Wir sind keine Wahrsager – prophezeie nicht dein eigenes Leid

16. Dezember 2015 en Psychologie 0 Geteilt

Die kognitive Psychologie hat uns gelehrt, dass unser emotionaler Zustand in einer bestimmten Situation davon abhängt, wie wir über das denken, was mit uns passiert.

In der wissenschaftlichen Literatur können wir vielzählige Beispiele dafür finden, wie Menschen unwirkliche Denkmuster beibehalten, obwohl sie weder logisch noch nützlich sind und sie sich so großes Leid zufügen.

In diesem Artikel werden wir uns mit einigen der am weitesten verbreiteten, dysfunktionalen Denkmuster auseinandersetzen, mit willkürlichen Schlussfolgerungen und falschen Vorhersagen. Lasst uns ein Beispiel anschauen.

Wahrsagen

„Carla hat angefangen in einer wichtigen Firma in ihrer Stadt zu arbeiten. Es ist ihr Traumjob, doch irgendwie fühlt sie sich nicht so richtig wohl. Sie glaubt, dass ihre Arbeitskollegen sie nicht akzeptieren und hinter ihrem Rücken schlecht über sie reden.

An einem Tag beobachtete sie, wie zwei Arbeitskolleginnen in einer Ecke miteinander tuschelten und laut loslachten und sie meinte auch, dass sie manchmal einen kurzen Seitenblick auf sie warfen. Carla denkt nun darüber nach, ihren Traumjob aufzugeben, da sie es nicht aushalten kann, wenn Menschen schlecht über sie reden. Und wenn sie tatsächlich schlecht über sie sprechen, dann kann dies auch dem Chef zu Ohren kommen und sie könnte dann sogar gefeuert werden!“

Unterbrechen wir die Geschichte an dieser Stelle einmal. Was macht unsere Protagonistin? Sie zieht offensichtlich vorschnelle Schlussfolgerungen aus einer bestimmten Situation, die sie weder überprüfen noch beweisen kann.

Sie denkt, dass ihre Kolleginnen schlecht über sie denken, weil sie gesehen hat, wie diese miteinander sprechen und dabei lachen, ist das logisch? Ist die Tatsache, dass zwei Menschen miteinander in einer Ecke sprechen und lachen ein ausreichender Beweis dafür, dass man glaubt, dass sie über einen selbst schlecht reden?

Aber sie schauen auch noch manchmal zu ihr herüber? Und wenn schon. Sie machen es wahrscheinlich, weil sie merken, dass Carla ihnen gerade beim Lachen zuschaut und denkt, dass sie schlecht über sie reden.

Tuscheln

Carla schadet sich selbst, indem sie so denkt. Sie ruft in sich selbst eine große Nervosität hervor und ist kurz davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Und alles nur wegen der Art und Weise, wie sie die Dinge sieht. Sie zeigt eine typische, paradoxe Reaktion, die in der Psychologie sehr bekannt ist: Aufgrund der großen Angst davor, dass andere schlecht über sie reden und sie ihre Arbeit verlieren wird, geht sie selbst diesen Schritt und wird die Arbeit so auf jeden Fall verlieren.

Eine solche Geschichte, die eine Art zu denken beschreibt, die jeglicher Logik entbehrt, passiert häufiger als wir denken. Wir Menschen haben die Angewohnheit, aus jeder Maus einen Elefanten zu machen, auf alle Kosten unser Ego zu schützen, und vorschnelle Schlussfolgerungen aus einzelnen Tatsachen zu ziehen. Wir neigen dazu, die Wirklichkeit zu verzerren, was dann ganz klar falsche und disproportionierte Gefühle generiert.

Es ist so wichtig, gut nachdenken zu lernen!

Richtiges Nachdenken bedeutet nicht, Optimist zu sein, oder alles positiv und durch die rosarote Brille zu sehen, dies wäre noch schlimmer! Wir würden uns damit selbst betrügen.

Richtig nachdenken bedeutet, zu lernen, das Leben durch unsere sauberen Brillengläser zu sehen. Es bedeutet, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist, ohne die Realität zu deformieren, ohne sich Geschichten auszudenken, die außerhalb unseres Kopfes nicht existieren.

Um rationaler und realistischer zu sein, sollte Carla etwas wissenschaftlicher vorgehen und erstmal haltmachen, um alle möglichen Alternativen durchzugehen, was diese amüsante Konversation zwischen zwei Personen denn noch bedeuten könnte.

Nachdenken

Es könnte sein, dass die beiden sich an etwas Lustiges erinnern, dass sie sich Witze erzählen oder dass sie von irgendetwas Anderem reden, was nichts mit unserer Hauptperson zu tun hat. Es existiert natürlich auch die Möglichkeit, dass sie tatsächlich schlecht über Carla reden, aber wir dürfen nicht einfach zulassen, dass unser erster Impuls uns nicht mehr alle anderen Möglichkeiten betrachten lässt.

Es ist weder logisch noch rational, vorzugeben, dass man die Gedanken anderer erraten kann. Wir sind keine Wahrsager. Und selbst wenn unsere Version der Realität entspricht, ist dies vielleicht gar nicht so schlimm, wie wir zunächst glauben. Was ist so schlimm an einer Kritik? Es kann etwas Ärgerliches, Unangenehmes sein, aber nichts, woraus man ein Drama machen muss. Aber das ist ein anderes Thema.

Hör also auf, dir selbst so viel absurde Spannung zu erzeugen. Du bist kein Wahrsager. Du musst lernen, dich an die Tatsachen zu halten und dich nicht von deinen eigenen, unbegründeten Interpretationen leiten zu lassen. Diese sind solange nicht wahr, bis sie bewiesen worden sind. Entspann dich und lebe weiter, richte deinen Blick nach vorn.

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