Hikikomori – Jugendliche isolieren sich in ihren Zimmern

· 25. Juni 2018

Die Hikikomori sind junge Japaner, die es vermeiden, ihr Zimmer zu verlassen. In der japanischen Kultur wurde Einsamkeit schon immer hochgeschätzt: Sie steht für die Suche nach Weisheit über sich selbst, die Natur und unsere Beziehungen zu unserer Umwelt. In gewisser Weise eine gute Idee. Aber in der heutigen japanischen Gesellschaft ist diese konstruktive Einsamkeit zu einer pathologischen Isolation geworden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die japanische Gesellschaft rasch, sich wirtschaftlich zu entwickeln, was zu einem immer anspruchsvolleren Schul- und Arbeitsumfeld führte. Junge Menschen erhielten eine strenge Ausbildung. Man förderte die eiserne Disziplin des Wissenserwerbs über alles andere und stellte die kommunikativen und psychologischen Aspekte der Bildung hintan. Seitens der Eltern wurde die öffentliche Strategie gestützt, Lücken wurden nicht gefüllt.

Angesichts dieses Drucks von Familie und Gesellschaft haben die japanischen Jugendlichen eine Form der Isolation entwickelt, die in der westlichen Welt (noch) selten zu beobachten ist: Sie verbringen Monate oder Jahre in ihren Räumen, ohne in die reale Welt hinauszugehen.

Eltern von Hikikomori verstehen ihre Kinder als eine Schande, als etwas, das sie vor ihren Nachbarn und Verwandten verstecken müssten, aus Angst vor einem Skandal und der Stigmatisierung.

Trauriger Teenager

Derjenige, der den Begriff Hikikomori prägte, war der japanische Psychiater Tamaki Saito in seinem Buch zur Rettung der Hikikomori (nicht auf Deutsch verfügbar), im Jahr 2002. Er beschrieb darin japanische Jugendliche, die sich in ihre Zimmer zurückziehen, als Opfer eines zunehmend erstickenden und wettbewerbsorientierten Bildungssystems und Arbeitsmarktes. Er wies darauf hin, dass das Hauptproblem die schlechte Kommunikation zwischen Eltern und Kindern sei.

Aktuelle japanische Gesellschaft

Die japanische Gesellschaft hat sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit entwickelt. Aber im neuen Jahrtausend setzte eine Wirtschaftskrise ein, in der man für den sozialen Aufstieg umso mehr tadellos Leistungen und Disziplin beweisen musste. Viele Paare, die das vorangehende Wirtschaftswachstum erlebt haben, hatten nur ein Kind. In diesem Kind ruhten all ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Und frustrierte Wünsche der eigenen Jugend.

Diese Familien unternahmen große finanzielle Anstrengungen, damit ihr Kind am Arbeitsplatz erfolgreich sein konnte. Sie schickten es zum Beispiel auf die beste Schule, wovon sie sich eine strenge, aber exzellente Erziehung erhofften. Sie involvierten den Nachwuchs in unzählige außerschulische Aktivitäten, was wenig oder keinen Raum für Freizeit und Beziehungen zu Gleichaltrigen ließ.

Die Schulen in Japan halten nach wie vor ein sehr hohes Bildungsniveau. Sie schwören auf kontinuierliche Prüfungen, große Mengen an Hausaufgaben und die ständige Beaufsichtigung des Schülers. Oft besuchen japanische Jugendliche zudem lange Sitzungen, während der sie Abende und Wochenenden in der Schule verbringen. Manchmal werden Intensivcamps organisiert, in denen die Schüler in Klassenzimmern schlafen und essen und nacheinander Prüfungen zu verschiedenen Themen ablegen. Viele schlafen nicht, bis sie nicht alle Tests bestanden haben.

Druck auf der Arbeit

Viele passen sich nie an, entweder weil sie besondere pädagogische Bedürfnisse haben oder weil der dauerhafte Stress ihnen psychische Störungen verursacht. Leider hat Japan nicht die nötige Infrastruktur, um Jugendlichen zu helfen, die das vorgesehene Tempo nicht einhalten können.

Wettbewerb, Isolation und Rückzug

Viele dieser Kinder und Jugendlichen beginnen, mit Misstrauen auf ihre Altersgenossen zu schauen. Viele werden wegen schlechter Noten oder anderer, nicht normkonformer Aspekte ihres persönlichen Lebens schikaniert. Es gibt keine Berater oder Sozialarbeiter, die sich um die psychischen Bedürfnisse der Schüler kümmerten, also besteht das Problem fort.

Hikikomori sehen Arbeit nicht als Möglichkeit, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und persönliche Unabhängigkeit zu erlangen. Sie sehen in ihr ein feindseliges Terrain, das sie fürchten, weil sie die Erwartungen an die Produktivität nicht erfüllen können. Sie fühlen sich allein, gestresst, isoliert. Und gleichzeitig von ihrer Familie unter Druck gesetzt, konkurrenzfähiger zu werden.

Wenn wir die unglaubliche technologische Expansion des Landes hinzufügen, ist das ein explosiver Cocktail. Es muss dann nicht mehr verwundern, dass sich die Hikikomori vom Rückzug in ein virtuelles Leben mehr angezogen fühlen. Für sie ist das eine Möglichkeit, der Gesellschaft und ihren Familien zu sagen, dass sie mit der Realität fertig seien. Ihre Welt ist schöner, wenn sie auf einem Bildschirm betrachtet wird. Sie nutzen die Möglichkeiten der virtuellen Unterhaltung innerhalb dieser 4 Wände, essen und schlafen hier.

Jugendlicher in einem Tunnel

Wenn sich ein junger Mensch jedoch wochenlang in seinem Zimmer einsperrt und darauf keine Reaktion folgt, wird das Problem chronisch. Die Hikikomori neigen dazu, die Schule abzubrechen, und sperren sich völlig isoliert in ihren Zimmern ein. Sie vernachlässigen die dabei die Selbstpflege und wenn zum Beispiel ihre Haare geschnitten werden müssen, tun sie das selbst. So können Jahre vergehen. Das Ganze hat sich zu einer Epidemie entwickelt und es wird geschätzt, dass es rund zwei Millionen Hikikomori in Japan gibt.

Japanische Jugendliche sind Opfer eines zunehmend erstickenden und wettbewerbsfähigen Bildungssystems und Arbeitsmarktes.

Wie sich das Problem lösen lässt

Die japanischen Behörden suchen intensiv nach Möglichkeiten, diesen jungen Menschen zu helfen und haben bereits einen ersten Interventionsplan erstellt. Viele Psychologen weisen darauf hin, dass eine erfolgreiche Intervention die Familie berücksichtigen müsste. Sie müsste sicherstellen, dass die Eltern ihre Rolle im Prozess verstehen und die Kommunikation zur nächsten Generation verbessern. Die Reintegration in die Gesellschaft muss zudem schrittweise erfolgen. Oft sind Ex-Hikikomori dabei diejenigen, die andere Betroffene anleiten und unterstützen, ihre freiwillige Haft zu verlassen.

Am wichtigsten ist jedoch, die Eltern von heute darauf vorzubereiten, ihre Kinder mit in die Realität zu nehmen und nicht zuzulassen, dass sie zu Hikikomori werden. Die japanische Gesellschaft muss dieses Problem ernst nehmen und das vom Schulsystem geförderte Streben nach Perfektion zu verringern.

Betrachte das Studium niemals als Verpflichtung, sondern als Möglichkeit, in die schöne und wunderbare Welt des Wissens vorzudringen.