Ich bin nicht mehr dieses kleine wehrlose Mädchen

20, April 2017 en Psychologie 121 Geteilt

Ich verspreche dir, dass du meine Mutter nie mehr wieder an ihrem Arm, ihrem Fuß, an ihrer Hand berühren oder ihr einen Kuss geben wirst. Denn sie hat keine Tränen mehr übrig und ich habe keine Angst mehr. Ich kann mir nichts Schlimmeres als das Leben vorstellen, das du uns mit deiner vergifteten Liebe hast leben lassen. Ich bin nicht mehr dieses kleine Mädchen, das du in ein Zimmer eingesperrt hast, um es anzuschreien und deinen Frust an ihm auszulassen, der durch die Geister, die du in deinem Inneren verspürt hast, entstanden ist, und der durch Alkohol ins Unermessliche stieg.

Du hast nur dann aufgehört, wenn deine Kräfte geschwunden waren oder wenn du mir so einen festen Schlag versetzt hattest, dass du befürchteten musstest, die Nachbarn könnten Verdacht darüber schöpfen, was hier hinter verschlossenen Türen stattfand. Denn niemand wusste, dass du nicht dieser feine Herr warst, der du außerhalb des Hauses vorgabst, zu sein. Ich hörte dich sogar einmal sagen, dass du nicht wie diese Menschen aus dem Fernsehen warst und zu Hause keine schmutzige Wäsche zu waschen hattest. Aber niemand wusste, von welchen Schweinereien du redest. Sie ahnten es nicht einmal.

Es kann sein, dass du mein Vater bist und ich das nicht ändern kann, so sehr ich es mir auch wünsche, denn diesem Wort wirst du nicht gerecht. Auch nicht, weil du mir diese Schlafanzüge für meinen Teddybären geschenkt hast, als ich klein war, da du mit denen nur darauf abgezielt hast, dein Gewissen zu beruhigen.

Anfangs hast du um Vergebung gebeten

Anfangs bist du am Morgen aufgestanden und hast um Vergebung gebeten. Wenn die Sonne aufging, warst du derjenige, der Angst davor hatte, mit nichts dazustehen, warst kein stolzer Mann mehr, sondern ein angsterfüllter Vater. Du hast den Frühstückstisch gedeckt, hast frische Früchte geholt und ein verdammtes Glas Orangensaft gepresst, meine Mutter mit einem Kuss geweckt und hast nach Worten gesucht, die verbergen sollten, wer du wirklich warst.

Du hast etwas von Liebe und Gefühlen erzählt, Bitten ausgesprochen, darüber nachgedacht, versprochen, es nicht mehr wieder tun, hast die Zähne zusammengebissen, die Wut kam wieder, hast deine Hände zu Fäusten geballt, so als ob das die Wahrheit der von dir ausgesprochenen Worte dadurch stützen konntest. Während du versucht hast, das Herz meiner Mutter zu erweichen, hast du dich gehasst. Du hast ein Gefühl nach dem anderen erlebt bist du das Haus verlassen hast, um am Abend wiederzukommen.

Die ersten Monate lang hat dir meine Mutter geglaubt. Ich habe mich unter meinem Bett versteckt und mir die lieblichen Worte vorgesagt, die du ihr wie Honig um den Mund geschmiert hast. Manche hast in die Tat umgesetzt, manche blieben nur leere Worte. Am Morgen ist sie aufgestanden und hat mit dir gefrühstückt. Sie hat den Tisch gedeckt, mehr Saft gepresst als du, damit auch noch etwas für mich übrig blieb, sie hat dir über die Schultern gestrichen und mich gerufen. Als ich reingekommen bin, hast du dein Gesicht mit einer Zeitung verdeckt, denn in meinen Augen hast du den Glauben an dich, den meine Mutter noch aufrechterhielt, nicht mehr erkennen können.

Vor lauter Wut hast du uns verlassen

Eines Tages war die Obstschale leer, Mama glaubte dir nicht mehr, sie sah mich am Boden liegen und legte sich weinend dazu, als du die Tür zugeschlagen hast und gegangen bist. An einem anderen Tag hast du dich dazu entschlossen, dass es das Theater nicht mehr wert ist, es dich nur Kraft kostet und zu nichts führt. Nachts kamst du wütend nach Hause und morgens bist du nur noch wütender aus dem Haus gegangen. Schlafanzüge für meinen Teddybären hast du mir irgendwann nicht mehr geschenkt, denn du hast gemerkt, dass das an der Situation nichts ändert.

Doch ab und an wurde ich von dir geschlagen. Du hast gedacht, dass ich schon reif genug war, um zu verstehen, dass deine Hand mir zeigt, was das Leben ist. Du hast nicht einmal daran gedacht, dass ich noch ein kleines Mädchen war, dem du jeden Tag ein Stück Kindheit genommen hast.

Ich erinnere mich an viele Schläge, aber besonders an den ersten Schlag, nach dem ich mir ins Gesicht langte und das Blut an meinen Händen sah. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich dazu bestimmt war, mich wie der Tisch und die Stühle oft auf dem Boden zu befinden. Bald würde ich immer öfter Pflaster, Binden oder einen Gips brauchen. Ich würde mich unangenehmen Fragen in der Schule stellen müssen, würde noch mehr Schläge wegen meiner schlechten Noten kassieren und immer weniger Freundinnen haben, je mehr Tage ich eingesperrt daheim verbringen würde.

Eines Nachts entschied sich Mama dazu, dass wir bei einer Freundin schlafen würden. In der Nacht wurde das erste Mal Anzeige gegen dich erstattet. Es war nicht Mama, die dich angezeigt hatte, sondern ihre Freundin, weil du ihr Haus zerstört hast, als du auf der Suche nach uns warst. Diese Anzeige brachte dich zum Versuch, mit weinerlicher Stimme deine Worte von den ersten Tagen zu wiederholen. Die Nacht hast du dann in der Gefängniszelle verbracht und am nächsten Tag konntest du wieder gehen. Mama zeigte dich unter Tränen an. Tränen, die das Papier der Anzeige durchnässten. Am Morgen kam die Polizei und sie schlug ihnen einfach die Tür vor der Nase zu.

Mit gesenktem Kopf kamst du wieder zurück, aber wenige Tage später waren die Stunden in der Gefängniszelle wieder vergessen. Ich will nicht mehr wissen, was als nächstes kommt. Ich habe es satt, im Fernseher zu sehen und in der Zeitung davon zu lesen, was noch alles passiert. Wenn du nicht im Gefängnis sitzt, denkst du, dass sie übertreiben, um anderen weiß zu machen, dass das krankhaft sei. Wenn du im Gefängnis bist, denkst du, dass sie zu kurz angebunden sind. Deshalb möchte ich, dass du diesen Brief mitnimmst, wenn sie dich in Handschellen abführen.

Ein Brief, in dem ich dich darum bitte, nie mehr wiederzukommen, wenn in deinen Worten einst auch nur ein Funken Liebe gesteckt hat. Während all der Jahre war ich für dich seltsam. Jetzt sage ich dir, dass du nicht weißt, wozu ich in der Lage bin, um sie zu beschützen. Das ist es, was ich mir am allermeisten wünsche, dass du verstehst.

Mit dieser Wahrheit, dieser Liebe und mit all dem Mut, den ich all die Jahre über angesammelt habe, und mit dem gleichen Blut, das eines Tages meine Wangen hinuntergelaufen ist, als du mich das erste Mal geschlagen hast, verspreche ich dir, dass du sie nie wieder am Arm, am Fuß oder an der Hand anfassen und ihr nie wieder einen Kuss geben wirst.

Gezeichnet: Das Mädchen, die du mit deinen Teddybär-Schlafanzügen nie hinters Licht geführt hast.

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