Gibt es Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn?

· 14. Juli 2018

Es gibt viele Mythen über die Funktionsweise und Fähigkeiten des Gehirns. Es wurde auch viel über die Unterschiede in den Funktionen zwischen der einen Hirnhälfte und der anderen debattiert. Außerdem sorgten die angeblichen Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn für endlose Diskussionen. Doch wie viel Wahrheit steckt darin? Wissenschaftliche Erkenntnisse über strukturelle und funktionelle Unterschiede des Gehirns zwischen den Geschlechtern sind weniger eindeutig, als manche uns glauben machen möchten.

Was richtig ist, sind die Funde bezüglich einiger struktureller Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn. Nun gibt es viele Menschen, welche diese Tatsache nutzen, um Behauptungen über funktionale Unterschiede aufzustellen. Diese wiederum sind oft ihrer Fantasie entlehnt.

In diesem Beitrag werden wir wissenschaftliche Erkenntnisse über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen einmal näher unter die Lupe nehmen.

5 wissenschaftlich belegte Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn

Schauen wir uns die wichtigsten Unterschiede an, die von der Wissenschaft bestätigt wurden:

  • Männer haben ein größeres Gehirn als Frauen. Eine Studie von Witelson aus dem Jahr 2006 ergab, dass das durchschnittliche Gewicht der Gehirne von Frauen 1248 Gramm beträgt, während das von Männern bei 1378 Gramm liegt. Bei der separaten Untersuchung einiger Gehirne stellten die Forscher jedoch fest, dass manche Frauen eine größere Gehirnkapazität hatten als manche Männer. Abgesehen davon steht die Größe nicht in direktem Zusammenhang mit der Intelligenz, sodass die Bedeutung des Größenunterschieds noch nicht bekannt ist.
  • Laut einer Studie von Cahill aus demselben Jahr, ist der Hippocampus bei Frauen meist größer, aber die Amygdala bei Männern. Der Hippocampus ist mit Funktionen wie unmittelbarer Erinnerung und die Amygdala mit Emotionen und Aggressionen verbunden.
  • Einige Bereiche im Gehirn aktivieren sich je nach Geschlecht unterschiedlich. Zum Beispiel aktivieren emotionale Erinnerungen bei Frauen häufiger die linke Amygdala, aber die rechte bei Männern.
  • Männer haben eine höhere räumliche Intelligenz. Aufgaben, bei denen eine geometrische Figur vor dem geistigen Auge rotiert werden muss, werden von Männern besser gelöst. Für das Gehirn ist das eine visuell-räumliche Aufgabe, ähnlich der Orientierung auf einer Landkarte.
  • Frauen sind besser in der emotionalen Verarbeitung. Sie haben mehr Ressourcen zur Verfügung, wenn es um das Verständnis und die Verarbeitung ihrer Emotionen geht. Das hängt auch mit einer verstärkten Empathie bei Frauen zusammen.

Eine Frau und ein Mann überlegen. Zwischen ihnen leuchtet eine gemalte Glühbirne.

Mythen über die Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren schon immer ein äußerst kontroverses Thema. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn einige wissenschaftliche Studien auf den ersten Blick zu übertriebenen Ergebnissen zu kommen scheinen. Immerhin sind so spannende Schlagzeilen garantiert.

Es ist daher sehr wichtig, die ursprüngliche Quelle einer Information zu finden. Wir sollten alle derartige Aussagen zunächst überprüfen, damit sich solche Mythen nicht auf ewig in unseren Köpfen festsetzen:

  • Das weibliche Gehirn wäre ausgeglichener und vollständiger. Der berühmte Autor des Bestsellers Männer sind vom Mars, Frauen sind von der Venus,  John Gray, schreibt in der Fortsetzung Mars und Venus – die Liebe siegt!,  dass Männer nur eine Gehirnhälfte benutzten, wenn sie Aufgaben ausführen, während Frauen beide verwendeten. Auf diese Aussage folgt eine sehr vereinfachte Schlussfolgerung, die zeitgleich die Grundlage vieler Witze ist: Männer können angeblich nur eine Aufgabe gleichzeitig ausführen. Da diese Tatsache wissenschaftlich nicht belegt ist, bleibt sie mehr als fraglich.
  • Die Gehirnzellen von Frauen wären „hyperaktiv“. Viele nehmen an, dass Frauen empathischer seien und Emotionen besser verarbeiten, weil sie eine höhere Hirnaktivität hätten. Aber niemand hat dies je wissenschaftlich bewiesen. Wie wir oben schon beschrieben haben, stimmt es, dass Frauen eine bessere Verarbeitung von Emotionen zeigen. Nichtsdestotrotz wurde der physiologische Grund dafür bisher nicht gefunden. Erst recht nicht in einer höheren Hirnaktivität.

Die Unterschiede zwischen Individuen können nicht auf das Geschlecht reduziert werden

Menschliches Verhalten ist sehr vielfältig und unvorhersehbar. Trotz unserer Bemühungen, eine Ursachen für solche Unterschiede zu identifzieren, müssen wir zugeben, dass Heterogenität eine ganz normale Eigenschaft des Menschen ist. Trotz zahlreicher Versuche, Unterschiede im Verhalten der Geschlechter auf Unterschiede im Gehirn zurückzuführen, wurde nur wenig bewiesen.

Die Realität ist, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht so ausgeprägt sind wie zwischen einzelnen Individuen. Wahrscheinlich sind viele der festgestellten Unterschiede eher auf die Kultur zurückzuführen. Das geht sogar so weit, dass kulturelle Überzeugungen – wie z. B. dass Frauen schlecht in Mathe wären – einen starken Einfluss auf die Erwartungshaltung und die Selbsteinschätzung haben. Mit anderen Worten: Wenn Frauen ständig eingeredet bekommen, sie wären schlecht in Mathe, dann glauben sie das irgendwann auch.

Auf einem Tisch stehen ein Abakus und liegt ein Buch

Aus diesem Grund wäre es auch nicht weiter überraschend, wenn morgen berichtet würde, dass die Unterschiede im Verhalten der Geschlechter ihre Wurzeln in der Erziehung haben. Es ist daher enorm wichtig, sich nicht zu sehr von der effekthascherischen Kuriosität scheinbar auffälliger Daten beeinflussen zu lassen.

Stattdessen sollten wir alle Informationen auf Herz und Nieren prüfen. Denn es ist an der Zeit, unsere Vorurteile abzulegen. Vielleicht können wir so ein Stück mehr Chancengleichheit erreichen und beiden Geschlechtern die Chance geben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.