Grease: ein Klassiker unter der Lupe

· 2. Juni 2019

In den letzten Monaten wurde viel über Lieder, Filme oder Bücher aus der Vergangenheit gesprochen, die aus heutiger Sicht den Filter der Political Correctness nicht passieren. Was tun wir in diesen Fällen? Hören wir auf, die Lieder zu hören, die uns unser ganzes Leben begleitet haben? Boykottieren wir unseren Lieblingsfilm?

Tatsächlich kämen wohl nur wenige Filme durch einen solchen Filter, ohne als sexistisch, homophob oder rassistisch eingestuft zu werden. Aber wenn wir sie ignorieren, ignorieren wir auch einen Teil unserer Geschichte und Kultur. Schauen wir uns das am Beispiel des Musicals Grease  doch einmal genauer an.

Grease  markierte eine Trendwende. Der Film wurde imitiert, seine Songs werden heute noch gesungen und er hat sogar eine völlig unnötige Fortsetzung. Jeder große kommerzielle Erfolg bekommt eine Fortsetzung, egal, ob es noch etwas zu erzählen gibt. Wie dem auch sei, es gibt nicht viele Filme, die sich solcher Leistungen rühmen können und einen absolut unsterblichen Soundtrack besitzen.

Wer ihn sich heute noch einmal ansieht, ist vielleicht überrascht, dass er sich trotz der Jahre noch an einige der Dialoge und Songtexte erinnern kann. Aber er ist unter Umständen auch überrascht, zu sehen, dass diese Liebesgeschichte für ihn nicht mehr attraktiv, ja nicht einmal überzeugend ist. Vielleicht müssen wir uns nur in den Kontext der Zeit und des Ortes versetzen, um sie wieder zu genießen?

Das Kino, wie die Kunst im Allgemeinen, unterliegt Kanons, die alles andere als statisch sind. Grease  war in seiner Zeit ein riesiger Erfolg, aber wenn ein ähnlicher Film heute veröffentlicht würde, hätte er nicht mehr die gleiche Wirkung und würde der Kontroverse nicht entgehen.

In diesem Artikel schlagen wir vor, dem Film eine zweite Chance zu geben, Grease aus der aktuellen Perspektive zu analysieren, um zu sehen, wie sich Geschmack, Kino und Kanon entwickelt haben.

Grease – Geschmack versus Qualität

Es sind Jahre vergangen, doch Grease  ist uns gar nicht mal so schlecht in Erinnerung geblieben. Die Sets und Kostüme vermitteln immer noch die nostalgische Atmosphäre, die uns verliebt gemacht hat. Grease  war schon zu seiner Zeit Vintage. Aber wenn wir über seine Handlung, seine Charaktere und im Allgemeinen über seine Qualität sprechen, ist die Wahrheit, dass er viel zu wünschen übrig lässt.

Die Geschichte könnte einfacher nicht sein: Zwei Teenager verlieben sich im Sommer. Sie beide wissen, dass, wenn die Feiertage vorbei sind, sie für immer getrennte Wege gehen werden. Aber Amor scheint seine Arbeit gut gemacht zu haben und so treffen sie sich in der High School wieder.

Ihr erstes Treffen findet nach dem Sommer statt und Danny bringt seine dunkelste Seite zum Vorschein. Sandy ist enttäuscht und der Rest ist Geschichte. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Veranlassung, sich näher mit der Handlung des Films zu beschäftigen. Das Pathos wird von Anfang an versprüht und während des gesamten Films beibehalten.

Die meisten Schauspieler waren älter als 20 Jahre und der Realismus glänzt allein durch seine Abwesenheit. Die Mädchen tragen rosa und die Jungen schwarz. Zufall? Ich denke, nicht. Die Geschlechterkluft ist perfekt definiert; man braucht sich nur das Lied Summer Nights  anzuhören, um die Absichten zu realisieren: Die Mädchen werden als romantisch und sogar materialistisch dargestellt, während die Jungen nur an Sex denken.

Grease  gab sich als unschuldiger Film aus. Er wollte niemanden beleidigen und er passt zu Modellen, die damals gut funktionierten. Was zu einem Zeitpunkt akzeptiert wurde, kann zu einem anderen jedoch anstößig oder kontrovers erscheinen, und Grease bildet da keine Ausnahme. Damals konnten wir nicht über tiefgründige Charaktere sprechen, und heute noch weniger. Die Modelle scheinen uns altmodisch, auch wenn der Spaß an der Sache bleibt.

Ein ewiger Soundtrack

Eine der Stärken von Grease ist zweifellos der Soundtrack. Unvergessliche Lieder, die seit Jahren entweder in Diskotheken oder auf Dorffesten die Tanzfläche füllen. Wer hat nicht John Travoltas Grease Lightnin‘  und den Rest der T-Birds imitiert?

Wir können wohl davon ausgehen, dass Grease  ohne seinen Soundtrack nicht so erfolgreich gewesen wäre. Hinzu kommen die Arbeit der Darsteller, die Chemie zwischen den Protagonisten und ein John Travolta, der seine Talente bereits mit Saturday Night Fever (1977) zur Schau gestellt hatte. Eingängige Musik, tanzbar, buntes Dekor, Retrokostüme und eine romantische Komödie – der Erfolg war garantiert.

Grease  braucht seinen Soundtrack, er braucht ihn, um die Lücken in seiner Handlung zu schließen. Musik verwandelt einen einfachen Film in einen charmanten Film, der in der Lage ist, Legionen von Fans zu mobilisieren. Nun, was ist, wenn wir uns die Songtexte genau anhören? Aus heutiger Perspektive kommen wir auf das gleiche Problem zurück: Sie passieren kaum den Filter der Political Correctness.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Song Beauty School Dropout,  in dem Frenchys Schutzengel ihr eine Reihe von Tipps zur Fortsetzung ihres Studiums gibt. Es werden nur Berufe erwähnt, die damals für Frauen vorgesehen waren: Stenografie, Friseurhandwerk … Es wird auch auf die Rhinoplastik und häusliche Tätigkeiten wie Nähen oder Reinigen verwiesen. Der Song Grease Lightnin‘  hingegen ist in der Welt des Motors, der Autos und der Mechanik, kurz, der „Männersachen“, einzuordnen.

So kann sich nur There are worse things I could do  retten, aber darauf kommen wir später zurück. Wenn wir zum Beispiel an You’re the one that I want  denken und was die mit dem Lied verbundene Szene impliziert, können wir uns nur fragen: Wer, der bei klarem Verstand ist, würde sein ganzes Wesen aus Liebe verändern? Trotzdem schlagen wir vor, dass wir für einige Augenblicke das Jahrhundert vergessen, in dem wir leben und die Musik genießen, ohne zu viel darüber nachzudenken.

Grease – bahnbrechend?

Ja, trotz allem, was wir bislang erläutert haben, hat Grease  etwas Bahnbrechendes. Der Film ist extrem unschuldig, extrem leicht … Aber ist es nicht so, dass wir Mitte der 2000er Jahre größeren Unsinn über die Leinwand flimmern sahen? Erinnern wir uns doch nur an High School Musical  oder Camp Rock.

Diese Filme, „nicht für Diabetiker geeignet“, die aus der Hand der Walt Disney Company kamen, waren nur Mittel zum Zweck, um uns Werbung in den Rachen stopften. Diese Filme eroberten die Herzen der Teenager, auch wenn in ihnen das verliebte Paar höchstens Händchen hielt und man bis zur Fortsetzung warten musste, um einen Kuss zu sehen. Dies wurde durch die Zugehörigkeit zu Disney und die Konzentration auf ein kindliches Publikum gerechtfertigt, aber trotzdem vergeben wir den Machern nicht: Selbst in Schneewittchen sahen wir eine Kussszene mit dem Prinzen!

Das Süßeste an Grease  ist Sandy, aber die anderen Charaktere bewegen sich in einem üblicheren Rahmen für junge Leute: Partys, Spaß, Sex, Alkohol, Zweifel an der Zukunft. Grease  wagt es auch, über Verhütungsmittel und Teenagerschwangerschaften zu sprechen.

Vor Jahren noch schien Sandy liebenswert und zärtlich. Betty hingegen war der Antagonist, das böse, unerträgliche Mädchen, das den Film nur nervig machte. Aber heute nehmen wir die Figuren oft ganz anders war: Betty überrascht angenehm; sie ist eine interessante Figur, viel interessanter, als ursprünglich angenommen.

Charaktere aus "Grease"

Betty raucht und ist das einzige Mädchen aus der Gruppe, das Auto fährt. Denken wir daran, dass das auch bei uns bis vor nicht allzu langer Zeit „Männersachen“ waren. Betty ist eine unabhängige junge Frau, die so viel Spaß haben will wie die Jungen und dafür mit Vorurteilen bestraft wird. In dem Lied There are worse things I could do  zeigt uns Betty ihre Ängste, ihre Unsicherheiten, sie weint und leidet.

Obwohl sie die gleichen Dinge tut wie die Jungen, wird sie für ihre Taten kritisiert, während jene als Helden gefeiert werden. Sogar Männer verurteilen sie, auch wenn sie das Gleiche tun. Betty bricht ein wenig die Form des „Weiblichen“, die Vorstellung davon, wie ein Mädchen sein soll, aber leider ist die Gesellschaft nicht bereit, diesen Bruch zu akzeptieren.

Grease  stellte einige ziemlich interessante Fragen und trotz seiner Fehler funktionierte und funktioniert das Gesamtwerk. Aber wenn wir ein wirklich bahnbrechendes Musical aus den 1970er Jahren sehen wollen, dann ist das wohl eher The Rocky Horror Picture Show.

Grease  gibt nicht vor, irgendwelche Schemata zu durchbrechen, sondern wollte nur, dass wir eine gute Zeit haben, und das ist etwas, worüber sich nicht diskutieren lässt. Er macht auch noch heute Spaß.

Schließlich lässt sich sogar Sinn im fliegenden Auto finden, was lange eine absurde Szene schien, die mit der Realität brach. Aber Grease  will nicht plausibel sein, sondern eine Fantasie, eine Geschichte, und so erinnert uns dieses magische Element daran, dass das, was wir gerade gesehen haben, nicht wirklich passiert ist.

Der Abschluss mit We go together  ist ein Schrei der Freude, der Jugend und des Wunsches, wirklich ansteckend glücklich zu leben. Kurz gesagt, wir können weiterhin das Kino der Vergangenheit genießen und gleichzeitig objektiv reflektieren, wie sich unsere Vorlieben und Werte verändert haben.