Hildegard von Bingen: Biografie der wohl weisesten Frau des Mittelalters

17. Mai 2019

Hildegard von Bingen war Äbtissin und lebte ein für das 12. Jahrhundert außergewöhnliches Leben. Sie war Philosophin, Theologin, Komponistin, Naturforscherin, Wissenschaftlerin, Universalgelehrte und Dichterin. Man sagt von ihr, dass sie die Mutter der Oper sei, dass sie die Grundlagen der Sexualwissenschaft gelegt habe und dass, wenn es eine Figur gäbe, die wir in der Geschichte der Wissenschaft oft vernachlässigen würden, es zweifellos diese Frau sei, die im Mittelalter in ihrem ganz eigenen Licht strahlte.

Sie war bekannt als Sybille vom Rhein. Schon als Kind zeigte sie eine einzigartige Leidenschaft für Kenntnisse und war begierig nach Wissen. Ihr Verstand und ihre Neugierde, beinahe schon vergleichbar mit der von Leonardo da Vinci, konzentrierten sich dabei vor allem auf das Verstehen der Natur. An dieser Stelle möchten wir hervorheben, dass Hildegard von Bingen immer auf die Unterstützung der politischen und religiösen Eliten zählen konnte, um ihrer Neugier nach Wissen nachzugehen. Das ist nicht nur ungewöhnlich, weil sie eine Frau war, sondern auch wegen der Zeit, in der sie lebte.

Obwohl sie von ihren Eltern sehr früh an die Kirche übergeben wurde, fand sie genau in diesem Umfeld die geeigneten Mittel, um ihre Intelligenz, ihre Gedanken, Visionen und mystischen Botschaften, die sie ihr ganzes Leben lang aufrechterhalten hatte, zu fördern. Sie schrieb Bücher über Medizin, Physiologie und Naturwissenschaften.

Das Erbe, das sie uns hinterlassen hat, ist von unschätzbarem Wert. Es ist ein deutliches Beispiel dafür, wie es Frauen, trotz eindeutiger Hindernisse, denen sie sich in der Gesellschaft seit jeher stellen müssen, gelungen ist, dazu beizutragen, unsere moderne Wissenschaft voranzutreiben.

„In derselben Vision verstand ich die Schriften der Propheten, der Evangelien und der anderen Heiligen und einiger Philosophen. Das tat ich, ohne von jemandem Anweisungen erhalten zu haben. Ich erklärte bestimmte Dinge darauf aufbauend – obwohl ich wenig literarisches Wissen hatte – nachdem ich mich als ungebildete Frau gebildet habe …“

Hildegard von Bingen

Darstellung auf Glas von Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen: Biografie einer bedeutenden Universalgelehrten des Mittelalters

Hildegard von Bingen wurde 1098 am Ufer des Flusses Nahe in Bermersheim geboren. Ihre Familie war wohlhabend und hatte bereits neun Kinder, als sie auf die Welt kam. So sollte, wie es damals üblich war, der zehnte Nachkomme an die Kirche übergeben werden. Und damit begann ihr einzigartiges Leben.

In ihrer frühen Kindheit zeigte sich bereits, dass sie sich nicht gerade bester Gesundheit erfreute. In ihren ersten Lebensjahren wurde sie von einer Äbtissin, Jutta von Spanheim, betreut, durch die sie ihre Liebe zur Musik fand und die ihr beibrachte, Latein zu lesen. Aber lateinisch zu schreiben lernte sie nicht. Das brachte sich Hildegard von Bingen irgendwann selbst bei.

Es sind auch Dokumente erhalten, wie die des Mönchs Teoderico von Echternach, die von den Visionen und mystischen Erfahrungen erzählen, die die kleine Hildegard im Alter von acht oder neun Jahren hatte. Was sie erlebte, waren sehr intensive visuelle und auditive Halluzinationen, die sich ihr ganzes Leben lang auf unterschiedlichste Weise wiederholen sollten. Heutzutage nimmt man an, dass Hildegard von Bingen vielleicht an Migräne gelitten habe.

Eine Vision, die alles verändert hat

Als Hildegard von Bingen das Erwachsenenalter erreichte, verschwanden die meisten ihrer Beschwerden. Es war wie ein Erwachen, denn von dem Moment an, als sie endlich nicht mehr in ihrem eigenen Körper gefangen war, hatte sie die Möglichkeit, ihren Geist auf das zu konzentrieren, wofür sie eine wahre Leidenschaft hegte: das Wissen.

Als Benediktinerin in einem deutschen Kloster hatte sie das Glück, dass es häufig vorkam, dass dort Bücher zur Übersetzung ankamen. Sie hatte somit Zugriff auf wissenschaftliche Werken, Bücher über Naturgeschichte und vieles mehr. In diese Universen des Wissens einzutauchen, ermöglichte ihr zwei Dinge: erstens, sich selbst zu bilden, und zweitens, eine wissenschaftliche Vorstellung zu entwickeln.

Auch wenn sie weniger unter Krankheiten litt, blieben ihr ihre Visionen nicht erspart. Sie wurden sogar noch stärker. Von diesen Erfahrungen wussten jedoch nur die Äbtissin Jutta und ihr Mentor, der Mönch Volmar von Disobodenberg. Es war im Alter von 38 Jahren, als sie ihre größte Offenbarung hatte. In einer dieser Visionen sah sie sich selbst in Lichter gehüllt. Eine innere Stimme hätte ihr da mitgeteilt, was sie zu tun hätte: Sie sollte schreiben, um der Welt Wissen zu vermitteln.

Altes Buch und Kerze

Äbtissin Disobodenberg – eine Gelehrte mit päpstlicher Unterstützung

Kurz darauf starb Äbtissin Jutta und Hildegard von Bingen trat ihr Amt an. Zur selben Zeit wurde der Papst schließlich über die mystischen Erfahrungen informiert, die Hildegard gemacht hatte. Er muss so schockiert gewesen sein, dass er ihr das Recht gewährte, zu schreiben. Er gab ihr die Möglichkeit, alles niederzuschreiben, was ihr in den 16 Visionen, die sie erlebt hatte, offenbart worden war.

Hildegard von Bingen schrieb ihr erstes Buch im Jahr 1141. Es trug den Titel Liber Scivias,  und sie sprach in ihm von einer Art Kosmologie, die auf der griechischen Tradition basierte. Die Erde sei eine Kugel, die aus vier Elementen bestehe: Wind, Feuer, Luft und Wasser. Dieser Himmelskörper wiederum sei von verschiedenen Luft- und Wasserschichten umgeben. Alles, was sie darin schrieb, war, wie wir unweigerlich erkennen können, aufschlussreich und zutreffend.

Auch möchten wir darauf hinweisen, dass sie mit der päpstlichen Erlaubnis, diese Abhandlungen zu schreiben, zweifellos der Ketzerei entkommen konnte. Die Äbtissin Hildegard von Bingen war für viele die Stimme Gottes. In einer noch vom Aberglauben geprägten Gesellschaft besaß sie eine außergewöhnliche Gabe, die andere nicht hatten und die sie zu nutzen gewusst hat.

Die Geburtsstunde der Sybille vom Rhein

Die Unterstützung der katholischen Kirche trug ohne Zweifel dazu bei, dass die Werke von Hildegard von Bingen in ganz Europa Anerkennung fanden. Irgendwann wurde sie als „Sybille vom Rhein“ bekannt. Doch ihre Leidenschaft für das Wissen und ihr Bedürfnis, dieses weiterzugeben, fand damit kein Ende.

Sie war eine charakterstarke Frau mit sehr klaren Vorstellungen davon, was sie wollte. Sie strebte danach, das Kloster Disobodenberg zu verlassen und ihr eigenes zu gründen. Ihr Wunsch war so groß, dass diese Entschlossenheit schließlich Wirklichkeit wurde, als das Benediktinerkloster Rupertsberg in der Nähe von Bingen errichtet wurde.

Kloster Rupertsberg

Ab 1150 studierte Hildegard von Bingen Naturmedizin und wurde letztendlich Heilerin. An ihrem fünfzigsten Geburtstag begann sie, durch Europa zu reisen. Ihr Ziel dabei war nobel und sehr hoch gesetzt: den Frieden zu verteidigen und ihre Vorstellungen von Wissenschaft und Medizin zu verbreiten.

Die erste Sexologin unserer Geschichte

Ihre herausragendste Arbeit war zweifellos Physica (Liber Simplicis Medicinae) In dieser Enzyklopädie gibt sie umfangreiche Informationen über Krankheiten und therapeutische Anwendungen von Pflanzen. Darin geht sie auch auf die Bedeutung von kochendem Wasser bei der Behandlung von Beschwerden, der Reinigung des Körpers und von Wunden ein.

Dieses Buch ist eine der ersten historischen Referenzen, in dem das Thema Sexualität offen diskutiert wird. Der Orgasmus wird als etwas Schönes, Erhabenes und Leidenschaftliches beschrieben, das sowohl Männer als auch Frauen genießen sollten. In ihren weiteren medizinischen Büchern, wie Causa et curae, informiert Hildegard von Bingen darüber hinaus über Menstruation und Zustände wie Amenorrhö – Probleme, die zustande kommen können, wenn sich Frauen schlecht ernähren.

Studien von Hildegard von Bingen

Prophetin und Heilige

Hildegard von Bingen starb im stolzen, damals ungewöhnlichen Alter von 81 Jahren. Sie war eine Frau, die nie aufgab, die sogar Menschen verteidigte, die von der Kirche exkommuniziert worden waren und die nicht zögerte, sie sogar auf heiligem Boden zu begraben. Sie profitierte sicher von der Zustimmung und Bewunderung von Päpsten, Königen, Adligen und den bescheidensten Menschen, aber das soll ihr Vermächtnis nicht schmälern.

Im Jahr 2010 bezeichnete Papst Benedikt sie als Prophetin und Heilige Hildegard von Bingen, wobei sie später sogar den Titel „Doktorin der Kirche“ erhielt. Hildegard von Bingen war, wie wir sehen können, großartige Frau, die es verdient, in Erinnerung gerufen zu werden.

  • Barona, J. L. (2006). Hildegard von Bingen (1098-1179), mística, ciencia y medicina en la Edad Media, Mètode 50, 2006
  • King-Lezneier, Anne H (2001) Hildegard of Bingen: An Integrated Vision, Liturgical Press
  • Maddocks, Fiona (2001) Hildegard of Bingen: The Woman of Her Age, Doubleday