Die Angst vor dem Versagen ist es, was uns lähmt und versagen lässt

· 18. Oktober 2017

Oft müssen wir gar keine großen Fehler machen, um etwas zu verlieren oder uns zumindest von etwas zu distanzieren, das wir lieben und uns erhalten wollen. Häufigster Grund dafür ist die Angst vor dem Versagen, die Angst davor, dieses Etwas zu verlieren. Sie veranlasst uns dazu, das zu zerstören, nach dem wir uns so sehr sehnen.

Es grenzt an Ironie, wie oft wir die Flinte ins Korn werfen, nachdem wir so hart auf ein Ziel hingearbeitet haben, den Kampf gegen eine Krankheit gewonnen oder eine Beziehungskrise überwunden haben. Und obwohl Die Braut, die sich nicht traut  nur ein Kinofilm ist, ist die im Film dargestellte Situation realistischer, als wir uns je vorstellen könnten. In den folgenden Absätzen werden wir die physiologischen Gründe dieses Phänomens näher untersuchen. Schließlich versuchen wir, die Antwort auf die Frage zu finden, wie wir die Angst wirksam bekämpfen können, und einen Teil derselben nehmen wir hier bereits vorweg: durch die Kultivierung von positiven Gefühlen, wo uns gegenwärtig die Angst im Nacken sitzt.

Was ist Angst?

Angst ist eines der sechs Basisemotionen, die wir alle empfinden können: Neben der Angst zählen hierzu auch Freude, Traurigkeit, Wut, Ekel und Überraschung. Diese Gefühle werden auch primäre Emotionen genannt, weil man sie in allen bisher untersuchten Kulturen klar und deutlich vorgefunden hat.

Person berührt eine beschlagene Fensterfläche von hinten.

Alle Basisemotionen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, dass wir in Richtung eines Ziels gehen oder von Gefahren abgehalten werden. Freude hilft uns beispielsweise dabei, uns mit anderen zu verbinden. Gleichzeitig wird durch Freude unsere Gesundheit gefördert. Doch inwiefern hilft uns die Angst? Es ist die Aufgabe der Furcht, uns vor größerem Schaden zu beschützen. Genau darum ist sie für das tagtägliche Überleben notwendig.

Die Angst vor dem Versagen: „Ist das nicht eine Nummer zu groß für mich?“

Angst ist das Ergebnis der individuellen Einschätzung einer Situation. Was heißt, dass die erkannte Gefahr vielleicht nicht real ist. Oftmals rührt die Angst von dem Gefühl her, dass unsere Fähigkeiten zur Bewältigung einer Situation nicht ausreichen.

Dieses Phänomen wird als Vorwegnahme der Selbstwirksamkeit bezeichnet. Man definiert es als die „Wahrnehmung der individuellen Leistungsfähigkeit und Ressourcen, welche erforderlich sind, um sich einer Situation zu stellen“.

Wenn der Angstreflex ausgelöst wird, kommt es zu folgenden körperlichen Reaktionen:

  • Die Herzfrequenz und der Blutdruck erhöhen sich, um unser Gehirn anzukurbeln.
  • Die Atmung beschleunigt sich, um die Muskeln zur Vorbereitung einer Fluchtreaktion mit Sauerstoff zu versorgen.
  • Die Kohlenhydrate und Fette im Blut werden aufgespalten, um im Falle eines Kampfes Energie zur Verfügung zu stellen.
  • Wichtige körperliche Vorgänge, wie sie im Immun- oder Verdauungssystem ablaufen, werden angehalten, um den Blutzufluss ins Herz und ins Gehirn zu steigern.
  • Die Muskeln spannen sich in Vorbereitung auf eine körperliche Aktion an.

Warum beschert uns die Angst vor dem Versagen einen Verlust?

Wenn wir eine Situation als bedrohlich einstufen, wird diese Information an unsere Amygdala geschickt und löst die Angstreaktion aus. Je nachdem mit welchen Erinnerungen die neuen Stimuli verknüpft werden, kann letztere unterschiedlich stark ausfallen.

Frau mit Verfolgungsangst dreht sich im Wald nach hinten um.

Wie wir eine Situation einschätzen – als bedrohlich oder nicht – hängt von unserer Persönlichkeitsstruktur ab und unserer Perzeption der eigenen Fähigkeiten. Eine Angstreaktion kann auf einer falsch negativen Einschätzung einer Situation beruhen, aber auch das Gegenteil kann eintreten: Wir erkennen eine Gefahr nicht, weil wir an ähnliche Situationen nur gute Erinnerungen haben: Daher gibt es Menschen, die Hunde lieben und auf sie zugehen, auch wenn sie angebellt werden, und andere, die in Panik geraten, wenn sie einen braven Hund sehen.

„Es ist verrückt, alle Rosen zu hassen, nur weil dich eine gestochen hat. Oder auf alle Träume zu verzichten, nur weil sich einer nicht erfüllt hat.“

Aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry

Die übertriebene Angstreaktion tritt meist dann auf, wenn wir eine Menge zu verlieren haben. Wir greifen dann auf alle unsere Werkzeuge zurück, um entweder die Flucht anzutreten oder das Problem zu lösen. Das ist das Kreuz, das wir tragen. Wenn unser Körper auf Flucht statt auf Kampf schaltet, flüchten wir schlussendlich vor den Dingen, die uns doch eigentlich glücklich machen sollten. Und das nur, damit wir das Versagen vermeiden, das wir uns in Gedanken vorgestellt haben.

Das passiert nicht nur im Film, es kann auch die Eltern der Braut, die sich nicht traut  betreffen. Oder den Produzenten. Oder uns, wenn wir mit einem Freund in Streit geraten, ehe wir eine Aufgabe erledigt haben, oder wenn uns bei einer Rede vor Publikum die Angst lähmt – ganz gleich, wie gut wir uns in unserem Thema auskennen.

Wie können wir die Angst vor dem Versagen kontrollieren?

Wir haben alle schon einmal einen Liebesfilm gesehen, in dem die Hauptfigur die „Liebe ihres Lebens“ ziehen lässt. Aber plötzlich fällt es dem Protagonisten wie Schuppen von den Augen, was er verloren hat, und er rennt der anderen Person hinterher, um ihr eine Liebeserklärung zu machen… doch ihr Flugzeug ist schon in der Luft. Und der Hauptfigur bleibt nur übrig, entsetzt auszurufen: „Du Dummkopf, du hattest doch alles! Warum hast du zugelassen, dass es aus deinem Leben verschwindet?“ 

Handle. Lebe. Im Spiel deines Lebens bist du der Hauptdarsteller.

Wir müssen zuerst einmal erkennen , dass Angst ein wichtiges Gefühl ist, und als solches ist es zuträglich, es zu steuern und nicht zu ignorieren oder zu verleugnen. Kurz und bündig gesagt, ist die Feststellung, dass die Angst da ist, eine wichtiger Schritt. Im zweiten Schritt weist du dem Gefühl seinen angemessenen Platz zu: Bloß weil dir vor einem Bewerbungsgespräch schlecht ist, heißt das nicht, dass du diese Position nicht verdienst oder dass du ein Feigling bist. Nachdem wir akzeptiert haben, dass es sich um eine vollkommen normale Reaktion handelt, können wir unsere Gedanken soweit klären, dass das Bewerbungsgespräch so erfolgreich wie möglich verläuft.

1. Bekämpfe irrationale Vorstellungen, die deine Angst fördern

Wenn wir in einer Situation sind, in der uns regelmäßig die Angst ergreift, geschieht es häufig, dass sich unsere Gedanken in geistige Unbeholfenheit verwandeln. Die Angst arbeitet gegen uns wie der Durst gegen den einsamen Mann in der Wüste, und ruft ein Trugbild hervor.

Vielleicht hast du dir selbst schon Fragen gestellt wie „Mein Chef schaut mich schräg an. Wird er mich entlassen?“  oder „Lachen die über mich?“.  Es ist sehr gut möglich, dass unser Chef eine schlechte Nacht hatte oder ihn eine Magenverstimmung plagt und dass diejenigen, die lachen, sich über einen Witz ausschütten.

Hör damit auf, dich als Nabel der Welt zu sehen. Weil – und ich sag dir das nicht gern – du es nicht bist.

Frau sitzt bei Sonnenuntergang allein auf einer Schaukel am Wasser

2. Brich das Muster des Versagens

Wenn du nicht auf das Karussell des Lebens aufspringst, dreht es seine Runden ohne dich. Eine gute Idee wäre es, mit dem Muster zu brechen, das beim letzten Mal zu deinem Versagen geführt hat: Wenn du zu einem wichtigen Meeting zu spät erschienen bist, gib dir das nächste Mal genügend Zeit für Unvorhergesehenes, damit du sicher pünktlich kommst.

Brich mit dem vorhergehenden Verhaltensmuster und du wirst nicht mehr in der Lage sein, dir ein Versagen vorstellen. Denn in deiner Erinnerung gibt es dann kein ähnliches Versagen, mit dem du die gegenwärtige Situation vergleichen könntest.

„Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.“

Johann Wolfgang von Goethe

Wende alle Werkzeuge an, die dir Sicherheit verleihen. Hab Vertrauen und glaube an dich selbst! Und wenn dir das nicht gelingt, dann konzentriere dich auf das Hindernis und geh damit um, anstatt dir seinetwegen Sorgen zu machen. Und zu guter Letzt, atme tief durch. Dies hilft beim Klären der Gedanken und aktiviert den Parasympathikus, der für die Entspannung des Körpers verantwortlich ist. Auf diese Weise machen wir dem Stress und der Angst den Garaus.

„Es ist nicht wahr, dass Leute aufhören, ihre Träume zu verfolgen, weil sie alt werden; sie werden alt, weil sie ihre Träume nicht verfolgen.“

Gabriel García Márquez

3. Lebe im Moment und beobachte, wie sich alles zum Besseren wendet

Die einzige Sache, über die du in dieser chaotischen Welt Gewissheit hast, ist, alleiniger Herr über deine Zeit zu sein. Bevor du also über das lamentierst, was du aus Angst oder aus Sorge über das Gerede der Leute nicht getan hast oder weil du dachtest, dass es dafür zu spät sei… Denke daran: Du bist der Einzige, der darüber entscheiden kann, ob es für dich zu spät ist.

„Wieder fühlte ich ein immenses Verlangen, zu leben, als ich entdeckte, dass der Sinn meines Lebens in dem lag, was auch immer ich mir darunter vorstellen wollte.“

Paulo Coelho

Ich für meinen Teil sage, dass weder die Menschen, die dich kritisieren, noch die, von denen du annimmst, dass sie es tun, dir die Jahre zurückgeben können, die du auf der Flucht vor deinen Träumen verlierst. Darum lebe dein Leben. Lass dich auf neue Erfahrungen ein und lass dir von der Angst vor dem Versagen nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Und wenn das Ende der Welt nahen sollte, darf es uns beim Tanzen überraschen.

„Die Zukunft hat viele Namen. Für Schwache ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen das Unbekannte. Für die Mutigen die Chance.“

Victor Hugo