Ich behalte mir das Recht vor, meine inneren Dämonen zu umarmen

2. Januar 2016 en Psychologie 3 Geteilt

Ich behalte mir das Recht vor, traurig zu sein und mich schlecht zu fühlen, weil etwas nicht gerecht ist oder nicht gut läuft. Ich behalte mir dieses Recht vor, weil es mich sonst einsperren und deprimieren würde. Das sind meine Dämonen und ich muss sagen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so bösartig sind.

Sie bitten mich darum, sie zu verstehen und sie sagen mir, dass das, was ich fühle, das Leben ist und, dass die Welt ein Paradies ist, das ich selbst kreieren kann. Deshalb umarme ich sie heute und höre ihnen zu, ich beschränke mich darauf, ich selbst zu sein, mich als ein Teil der Welt zu fühlen, zu verstehen, dass das Leid zum Leben dazu gehört und genauso wichtig ist wie das Wohlbefinden.

 „Lieben heißt leiden. Um Leiden zu vermeiden, darf man nicht lieben. Aber dann leidet man, weil man nicht liebt. Darum, weil eben lieben leiden und nicht-lieben auch leiden bedeutet, muss man leiden. Glücklich ist, wer liebt. Demnach ist man aber nur glücklich, wenn man leidet.“

Woody Allens: Die letzte Nacht des Boris Gruschenko

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Wir alle haben innere Dämonen

Stell dir vor, es gäbe jemanden, der dir sagst, dass du traurig sein kannst, dass es normal ist, dass du traurig bist und, dass du das zweifellos ab und zu sein darfst. Stell dir vor, dieser jemand wärst du selbst, indem du deine Emotionen akzeptierst und in die ganze Welt hinausschreist, dass du keinen guten Tag hattest, einfach nur aus dem Grund, dass nicht alle Tage gut sein können.

Zweifellos scheint es so, als habe man in unserer heutigen Zeit die Pflicht, sich gut zu fühlen und Leid zu vermeiden. Sie verkaufen es das Leid als etwas Unnormales, Negatives und als etwas, das es in einem erfüllten Leben nicht geben kann.

Natürlich scheint es, als bildeten „sich-schlecht-fühlen“ und „mental-gesund-sein“, oder Leid und Leben keine guten kulturellen Paare. Ebenso befremdlich wirkt es, wenn jemand sagt: „Ich fühle mich schlecht, aber es geht mir gut.“  Dann stellen wir uns die Frage, was daran so eigenartig erscheint.

Wir sind in eine Falle getreten, in der wir ein Übermaß an Optimismus für unser Leben fordern. Wir haben ignoriert, dass wir eine Lektion niemals lernen können, wenn wir sie nicht hinterfragen. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben, dass wir dachten, Leid zu vermeiden erhöhe unsere Lebensqualität, und dass das Verschieben unserer Millionen dazu führe, Komplikationen umgehen zu können und ein „Leben zu haben“.

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Meine und auch deine Dämonen kämpfen gegen den Überschuss an positiven Sätzen und Motivationstafeln, die sie dazu zwingen, zu fliehen, sich hinter einer Papierwand zu verstecken und sich von der Unterdrückung zu nähren. Das Traurige und Negative braucht seinen Platz in unserem Leben, weil es sonst explodieren und uns ersticken würde. Es ist schon so weit gekommen, dass wir nicht mal mehr das Recht haben, die Stirn zu runzeln, wenn uns etwas stört. Wir nehmen einfach an, es sei lohnenswert, sich der Tyrannei und der exzessiven Diktatur des Optimismus hinzugeben.

Ich will nicht dazu gezwungen werden, ständig glücklich zu sein, weil meine Traurigkeit das Einzige ist, das mich meine Glückseligkeit und Freude wertschätzen lässt. Sie sagt mir, wenn etwas schief läuft und ob ich mir Sorgen machen muss. Denn wenn ich mich niemals unglücklich fühlen würde, könnte ich niemals zu schätzen wissen, was es bedeutet, es nicht zu sein. In diesem Sinne ist meine Freude im Gegensatz dazu weitaus egoistischer. Sie lässt mich denken alles sei gut und sie verkürzt die Reaktionszeit, die ich brauche, wenn in Wirklichkeit gar nicht alles gut ist.

Dennoch will ich keine pessimistische oder melancholische Person sein. Ich will auch nicht, dass du mich beleidigst, indem du behauptest, meine Dämonen machen mich depressiv. Denn das Einzige, was ich mache, ist leben und akzeptieren, dass meine Tage viele verschiedene Facetten haben können, genau wie meine Gemütszustände.

Unter diesen Umständen habe ich hinsichtlich meiner Dämonen zwei Alternativen: mich selbst zu akzeptieren oder mich selbst abzulehnen. Wenn ich akzeptiere, dass es sie gibt, werden sie mich nicht leiden lassen. Wenn ich versuche, sie zu vermeiden, werden sie mich noch mehr frustrieren, weil sie mich immer wieder finden und noch stärker umarmen werden, mir keine Luft zum Atmen lassen werden. Das ist mit Sicherheit schlecht.

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Deshalb bevorzuge ich es, ihnen Zutritt zu gewähren und sie dazu einzuladen, gelegentlich meinen Geist aufzuklären. Sie sind ehrlich, wenn ich sie eintreten lasse und sie sagen mir, dass es sich lohnt, zu kämpfen, weil es sich lohnt, glücklich zu sein.

Das Motto „Du musst dich gut fühlen, um glücklich zu sein“  ist deshalb nicht mein Motto. Ich bevorzuge es daher, zu sagen, dass das Verständnis für meine Traurigkeit und meine Freunde miteinander einhergehen und dass sie sich gegenseitig brauchen. Es ist gesünder in dem Gedanken zu leben, dass ich mich gut fühlen werde, auch wenn ich mich manchmal vielleicht schlecht fühle. Denn wie ich auf das reagiere, was meine Dämonen mich denken und wahrnehmen lassen, hängt davon ab, ob ich mich dem natürlichen Lauf des Lebens verschließe oder öffne.

Denn angesichts des allgemein zugänglichen Marktes der Vernunft, der Rezepturen für fast alles zu bieten hat, schreien meine Dämonen so laut, dass sie es schaffen, meiner Seele weh zu tun. Dann denke ich, die wahre Erfüllung niemals erreichen zu können, weil ich nicht weiß, wie man den Moment lebt oder weil ich von dem Moment, in dem ich aufstehe, bis ich mich wieder hinlege, keine Lust habe zu lächeln.

Nur deswegen nehme ich mir das Recht heraus, meine Traurigkeit zu nutzen, wenn es mir gefällt. Meine Dämonen weigern sich, in die besagte Falle zu treten, die sie noch größer werden lässt, weil meine Dämonen mich lieben und mir nicht wehtun wollen. Sie wollen mich nur ab und zu in den Arm nehmen, ohne dass ich ihnen widerspreche, um mich daran zu erinnern, dass ich lebendig bin.

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