hast das Recht, traurig zu sein und dich traurig zu fühlen und nicht immer stark zu erscheinen. Du hast das Recht, den Leuten in deinem Umfeld Grenzen zu setzen, ganz gleich, ob es dein Partner, deine Mutter oder dein Kind ist. Außerdem hast du das Recht, dich selbst kennenzulernen und zu wissen, dass die Verarbeitung von Gefühlen ein komplexer Vorgang ist. Wir haben alle unsere ureigene Art und Weise, die Wirklichkeit wahrzunehmen und nach dem Glück zu streben.

Du hast das Recht, zusammenzubrechen und dich selbst wieder zusammenzusetzen. Das ist stets die bessere Variante, als die Teile wieder zusammenzuflicken, die andere dir von dir übrig gelassen haben. Du hast das Recht, zu wissen, dass es sich nicht um Egoismus handelt, wenn du dich um dich selbst kümmerst.

Wenn du damit aufhörst, dich nach außen hin stark zu zeigen und die unablässige Aggression deiner Umwelt zu ertragen, kannst du verhindern, dass du dich in einem andauernden Schwächezustand einrichtest. Und wenn du weißt, dass du nicht immer ein fröhliches Gesicht aufsetzen musst, wenn dir schon längst der Geduldsfaden gerissen ist, kannst du Durchsetzungsvermögen zeigen und deinen persönlichen Raum schützen. Wenn du weißt, wann du dich schwach zeigen kannst, vermeidest du, innerlich immer wieder in Stücke zu zerbrechen.

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