Hervey Cleckley: Der Vater der Psychopathie

26. Oktober 2019
In unserem heutigen Artikel erfährst du mehr über Hervey Cleckley. Er legte die Grundlagen dafür, wie wir heute über Psychopathie denken. Außerdem erklärte er die Gründe für psychopathisches Verhalten.

Vermutlich kommt dir der Name Hervey Cleckley nicht wirklich bekannt vor. Dennoch haben wir alle schon über Psychopathie gehört und viele von uns haben diesen Begriff auch schon fälschlicherweise benutzt, um bestimmte Verhaltensweisen zu beschreiben. Dieser amerikanische Psychiater hat die Grundlagen für Forschungen zu diesem Thema gelegt und hatte so maßgeblichen Einfluss darauf, was wir heute unter Psychopathie verstehen.

Hervey Cleckley lebte von 1903 bis 1984 und war ein herausragender Wissenschaftler. Er führte detaillierte klinische und medizinische Beobachtungen verschiedener Psychopathen durch. Sein wichtigstes Buch, The Mask of Sanity (Die Maske der Normalität), veröffentlichte er im Jahr 1941. Darin beschreibt er sechzehn Psychopathen, die in seiner Beratung oder in Einrichtungen waren, in denen er während seiner beruflichen Laufbahn als Psychiater praktizierte.

Hast du dich jemals gefragt, was genau Psychopathie wirklich ist? Wie können wir sie definieren? Hervey Cleckley revolutionierte die Forschung auf diesem Gebiet und setzte sich besonders intensiv mit dem Gebiet der Psychopathie auseinander. In diesem Artikel werden wir dir seine wichtigsten Erkenntnisse erläutern.

Hervey Cleckley - Mann

Die grundlegenden Charakteristika eines Psychopathen nach Hervey Cleckley

Hervey Cleckley gewann all seine Erkenntnisse durch die Beobachtung seiner eigenen Patienten. Er stellte die Hypothese auf, dass Psychopathen an einem grundlegenden Mangel an Emotionen, Einsichtsfähigkeit und Bewusstsein leiden. Daher können sie das Leben nicht auf die gleiche Weise erleben und erfahren, wie andere Menschen dies tun.

Aufgrund dieses Mangels haben Psychopathen Probleme damit, sich in soziale, ethische, legale und moralische Gesellschaftsnormen einzufügen und diese zu akzeptieren.

Hervey Cleckley identifizierte die grundlegenden Charakteristika eines Psychopathen und entwickelte daraus sechzehn Hauptmerkmale. Diese klassifizierte er dann in drei Gruppen:

Positive Anpassung

  • Oberflächlicher Charme und hohe Intelligenz.
  • Keine Anzeichen für irrationales Denken.
  • Keine Nervosität oder psychoneurotische Manifestationen.
  • Eine sehr geringe Selbstmordwahrscheinlichkeit.

Chronische Verhaltensabweichung

  • Mangel an Reue oder Schamgefühl
  • Lügen und Unaufrichtigkeit
  • Pathologischer Egozentrismus
  • Unfähigkeit, Liebe und andere Gefühle zu empfinden und auszudrücken
  • Mangel an Einsichtsvermögen

Emotional-zwischenmenschliche Defizite

  • Mangelnde Zuverlässigkeit.
  • Groteskes Verhalten unter Alkoholeinfluss, welches aber auch unter normalen Umständen auftreten kann.
  • Ein unpersönliches, gewöhnliches und schlecht integriertes Sexualleben.
  • Fehlen eines klaren Lebensplans.
  • Schwach ausgeprägtes Urteilsvermögen und Unfähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen.
  • Nicht angemessenes, antisoziales Verhalten.

Was genau verstand Hervey Cleckley unter Psychopathie?

Ausgehend von diesen Hauptmerkmalen erweiterte und intensivierte Hervey Cleckley seine Forschungen über Psychopathie fortlaufend. Er dehnte die Forschungen aus und beschrieb die einzelnen Charakteristika immer detaillierter und genauer.

Positive Anpassung

Cleckley beschrieb den typischen Psychopathen als einen grundsätzlich charismatischen, aufrichtigen und angenehmen Menschen. Außerdem wirkt er auf andere Menschen zumeist überdurchschnittlich intelligent und scheint über ein perfektes Urteilsvermögen und weitere beeindruckende Fähigkeiten zu verfügen. Er versteht und diskutiert soziale Normen auf sehr logische und sachliche Weise. Darüber hinaus versteht ein Psychopath sehr genau den Zusammenhang zwischen Handlungen und den daraus resultierenden Konsequenzen.

Weiterhin beobachtete Hervey Cleckley, dass Psychopathen in Situationen, in denen Menschen normalerweise Nervosität, Anspannung oder Stress verspüren, keines dieser Symptome aufweisen. Sie bleiben meist absolut ruhig und gelassen.

In den meisten Fällen, die Cleckley studierte, war das psychopathische Verhalten der Patienten überraschenderweise ein Schutzmechanismus, der sie von Selbstmordgedanken und tatsächlichen Selbstmordversuchen abhielt.

Obwohl sie ein sehr chaotisches und selbstzerstörerisches Leben führten, waren die meisten Selbstmordversuche, die die Psychopathen unternahmen, letztendlich nur leere Drohungen. Sie setzten diese gezielt dazu ein, um mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihren Familien zu erhalten.

Chronische Verhaltensabweichung

Das Verhalten der Patienten war sehr häufig sowohl für die Familienangehörigen, enge Freunde als auch für die Patienten selber schädlich. Dennoch reagierten sie oftmals mit Lügen, versteckten sich und beschuldigten andere, ohne dabei Anzeichen von Schamgefühl oder Reue zu zeigen. Aus diesem Grund kam Cleckley zu der Überzeugung, dass die Gleichgültigkeit, die Psychopathen der Wahrheit gegenüber empfinden, sehr ausgeprägt ist.

Daher ist es auch so schwer zu erkennen, ob ein Psychopath aufrichtig ist oder nicht. Denn sie sind nicht nur gleichgültig, sondern wirken zugleich auch ausgesprochen charmant und verfügen über eine ausgeprägte Überzeugungskraft und manipulative Fähigkeiten. Auch, wenn klare Beweise für das Gegenteil vorliegen, ist es oftmals schwer, nicht an ihrer Argumentation zu zweifeln.

Nun wollen wir uns mit den emotionalen Fähigkeiten seiner Patienten beschäftigen. Grundsätzlich waren sie dazu in der Lage, ihrer Familie, ihren Ehefrauen und Kindern gegenüber ein absolut glaubwürdiges Gefühl der Liebe entgegenzubringen. Dennoch offenbarten ihre Handlungen häufig das komplette Gegenteil.

Die Gefühle und Emotionen der Patienten schienen nur sehr oberflächlich zu sein. Dabei verhielten sie sich ihrem Umfeld gegenüber aber stets sehr überzeugend und glaubwürdig. Allerdings lag die Motivation für ihr Verhalten nicht in den Gefühlen selbst. Sie basierte vielmehr auf logischen Überlegungen. Durch ihr Verhalten wollten sie beispielsweise einer Strafe entgehen oder etwas bekommen, was sie haben wollten.

Daraus wird ersichtlich, dass ein Psychopath niemals in der gleichen Intensität auf sein Umfeld reagieren kann, ganz gleich, wie viele Zugeständnisse man ihnen macht und wie viel Liebe und Zuneigung man ihnen auch entgegenbringt. Die menschliche Ethik, dass wir denen Gutes tun, die gut zu uns sind, ist für sie nur dann von Bedeutung, wenn sie einen persönlichen Vorteil daraus ziehen können.

Emotional-zwischenmenschliche Defizite

Darüber hinaus beobachtete Hervey Cleckley, dass Psychopathen sehr häufig zu Promiskuität neigen. Aufgrund ihrer Unfähigkeit, tiefe emotionale Bindungen aufzubauen, lebten sehr viele von ihnen promisk und hatten viele wechselnde Sexualpartner.

In einigen Fällen nahmen die Patienten die Dienste von Prostituierten in Anspruch und betrogen so ihre Partnerinnen. Cleckley erklärte dieses Verhalten mit dem Fehlen von Restriktionen, die sie davon abhalten würden und der ausgeprägten Impulsivität der Psychopathen.

Außerdem wird es dadurch begünstigt, dass Psychopathen ihren Verpflichtungen gegenüber sehr gleichgültig sind und die Konsequenzen ihres Handelns nicht bedenken und beachten. Darüber hinaus haben sie keine Schuldgefühle, Reue oder Schamgefühl.

Hervey Cleckley beschreibt den typischen Psychopathen als jemanden, der häufig Alkohol konsumiert und übermäßig trinkt. Außerdem fehlt ihm oft ein konkreter Lebensplan. Daher ist er auch nicht in der Lage, gezielte Anstrengungen zu unternehmen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Aus diesem Grund können wir Psychopathen auch nicht als zuverlässige Menschen ansehen.

Darüber hinaus wird sich das Leben eines Psychopathen auch nicht durch seine bisherigen Lebenserfahrungen ändern, denn er ist nicht fähig, aus seinen Fehlern zu lernen. Stattdessen wird er sich stets in gleicher Weise verhalten und seine Handlungen fortlaufend wiederholen.

Das Fehlen von Reue und Schamgefühl, ihre Gleichgültigkeit gegenüber den möglichen katastrophalen Konsequenzen ihrer Handlungen, wie auch ihr Mangel an Einsichtsvermögen verstärken diese Situation noch zusätzlich.

Dieses schlechte Urteilsvermögen wird deutlich, wenn wir uns mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigen. Gleichzeitig verfügen Psychopathen aber in hypothetischen Situationen, die ein moralisches Dilemma in sich bergen, über ein sehr gutes Urteilsvermögen.

Kriminalität

Cleckley hat einen weiteren Aspekt bei seinen psychopathischen Patienten untersucht: ihre Neigung zu Kriminalität. Dabei fand er heraus, dass die meisten Psychopathen weniger schwerwiegende Verbrechen begingen. Meist handelte es sich um kleineren Diebstahl, Fahrzeugdiebstahl, Initiierung von oder Teilnahme an Schlägereien, öffentliche Skandale, Scheckbetrug oder ähnliche Delikte. In nur drei der sechzehn von ihm untersuchten Fälle handelte es sich um Patienten, die zu wiederholtem aggressiven Verhalten neigten.

Dennoch können wir feststellen, dass ihr asoziales Verhalten meistens völlig sinnlos war. Sie verhielten sich auf diese Weise, ohne ein bestimmtes Ziel damit zu verfolgen. Außerdem nahmen sie dabei in Kauf, dass die Konsequenzen aus ihrem Verhalten sehr viel schwerwiegender waren, als der Nutzen, den sie dadurch hatten.

Der Unterschied zwischen „gewöhnlichen“ Kriminellen und Psychopathen besteht im fehlenden Einsichtsvermögen der Psychopathen und der Absicht, die sie mit ihrem Handeln verfolgen. Der „gewöhnliche“ Kriminelle ist sich darüber bewusst, dass seine Handlungen (Verbrechen) ein Mittel zum Zweck sind. Die Handlungen und Zielsetzungen, die er mit seinem Handeln verfolgt, können von der Öffentlichkeit oft nachvollzogen werden. Dennoch werden sie natürlich nicht befürwortet.

Anders verhält sich die Situation bei Psychopathen. Sie verfolgen weder ein bestimmtes Ziel noch gibt es nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten und Handeln. So kann es beispielsweise passieren, dass sie einen kleinen Geldbetrag stehlen und riskieren, dabei erwischt zu werden, obwohl sie dieses Geld weder benötigen oder es jemals ausgeben würden.

Hervey Cleckley - deprimierter Mann

Das Vermächtnis von Hervey Cleckley

Die charakteristischen Merkmale eines Psychopathen, die wir in diesem Artikel beschrieben haben, basieren auf fundierten Studien über die Psychopathie. Dennoch solltest du bedenken und verstehen, zu welcher Zeit und in welchem Umfeld diese Studien durchgeführt wurden. Als Hervey Cleckley vor mehr als siebzig Jahren sein Buch The Mask of Sanity (Die Maske der Normalität) veröffentlichte, gab es nur sehr wenig wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema.

Durch weitere Entwicklungen in der Wissenschaft und weitere Forschungen wurden die Erkenntnisse von Cleckley optimiert, perfektioniert und um wichtige Aspekte erweitert. Dennoch hat er durch seine Arbeit die Grundlagen für diese Forschungen gelegt und trägt bis heute zu einem besseren Verständnis dieser Thematik bei.

Daher ist der Name Hervey Cleckley nach wie vor sehr eng mit der Psychiatrie und besonders mit der Erforschung der Psychopathie verknüpft. Möglicherweise wären ohne seine Forschungen und seine Veröffentlichungen viele der nachfolgenden Untersuchungen gar nicht durchgeführt worden. Somit ist sein Vermächtnis auch heute noch von großem Wert für die Wissenschaft. Er hat durch seine Forschungen den Weg für alle weiteren Erkenntnisse über die Psychopathie geebnet.

  • Cleckley, H. (1988). The mask of sanity: An attempt to clarify some issues about the so-called psychopathic personality (5º Ed.). Augusta, Georgia: E. S. Cleckley
  • Hervey M. Cleckley. (n.d.) Recuperado el 31 de Mayo, 2014, de la web Wikipedia http://en.wikipedia.org/wiki/Hervey_M._Cleckley
  • Patrick, C. J. (2006) Back to the future: Cleckley as a guide to the next generation of psychopathy research. In C. J. (Ed.), Handbook of psychopathy (pp. 605-617). New York, NY, US.: Guilford Press