Männer sind zu ängstlich und Frauen zu idealistisch

23. Juli 2017 en Emotionen 538 Geteilt

Liebe war nicht immer kompliziert. Bevor es die Idee der romantischen Liebe in der westlichen Gesellschaft gab, führten Männer und Frauen stabilere Beziehungen. Heute dominiert allerdings die Debatte zwischen zwei paradoxen Realitäten: Auf der einen Seite will die Mehrheit diese eine wundervolle Person finden, die ihr Leben prägen wird. Auf der anderen Seite, und hier auch dies wird offensichtlich von der Mehrheit vertreten, geben die Menschen an, sich von der Idee der „wahren Liebe“ gelöst zu haben.

Mit anderen Worten, viele Menschen wollen die Vorteile der Liebe genießen, den Preis aber nicht bezahlen. Diese abstrusen Vorstellungen können sowohl bei Männern als auch bei Frauen gefunden werden. Allerdings erfahren beide diese Vorstellungen auf verschiedene Art und Weise.

„Liebe ist nicht nur, jemanden zu wollen, sondern ihn zu verstehen.“

Françoise Sagan

Die meisten Männer sind sich ihrer Angst vor der Liebe nicht bewusst. Beinahe alle entscheiden sich lieber dafür, Desinteresse am Thema zu zeigen. Sie gehen durch eine Beziehung, ohne zu sagen „was für wunderschöne Augen du hast“  oder sie äußern sich ironisch, sarkastisch oder zynisch bezüglich Zuneigung.

Frauen auf der anderen Seite sind oft Experten darin, zuerst zu idealisieren und später die Männer, mit denen sie eine Beziehung begonnen haben, abzuwerten.

Männer und ihre Ängste

Die größte Angst der Männer ist Verbindlichkeit. Auch wenn dieses Wort sehr klar erscheint, besitzt es tatsächlich mehrere Bedeutungen. Jeder versteht Verbindlichkeit auf eine andere Weise.

Manche denken, dass Verbindlichkeit hieße, in Frauen zu viele Erwartungen zu wecken, sodass jeder Schritt, den sie in einer Beziehung täten, sorgfältig beobachtet würde. Andere denken, dass Verbindlichkeit entstünde, wenn sie ihr Herz öffneten und der Frau zeigten, was in ihrem Inneren passiere. Wieder andere denken, dass Verbindlichkeit nur in einer dauerhaften Beziehung existiere. Die Ängste eines jeden Mannes nehmen verschiedene Formen an, je nachdem, wie er sich fühlt.

Dr. Juan David Nasio, einem bekannten argentinischen Psychoanalytiker zufolge, stammen all diese Ängste aus einer eigenen Quelle: der Angst davor, die eigene Mutter zu enttäuschen , zu hintergehen. Tief in ihrem Inneren folgen sie der Idee, dass nur ihre Mutter ihre unsterbliche Liebe verdient hätte und dass sie dieses Gefühl nicht für eine andere Frau empfinden können.

Das ist die Wurzel ihrer Angst, die sich zum Beispiel darin zeigen kann, dass sie sagen, dass der Frau, mit der sie zusammen sind, etwas fehle. Diese Männer stürzen von einer gescheiterten Beziehung in die nächste. Wenn sie sich genau anschauen würden, was passiert, dann würden sie bemerken, dass sie diejenigen sind, die das Fundament einer langfristigen Beziehung zerstören. Aufgrund ihrer Achtlosigkeit, ihrer fehlenden Sensibilität oder ihrem Bedürfnis nach Kontrolle. Und dann beschweren sie sich, dass es keine Frau gäbe, die ihren Standards entspräche.

Frauen und ihre Idealisierungen

Viele Frauen bauen sich Fantasieschlösser, in denen sie Prinzessin spielen. Dort erschaffen sie Geschichten von unplausibler Liebe, in der der einzige Mann, der ihr Prinz sein kann, jener ist, der mit ihren Neurosen und Unsicherheiten umgehen kann. Sie wollen eine Art „vornehmen Gentleman“, der ihnen das Gefühl von Sicherheit geben kann, das ihnen fehlt, und der sie vor den Schwierigkeiten des Lebens beschützen kann.

Die meisten Frauen würden sagen, dass sie sich als moderne, unabhängige Frauen betrachten. Allerdings springen sie von einer Beziehung in die nächste. Und jedes Mal, wenn eine Beziehung endet, sagen sie sich, dass es die Männer nicht wert seien. Dass sie enttäuscht seien, denn der Mann wäre nicht gewesen, wie zunächst angenommen. Sie behandelten sie ja nicht wie die Prinzessinnen oder Königinnen, die sie niemals waren.

Aber tief in ihrem Inneren sehnen sie sich nach einem Mann, der sich wie eine Frau verhält. Es fällt ihnen schwer, zu verstehen, dass das andere Geschlecht schlichtweg anders tickt. Wenn sie tiefer graben würden, dann könnten sie entdecken, dass ihre Enttäuschung und Abwertung von Männern von der Angst herrührt, betrogen zu werden.

Vielleicht werden die Männer ihrer Unbeständigkeit müde. Vielleicht betrachten sie sie nicht als richtige Frauen oder beschützen sie nicht wie verwöhnte Kinder. Vielleicht verhalten sie sich nicht wie die Ritter in glänzender Rüstung, die sie sein sollten. Der Fehler liegt in der Annahme, dass Männer Prinzen wären statt Menschen aus Fleisch und Blut.

Liebe ist nicht leicht. Und es ist auch nicht leicht, sich lieben zu lassen. Aber es wird unmöglich, wenn die Menschen in der Beziehung an ihren kindischen Fantasien festhalten und sich weigern, sie aufzugeben. Sie verwandeln Liebe dann in ein unmögliches Kunststück.

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