Herr der Fliegen: Dier Erschaffung einer Gesellschaft

· 8. April 2019

Herr der Fliegen  (1954) ist William Goldings bekanntestes Werk. Während Golding lebte, blieb dieses Stück weitgehend unbeachtet. Erst Jahre nach dem Tod des Autors wurde es populär und gilt heute als ein Klassiker der Nachkriegszeit. Es wurde zweimal auf die große Leinwand gebracht, zuerst 1963 und dann 1990.

Herr der Fliegen  ist eine Allegorie auf die menschliche Natur. Jeder Charakter des Buches stellt also einen wichtigen Aspekt in Bezug auf die Menschheit dar. Die Protagonisten des Werks sind Kinder, die eine Gesellschaft von Grund auf neu erschaffen. Das Buch gibt Antworten auf zahlreiche Fragen, die unseren Alltag kennzeichnen: Wie werden die Rollen in einer Gesellschaft zugewiesen? Wie wird ein Anführer gewählt?

Die Handlung beginnt mit einem Flugzeugabsturz. Dadurch gelangen die jungen Passagiere auf eine einsame Insel. Die Überlebenden müssen sich organisieren, um ihr Überleben zu gewährleisten und gerettet zu werden. Mitten im Nirgendwo entsteht eine neue Gesellschaft, die ihre Standards erst noch festlegen muss. Beim Lesen des Romans entdecken wir, wie jemand böse werden kann, unabhängig von seinem Alter. In Goldings Buch dreht sich alles um die verschiedenen Facetten des Bösen und der menschlichen Natur.

„Die besten Ideen sind die einfachsten.“

Herr der Fliegen

Kinder, Anführer und Allegorien

Der Titel des Buches ist allegorisch. Er spielt auf Beelzebub an, also auf das Böse. Im Roman wird dieses Übel durch den Eberkopf symbolisiert, den die Kinder mit einem Speer aufspießen. Fliegen umschwirren den verwesenden Kopf.

Nachdem die Kinder die Insel erreicht haben, kommen sie zusammen in der Hoffnung, zu überleben und so schnell wie möglich gefunden zu werden. Damit zeigen sie, dass der Mensch von Natur aus sozial ist. Vielleicht bedingt durch die Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, oder aufgrund ihrer Angst und ihres Überlebensinstinkts, entscheiden sich die Kinder für eine demokratische Gemeinschaftsform. Ihr Anführer ist Ralph, der nicht das klügste Kind ist, aber agil und stark und Vertrauen schafft.

Muschel, die im "Herr der Fliegen" ein demokratisches Symbol ist

Was eine Chance hätte sein können, die Erwachsenenwelt eines Besseren zu belehren und zu zeigen, dass Kinder fairer und rationaler sein können, wird zu einer echten Katastrophe. Denn schon bei der Wahl des Anführers entsteht Rivalität. Diese Rivalität führt zu Hass, die Situation gerät außer Kontrolle und schließlich kommt es zur Katastrophe.

Die Hauptfiguren und ihre Eigenschaften

  • Ralph ist der Anführer, der von den anderen Kindern gewählt wurde. Er will demokratisch führen, hat gute Absichten und möchte, dass die Kinder vereint bleiben. Er ist derjenige, der beschließt, ein Feuer anzuzünden, in der Hoffnung, gesehen und gerettet zu werden. Trotz seiner guten Absichten konsultiert er immer auch Piggy. Am Ende verliert Ralph seine Führungsposition und die Kontrolle.
  • Jack, Ralphs Gegenspieler, ist ein weiterer geborener Anführer. Er ist jedoch autoritär. Jack ist der Älteste der Gruppe, wird aber nicht zum Anführer gewählt, was ihn stört. Er ist arrogant und pessimistisch und hat seine Hoffnung verloren, gerettet zu werden. Nach und nach wird er immer irrationaler und zunehmend gewalttätiger. Die anderen Kinder fürchten sich vor ihm und deswegen schließen sie sich ihm an.
  • Piggy wird wegen seines Aussehens und Asthmas verspottet. Er ist jedoch einer der intelligentesten Charaktere und steht für Rationalität. Aufgrund seines Aussehens und seiner schlechten körperlichen Verfassung zieht es niemand in Betracht, ihn als Anführer zu wählen. Trotzdem vertraut Ralph ihm und bittet ihn stets um Hilfe.
  • Simon ist wie Piggy nicht gesund. Er ist zurückhaltend und schüchtern, zeigt jedoch eine große Sensibilität, besonders gegenüber Tieren. Dieser weitsichtige Charakter entdeckt den „Herrn der Fliegen“ und fungiert als Träger der Wahrheit.
  • Roger ist anfangs auf Ralphs Seite, endet aber als Jacks rechte Hand. Roger scheint ein ruhiger und schüchterner Junge zu sein, entdeckt jedoch eine andere Seite an sich. Da keine Gesetze gelten und er keine Konsequenzen für seine Handlungen fürchten muss, beginnt er, gewalttätig zu werden.

Diese Kinder bilden eine Gesellschaft, die inspiriert ist von der Welt, die sie kennen, und eine bestimmte Ordnung abbildet. Letztendlich bricht diese Gesellschaft aber auseinander und radikalisiert sich. Angesichts der Angst, die die Kinder haben, entscheiden sie, dass sie keinen rationalen Anführer brauchen, sondern nur einen starken, der ihnen Nahrung und Frieden garantiert.

Filmszene aus "Herr der Fliegen": Die Kinder halten eine Versammlung am Strand ab.

Die Natur des Bösen in Herr der Fliegen

Herr der Fliegen  zeigt eine Welt, die konträr zu Jean-Jacques Rousseaus Vorstellungen funktioniert. Denn der französische Philosoph ging davon aus, dass die Menschen von Natur aus gütig und nicht böse seien. Rousseau zufolge verderbe erst die Gesellschaft die Menschen. Im Roman passiert das Gegenteil. Die Kinder sind frei und in einem völlig natürlichen Zustand. In Abwesenheit der Gesellschaft und ihrer Regeln werden sie jedoch von ihrer bösen Natur mitgerissen und handeln völlig irrational.

Auf der anderen Seite ist Thomas Hobbes zu erwähnen, der sagte, dass die Gesellschaft das Böse reguliere und uns als vernünftige Wesen bestimme. In Goldings Buch können die Kinder jedoch nicht anders als das Gefühl zu haben, dass sie niemandem auf der Insel gehorchen müssten, obwohl sie versuchen, einen Anführer zu wählen und eine Gesellschaft zu gründen.

Wir sehen, dass die Kinder zunächst versuchen, die Welt und die Erwachsenen, die sie kennen, nachzuahmen. Sie finden eine Muschelschale, die sie für ein demokratisches Symbol halten. Um Nahrung zu finden und das Feuer am Brennen zu halten, organisieren sie sich. Doch am Ende scheitert diese demokratische Utopie.

Einige Kinder denken über die Insel, dass sie ein Traumort sei, da es weder Eltern noch Lehrer gebe. Warum sollten sie also gehorchen? Warum sich nach Regeln richten? Sie lieben die Freiheit und geben sich ihren wildesten Instinkten hin. Auch das Gerücht, dass ein Tier die Insel bewohne, bereitet den Kindern Sorge und daher gewinnt der autoritäre Führer unter ihnen an Zuspruch. So wird die Insel, die ursprünglich ein Paradies war, zum Zentrum schrecklicher Zerstörung.

„Das ist unsere Insel, eine gute Insel. Bis die Erwachsenen kommen, um uns zu holen, werden wir Spaß haben.“

Herr der Fliegen

Eine Filmszene aus "Herr der Fliegen"

Reflektionen

Herr der Fliegen  spricht nicht nur von der menschlichen Natur und dem Verlust der Unschuld. Diese Kinder schaffen auf ihre Weise von Grund auf eine neue Gesellschaft, in der wir verschiedene Rollen erkennen können, die an die reale Welt erinnern.

Die Kinder spalten sich in verschiedene Lager, wie wir es auch in der Realität beobachten können. Sie stehen sich gegenüber wie Menschen im Krieg. Sie belohnen weder Intelligenz, noch suchen sie nach einem vernünftigen Anführer. Stattdessen wollen sie einen starken Führer, der sie vor dem schützen kann, was sie fürchten.

All dies erinnert uns an die Welt, in der wir leben, und daran, wie wir unsere eigenen Anführer wählen. Dies führt uns vor Augen, wie sehr wir uns anstrengen müssen, um in einer demokratischen Gesellschaft zu leben und diese zu unser aller Wohl aufrechtzuerhalten.

„… Angst kann dir nicht mehr schaden als ein Traum.“

Herr der Fliegen