Hikikomori-Syndrom: Neue Erkenntnisse über den biologischen Ursprung

Das Hikikomori-Syndrom führt dazu, dass Betroffene jeden Kontakt zu anderen Menschen und ihrer Umwelt abbrechen und sich freiwillig zu Hause einsperren. Wissenschaftler haben neue Erkenntnisse über biologische Faktoren herausgefunden, die wir uns heute anschauen.
Hikikomori-Syndrom: Neue Erkenntnisse über den biologischen Ursprung

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 23. Juni 2022

Hikikomori bedeutet der völlige Rückzug aus der Gesellschaft. In 80 % der Fälle sind es Männer, die freiwillig alle sozialen Kontakte, Freizeitaktivitäten, Freundschaften und sogar Arbeit oder Studium aufgeben und sich in ihrer Wohnung einschließen. Sie isolieren sich komplett und verbringen ihre Zeit mit Videospielen oder im Internet. Wissenschaftler haben neue Erkenntnisse erlangt, die das Hikikomori-Syndrom erklären. Erfahre heute mehr über die biologischen Ursprünge.

Dieses Syndrom ist ungefähr seit 1998 bekannt. Hikikomori beschreibt den Widerstand gegen den gesellschaftlichen Druck und die Welt im Allgemeinen: Arbeits- und Schulstress und hohe familiäre Erwartungen sind in den meisten Fällen die Auslöser. Viele junge Menschen, die diesen Anforderungen nicht gerecht werden können, empfinden Scham und Versagensängstedeshalb ziehen sie sich von der Gesellschaft zurück und brechen alle Kontakte ab. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus gegen die herausfordernde Gesellschaft.

Das ist eine Realität, die nicht nur im Land der aufgehenden Sonne zu beobachten ist. Lange waren die Auslöser unbekannt, doch Wissenschaftler haben interessante Erkenntnisse zu diesem Thema erlangt, die wir uns anschließend genauer ansehen.

Vermutlich liegen dem Hikikomori-Syndrom mehrere psychische Störung zugrunde: zoziale Phobie, depressive Störungen, passiv-aggressive Persönlichkeit usw.

Mann mit Hikikomori-Syndrom
Persönliche, soziale und biologische Faktoren spielen bei diesem Syndrom eine entscheidende Rolle.

Das Hikikomori-Syndrom: biologische Ursachen

Schätzungsweise leiden etwa 1,57 % der japanischen Bevölkerung am Hikikomori-Syndrom, es könnte jedoch in Wahrheit mehr Menschen geben, die davon betroffen sind. Südkorea und Hongkong liefern ähnliche Daten. Auch wenn wir keine Zahlen für den Westen haben, gehen Experten davon aus, dass dieses Phänomen auch hier in der jüngeren Bevölkerung immer häufiger auftritt.

Erst im Jahr 2020 schlug Dr. Takahiro A. Kato in einer Studie ein klar definiertes internationales Diagnosekriterium vor. Die soziale Isolation, die länger als sechs Monate dauert, in Kombination mit emotionalem Stress und einer deutlichen funktionalen Beeinträchtigung der Pflichterfüllung (keine Teilnahme am Unterricht oder an der Arbeit…).

Während die Diagnose anhand von spezifischen Symptomen erfolgt, sind die Ursprünge dieser Störung noch nicht vollständig geklärt. Es gibt Studien, die auf das Vorhandensein von psychiatrischen Störungen bestehen. “Metabolische Signaturen” scheinen dabei eine bedeutende Rolle zu spielen.

Der Schlüssel könnte in zwei Arten von Aminosäuren liegen

Im Jahr 2013 richtete das Kyushu University Hospital in Japan die weltweit erste Ambulanz für die Hikikomori-Forschung ein. Ziel war es, ein besseres Verständnis für diese schockierende Realität zu bekommen. Dank dieser Initiative wurden Untersuchungen durchgeführt und schließlich in Dialogues in Clinical Neuroscience veröffentlicht.

  • Die Wissenschaftler konnten Biomarker im Blut finden, die sie mit dem Hikikomori-Syndrom in Verbindung bringen. So sind insbesondere der Ornithinspiegel und die Arginaseaktivität im Serum deutlich höher als bei der Restbevölkerung.
  • Es handelt sich um Moleküle, die bei verschiedenen Körperfunktionen eine Rolle spielen. Zum Beispiel bei der Regulierung des Blutdrucks und des Harnstoffzyklus. Erhöhte Werte treten auch häufig bei Menschen auf, die an einer schweren Depression oder einer saisonalen affektiven Störung leiden.
  • Andererseits wurde auch eine leichte Veränderung der Acylcarnitinwerte festgestellt. Diese Verbindungen sind für die Energieversorgung des Gehirns wichtig.

Dr. Takahiro A. Kato von der Fakultät für Medizinische Wissenschaften der Kyushu Universität und Leiter dieser Arbeit weist darauf hin, dass die Forschungen erst am Anfang stehen. Es sind Daten von mehr Patienten nötig, und zwar weltweit, nicht nur in Japan.

Wir wissen, dass dieses Syndrom in 80% der Fälle bei Männern auftritt. Wenn wir die biologischen, sozialen und psychologischen Wurzeln des Leidens verstehen, kommen wir einer Lösung näher.

Mann mit Hikikomori-Syndrom
Es gibt Männer, die ihr Zimmer seit Jahren nicht mehr verlassen haben und nur noch Videospiele spielen oder virtuell mit ihrer Umwelt interagieren.

Andere Ursachen und Auslöser

Der biologische Ursprung des Hikikomori-Syndroms scheint eindeutiger zu sein als der psychologische. Obwohl es Patienten gibt, die Anzeichen von Depression, Schizophrenie und sozialer Angststörung zeigen, sind diese Symptome oft nicht vorhanden und nicht ausreichend signifikant, um einen kausalen Zusammenhang herzustellen.

Wir haben es hier mit einer eindeutig pathologischen sozialen Isolation zu tun. Die Person zieht sich in einen Raum zurück, weil sie sich nicht fähig fühlt, sich in einem wettbewerbsorientierten und anspruchsvollen Umfeld zu behaupten. Dieser Fluchtmechanismus bietet Schutz, aber kein wirkliches Wohlbefinden. Mit anderen Worten: Betroffene Männer (die Mehrheit) fühlen sich in der von ihnen gewählten Lebensoption nicht erfüllt oder zufrieden.

In ihrer Isolation suchen sie Zuflucht in Videospielen, in sozialen Netzwerken und allgemein im Internet. Das führt in vielen Fällen zu einer Internetsucht und zu weiteren Phobien wie Agoraphobie (Angst vor offenen Räumen). Es gibt “Hikikomoris”, die seit Jahren in einem Raum im Haus der Familie zurückgezogen leben.

Die therapeutischen Mechanismen, die zur Unterstützung dieser Menschen entwickelt werden, sind immer besser. Ein japanisches Unternehmen hat einen Roboter entwickelt, der soziale Kontakte fördert. Auch Universitäten haben Online-Programme entwickelt, um die Entwicklung von Stärken zu fördern und das Selbstwertgefühl zu verbessern. Wissenschaftler erforschen dieses Phänomen weiterhin, um Betroffenen zu helfen.

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  • Daiki Setoyama, Toshio Matsushima, Kohei Hayakawa, Tomohiro Nakao, Shigenobu Kanba, Dongchon Kang & Takahiro A. Kato (2021) Blood metabolic signatures of hikikomori, pathological social withdrawal, Dialogues in Clinical Neuroscience, 23:1, 14-28, DOI: 10.1080/19585969.2022.2046978
  • Katsuki, R., Inoue, A., Indias, S., Kurahara, K., Kuwano, N., Funatsu, F., Kubo, H., Kanba, S., & Kato, T. A. (2019). Clarifying Deeper Psychological Characteristics of Hikikomori Using the Rorschach Comprehensive System: A Pilot Case-Control Study. Frontiers in psychiatry10, 412. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2019.00412