Hoffentlich wird das Thema Erziehung eines Tages so leidenschaftlich behandelt wie Fußball

· 6. April 2017

Ich hoffe ja, dass das Thema Erziehung eines Tages genauso viel Leidenschaft wecken wird wie Fußball. Ich hoffe, dass es ein so wichtiges und besonderes Gebiet sein wird, dass unsere Kinder und Jugendlichen eine Erziehung höchster Güte genießen dürfen. Damit brandneue Entdeckungen auf dem Feld der Erziehung die gleiche Begeisterung hervorrufen wie ein Tor oder ein Korb in der letzten Sekunde.

Ich wünschte, wir könnten Lehrern ihren Job erleichtern. Weil ihr Beruf hohes Ansehen genießt und die Bezahlung gut ist. Ich wünschte, wir könnten das wahre Potenzial in unseren Kinder sehen. Ich wünschte, die Regierung würde unsere Lehrer bestmöglich ausstatten. So könnten sie individueller auf die Schüler eingehen. Die Stärken eines jeden Schützlings begrüßen und fördern.

Ich wünschte, dass Halbwüchsige, die Fragen stellen und sich für Bücher begeistern, die gleichen Hoffnungen wie Spitzensportler wecken. In ihren Eltern und in der Gesellschaft. Ich wünschte, dass Zeitungsartikel über neue wissenschaftliche Entdeckungen genauso sehnsüchtig erwartet und gesammelt würden wie die Artikel mit den dicken Überschriften zum „großen Spiel“.

Während wir die Wünsche lesen und darüber nachdenken, gibt es Tausende von Kindern, die nichts zu essen haben. Die einen sauberen Sitzplatz auf dem Boden suchen, um ihr geborgtes oder geerbtes Buch zu lesen. Die ihr Notizbuch anschauen und nicht wissen, was eigentlich passiert ist. Tausende von Kindern, die von Mathe gefrustet sind, tausendmal eine unverständliche Analysis gemacht haben. Die etwas über Kriege lernen, die sie nicht verstehen. Kriege, Vorurteile und Glaubenssätze, die sie ausblenden, weil sie den Wunsch haben, vorwärtszukommen, zu überleben.

Zahlreiche Bildungsssysteme auf der Welt leisten nicht, was sie sollen, einfach, weil sie unzulänglich sind. Gelernt wird nur in den Schulstunden. Das Wissen der Kinder dient nicht nicht als Basis für die Entwicklung geeigneter Strategien. Damit die Kinder ihr Wissen erweitern oder fördern können. Obwohl die verfügbaren Mittel unterschiedlich sind, findet man ein schlechtes Bildungssystem in armen und in besser entwickelten Ländern.

Der “Doktor Fußball”-Effekt

Im Gesundheitswesen ist es schon ein alter Hut: Notaufnahmen in Krankenhäusern sind an den Tagen, an denen große Spiele und wichtige Wettbewerbe stattfinden, weniger gefüllt. Das ist doch ein interessantes Phänomen, das uns zum Nachdenken anregt, was unsere Passionen angeht.

In Spanien stellte man zu diesem Thema einige Studien an. Es kam heraus, dass in solchen Situationen mindestens 35% weniger Patienten in die Notaufnahme kommen. Dieser Prozentsatz ist sogar noch höher (45%), wenn wir Patienten hinzurechnen, die wegen geringerer oder leichter Beschwerden das Krankenhaus aufsuchen. Das ist ein großer Unterschied, der uns dazu bringt, unsere Gewohnheiten zu hinterfragen.

Man kann sie in einer Frage zusammenfassen. Unsere Kinder haben gerade ihr erstes Wort gestammelt und wir fragen gleich: „Für welche Mannschaft bist du?“  Wir kommen normalerweise gar nicht darauf, uns zu fragen, ob sie an Fußball interessiert sind. Wir zwingen sie dazu, eine Antwort parat zu haben und sich ein Ziel zu setzen.

Erziehung ist die Grundlage der Gesellschaft

Was ist das Geheimnis des Erfolges des finnischen Bildungssystems? Alles zielt darauf ab, dass Lehrer ein hohes Ansehen genießen. Die Auswahl der Lehrer erfolgt mit Sorgfalt. Sie bekommen finanzielle und sonstige Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Damit sie in der Lage sind, einen herausragenden Unterricht zu halten.

Jedes Kind sollte gemäß seines individuellen Potenzials geschult werden. Man sollte sicherstellen, dass sich jeder am Ende selbst verbessern kann. Man muss keine allgemeinen Themen entwerfen, die keinen Raum für individuelle Anpassung lassen – nur Raum für Frustration, Langeweile und verheerende Zensuren. Die einen Verlust für die Gesellschaft darstellen, für die gesamte Spezies und den Planeten, der sich nur schwer beziffern lässt.

Im bestmöglichen Bildungssystem kommen die Schüler weiter und erzielen bessere Resultate, weil ihr Stundenplan auf eine individuelle Passform zugeschnitten wird. Es ließe sich auch so ausdrücken, dass man ein Erziehungsversprechen einlöst, das auf den Fähigkeiten und Möglichkeiten des Individuums beruht.

Das heißt aber nicht, dass wir die Kinder weniger für Sport begeistern sollten. Nur ein Dickkopf würde nicht zugeben, dass Sport eine Quelle an Werten ist. Einmal ganz abgesehen von der spielerischen Komponente. Ein gutes Team wäre nicht gut, wenn die Spieler nicht begreifen, wie wichtig Zusammenarbeit ist. Wenn das Gestaltgesetz nicht umgesetzt werden kann, das besagt: Das Ganze ist wertvoller als die Summe seiner Teile.

Es ist ein Wunder, dass die Erziehung unser Bildungssystem überlebt hat

Heutzutage gibt es in jedem Bildungssystem auf der ganzen Welt gewisse Mängel. Einstein bemerkte, dass es an ein Wunder grenze, dass die menschliche Neugier das reguläre Bildungssystem überlebt habe.

Wir alle sind der Meinung, dass etwas fehlt. Und das ist jetzt kein neues oder aktuelles Problem. Wie kann es sonst sein, dass ein vierjähriges Kind täglich über 100 Fragen stellt, während sich ein zehnjähriges Kind nur über seine Prüfungsfragen Gedanken macht? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Als Gesellschaft beschneiden wir die Flügel unserer Kinder. Und das geschieht nicht nur in der Schule.

Ein Kind sollte so unterrichtet werden, das es zum Lernen befähigt wird. Und einem Pfad folgen, dessen Schritte durch die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten diktiert werden. Im Kern geht es doch darum, dass unser wahres Recht nicht das Recht auf Ebenbürtigkeit ist. Sondern das Recht darauf, anders zu sein und unterschiedlich behandelt zu werden. Mit unserer Erziehung fängt es an.