Was geschah wirklich mit Baby Jane? – Wenn Hass sich in Kunst verwandelt

· 29. Dezember 2018

Bette Davis und Joan Crawford: zwei berühmte Schauspielerinnen, viel Talent und eine lebenslange Fehde. Aber warum hassten die beiden Schauspielerinnen einander so sehr, wenn sie eigentlich nicht so verschieden waren? Beide hatten schlechte Beziehungen zu ihren Töchtern, ihre romantischen Beziehungen brachen auseinander und oft tranken sie. Es besteht kein Zweifel, dass diese Hollywood-Fehde viel diskutiert wurde. Trotz dieser Feindschaft wirkten beide Schauspielerinnen an einem filmischen Klassiker mit: Was geschah wirklich mit Baby Jane?

Der Schwarz-Weiß-Film Was geschah wirklich mit Baby Jane  war ein großer Erfolg an den Kinokassen und auch heute noch hat der Film den Status eines Klassikers. Zusätzliche Popularität erhielt er aufgrund der englischsprachigen Serie Feud: Bette and Joan.  Die Serie thematisiert die Rivalität zwischen Davis und Crawford, zeigt aber auch die Probleme, die beide während der gemeinsamen Arbeit an dem Film um Baby Jane  hatten.

Viele jüngere Menschen mögen keine Schwarz-Weiß-Filme sehen. Fast schon als seien sie allergisch gegen diese. Aber der Charme dieser Filme besteht genau darin, dass sie eben nicht in Farbe sind.

Filmszene aus Baby Jane, die Joan Crawford zeigt, wie sie am Telefon nach Hilfe verlangt

Hass und Horror

Wenn wir an Horrorfilme denken, denken wir an Besessenheit, Dämonen, Spezialeffekte, verfluchte Häuser und Kunstblut. Das alles begann in den 70er Jahren, als Filme wie Der Exorzist  herauskamen und das Genre der Horrorfilme für immer verändern sollten.

Der absolute Meister des Horrors war Alfred Hitchcock. Und die meisten seiner Filme wurden in Schwarz-Weiß gedreht. Damals waren die Zuschauer noch an einen anderen Horror gewöhnt. Es war ein subtiler, psychologischer Horror und die Wirkung des Films hing von der schauspielerischen Darstellung und Musik ab, ohne den eigentlichen Horror zu zeigen.

„Sicher, Bette Davis hat mir einige meiner großen Szenen gestohlen. Aber das Lustige ist, wenn ich mir den Film noch einmal ansehe, dann erkenne ich, dass sie wie eine Parodie ihrer selbst aussieht und ich immer noch wie ein Star.“

Joan Crawford

Ist Baby Jane  Hass oder Horror?

Heute sind Horrorfilme anders als Baby Jane.  Die Zuschauer von heute würden Baby Jane  dem Horror-Genre wohl gar nicht zurechnen. Aber die Kinobesucher, die den Film damals zum ersten Mal sahen, empfanden große Furcht. Und die Wahrheit ist, dass Davis keiner besonderen Effekte bedurfte, um sie mit ihren Blicken zu quälen. Sie litten auch mit, als Blanche (gespielt von Crawford) in einem Rollstuhl sitzend verzweifelt versuchte, die Aufmerksamkeit ihres Nachbarn auf sich zu ziehen.

Gibt es überhaupt etwas Schrecklicheres als Hass? Wenn uns jemand hasst, ist diese Person zu allem fähig. Besonders wenn sie den Verstand verloren hat, so wie die Figur der Davis im Film Baby Jane.  Die Angst und Furcht, die der Film im Zuschauer bewirkt, gehen auf den Hass, die Bitterkeit und Rivalität zurück, die dargestellt wird. Wenn eine Person jemanden hasst, mag sie irrational handeln. Sie interessiert sich nämlich nicht für den Schaden, den sie anrichtet, und denkt deswegen auch nicht über mögliche Konsequenzen nach.

Filmszene aus Baby Jane, die Bette Davis mit einer Puppe zeigt

Baby Jane:  zwei Schwestern und zwei Schauspielerinnen

Baby Jane  erzählt die Geschichte von zwei Schwestern, deren ruhmreiche Tage vergangen sind. Die Leute haben sie vergessen. Eine von ihnen, Blanche, sitzt im Rollstuhl und ist ganz auf ihre jüngere Schwester Jane angewiesen. Jane hat jedoch ihren Verstand verloren, weil sie für die Lähmung ihrer Schwester verantwortlich ist. Ihre Tage verbringt sie damit, in den Erinnerungen an ihre glorreichen Tage zu schwelgen, und fühlt sich dann fast wieder jung. Als ob sie mit ihrem Vater singen und tanzen und das Publikum sie lieben würde.

Der Hass zwischen den beiden Schwestern, zusammen mit der Bitterkeit und dem Egoismus, sind die Leitthemen des Films. Fast wie im richtigen Leben. Baby Jane  beginnt mit Jane als Künstlerin, die egozentrisch ist und vom Vater verwöhnt wurde, der jedoch jeden um ihn herum misshandelt, einschließlich seiner Familie. Dann ist da Janes ältere Schwester Blanche. Sie beobachtet Jane, spricht selten und fühlt sich vernachlässigt. Der Film zeigt aber, wie die Bevorzugung Janes Blanche zu einer starken Persönlichkeit heranwachsen lässt. Blanche wird eine erfolgreiche Schauspielerin, während Jane diesen Sprung nicht schafft.

„Man soll niemals schlechte Dinge über Tote sagen, sondern nur gute Dinge. Joan Crawford ist tot. Gut.“

Bette Davis

Jane beginnt, ihre Schwester zu hassen, weil sie ihre die Aufmerksamkeit gestohlen hat. Blanche und Jane sind zwei ewige Rivalen. Obwohl Blanche etwas Mitleid mit ihrer Schwester zu zeigen scheint, sieht der Zuschauer auch, dass das nicht immer so ist. Einige Filmszenen sind verstörend, so wie die Szenen, in denen Jane das Essen für ihre Schwester zubereitet.

Hassgefühle

Man kann die Spannung und den Hass fast durch den Bildschirm spüren. Dies könnte daran liegen, dass sich Jane und Blanche nicht so sehr von Bette und Joan unterscheiden. Hass, verwandelt in Kunst, wird zu etwas Kunstvollem, wenn wir uns den Film anschauen. Dieser Hass war aber auch in der Realität vorhanden. Viel wurde darüber geredet, was am Set von Baby Jane  passiert ist. Davis zum Beispiel hatte einen Coca-Cola-Automaten in ihrer Garderobe, weil Crawford mit einem Pepsi-Manager verheiratet war. Als Davis Crawford für eine Szene tragen musste, beschloss Crawford, ihrem Kostüm extra Gewichte hinzuzufügen.

Für einen Oscar wurde allerdings nur Davis nominiert. Die Rivalität zwischen Crawford und Davis war so groß, dass Crawford eine Kampagne für Anne Bancroft startete, die ebenfalls für den Oscar als beste Schauspielerin nominiert war. Crawford gönnte Davis nichts.

Feud: Bette and Joan:  die Geschichte neu erzählen

Erst kürzlich kam die Serie Feud: Bette and Joan  ins US-amerikanische Fernsehen. Die erfahrenen Schauspielerinnen Susan Sarandon und Jessica Lane spielen hier die Rollen der beiden Rivalinnen. Ryan Murphy führt Regie. Die Serie spielt zur Zeit des Drehs von Baby JaneDie Serie thematisiert auch die Medien und Hollywood-Industrie von damals. Es war eine Branche, in der Frauen die zweite Geige spielten und kaum Chancen hatten. Und vor allem nicht, wenn sie älter wurden und ihre Schönheit vermeintlich zu schwinden drohte.

In der Serie sehen wir, wie die Presse die Rivalität zwischen Davis und Crawford angeheizt hat. Denn die Reporter waren mehr am Schlagabtausch zwischen den beiden interessiert als an ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Wenn die Dinge anders verlaufen wären, wären sie vielleicht nicht so erbitterte Rivalinnen geworden. Die traurige Wahrheit ist, dass Hollywood es genau so wollte. Es war die perfekte Werbung für einen Film, der kein sehr hohes Budget hatte und keinen bekannten Regisseur.

Die Serie Feud  hat einige der interessantesten Momente aus dem Leben dieser beiden Stars eingefangen. Und so hat es Baby Jane  wieder in die Öffentlichkeit geschafft. Die Serie hat mit Sarandon und Lange aber auch eine sehr gute Besetzung.

Die Klugheit von Baby Jane

Baby Jane  versuchte, zwei Schauspielerinnen wieder bekannt zu machen, die beim jüngeren Publikum kaum Interesse weckten. Jahrelang waren sie Stars gewesen, aber nun war ihre Karrieren zum Erlahmen gekommen. Das war der Grund, warum Baby Jane  eine riskante Idee war und warum der Film auch eine brisante Marketingstrategie benötigte. In diesem Fall ging es darum, die Rivalität zwischen den beiden Stars zu schüren und dann auszuschlachten.

Hass kann uns, genau wie die Liebe, zu einer irrationalen Person werden lassen. Beides kann unsere Wahrnehmung verändern. Hollywood interessierte sich nicht für Glück oder Moral. Was in dieser Branche wichtig war – und vielleicht noch ist, genau wie in den meisten großen Unternehmen, ist der Absatz eines Produkts.

„Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selbst sitzt.“

Hermann Hesse