Geteiltes Leid - ist es erträglicher?

29 Mai, 2020
Glaubst du auch, dass geteiltes Leid Trost spenden kann und einfacher zu ertragen ist? Erfahre heute mehr zu diesem Thema!

Es gibt einige bekannte Sprichwörter, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Frage beschäftigen, ob geteiltes Leid leichter zu ertragen ist. Das alte Sprichwort “Elend liebt Gesellschaft” besagt im Grunde, dass es dir besser geht, wenn vielen Menschen und nicht nur dir das gleiche Unglück widerfährt. Allerdings werden deine eigenen Probleme nicht alleine aufgrund der Tatsache verschwinden, dass sich andere Menschen in der gleichen Situation befinden wie du auch.

Andererseits betonen Sprichwörter wie “Geteiltes Leid ist halbes Leid” ebenfalls die Tatsache, dass es tröstlich sein kann, zu wissen, dass du in einer schwierigen Situation nicht alleine bist. Aber liegt in diesen Aussagen tatsächlich eine Wahrheit? Die Antwort lautet: Ja. Du kannst dieses Phänomen in zahlreichen alltäglichen Situationen beobachten.

Wenn ein ein Schüler einen Test nicht besteht, dann verringert sich die negative Auswirkung dieses Misserfolgs, wenn er weiß, dass es seinen Mitschülern nicht besser ergangen ist. Ebenso sind Selbsthilfegruppen für Menschen mit psychischen Erkrankungen eine große Hilfe, weil sie sich mit Menschen austauschen können, die ähnliche Erfahrungen durchleben.

Aber worauf begründet sich dieses Phänomen? Solltest du dich tatsächlich über das Unglück anderer Menschen freuen? Bist du im Grunde genommen “schlecht” und missgünstig? Nein, überhaupt nicht. Es gibt verschiedene Gründe, die erklären, warum all dies geschieht. 

geteiltes Leid - Mann tröstet Frau

Die Auswirkungen des sozialen Vergleichs

Seit vielen Jahren untersuchen verschiedene Studien in der Sozialpsychologie den Druck, den soziale Gruppen auf Individuen ausüben. Ein Großteil der Identität von Menschen entsteht durch ihre Beziehungen mit anderen Menschen. Daher ist deren Einfluss auf dein Selbstbild auch sehr hoch.

Alle Menschen neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, um ihren eigenen Wert und ihre Bedeutung zu messen. Das Resultat dieser Vergleiche hat einen Einfluss auf dein Selbstkonzept. Wenn dir also ein Unglück widerfährt, dann entsprichst du nicht mehr diesem Vergleichsmaßstab. Daher fühlst du dich anders und minderwertig und durchlebst unterschiedlichste negative Emotionen.

Wenn es aber noch andere Menschen gibt, die sich in einer ähnlichen Situation wie du befinden, fällt der Vergleich positiver aus. In gewisser Weise schützt das Unglück der anderen dein eigenes Selbstwertgefühl. Denn nun weißt du, dass du nicht die einzige Person bist, die versagt hat.

Es ist kein Unglück, sondern Teil deiner Menschlichkeit

Der Schlüssel für die Erleichterung, die dir das Wissen verschafft, dass nicht nur du dich in einer schwierigen Situation befindest, ist folgender: Es erinnert dich daran, dass wir alle Menschen sind. Dennoch kann der emotionale Schock groß sein, wenn du ein negatives Erlebnis hast, das du nicht erwartet hast.

Vielleicht hast du eine wichtige Prüfung nicht bestanden oder dein Partner betrügt dich oder du hast eine Panikattacke… All diese Situationen versetzen dich zunächst einmal in eine nachteilige Position. Du hast das Gefühl, dass du persönlich versagt hast; dass du nicht genügst und dass irgendetwas mit dir nicht stimmt.

Wenn du aber weißt, dass du nicht der einzige Mensch bist, der Probleme hat, erweitert sich dadurch deine Perspektive. Du wirst an deine Menschlichkeit erinnert und auch daran, dass jeder Mensch positive und negative Erlebnisse haben kann. Letztendlich ist Schmerz genauso Teil der Lebenserfahrung wie Freude. Misserfolg und Erfolg sind beide Teil des Lebens.

Das Einzige, was dir helfen wird, ist es, deinen Geist zu beruhigen. Außerdem musst du deinen inneren Dialog zum Schweigen bringen, der dir Vorwürfe macht. Darüber hinaus solltest du auch deine Emotionen als vorübergehenden Prozess betrachten und annehmen. Wenn du andere Menschen beobachtest, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, kann dich das auch dazu motivieren, deine eigenen Ressourcen zu aktivieren. Und letztendlich kannst du auch von ihnen lernen und versuchen, es selber besser zu machen.

geteiltes Leid - traurige Frau

Geteiltes Leid – werde aktiv!

Obwohl geteiltes Leid dir tatsächlich eine gewisse Erleichterung verschaffen kann, solltest du dennoch selber aktiv werden. Wenn du eine Prüfung nicht bestanden hast, dann solltest du mehr lernen, um die nächste zu bestehen. Die Tatsache, dass deine Klassenkameraden auch schlechte Noten haben, wird deine eigenen nicht verbessern.

Wenn deine Beziehung gescheitert ist, dann musst du selber herausfinden, wie du über diese Situation hinwegkommen kannst. Es ist keine gute Idee, wenn du den Kummer anderer Menschen nutzt, die durch die gleiche Erfahrung hindurchgehen, um dich selber besser zu führen.

Stattdessen kannst du sie mit deinem eigenen Verhalten dazu inspirieren, sich vorwärts zu bewegen. Darüber hinaus bedeutet geteiltes Leid auch nicht, dass du dich gemeinsam mit ihnen in die Opferrolle begibst oder ihr euch gegenseitig in eurer Wut und Ressentiments bestärkt.

Nur deine eigenen Handlungen können dich aus deiner momentanen Situation befreien und dich dahin führen, wohin du gehen möchtest. Daher solltest du den Vergleich mit anderen als Inspiration nutzen, um weiter voranzuschreiten. Darüber hinaus kannst du ihr Verhalten in schwierigen Situationen beobachten und von ihnen lernen. Daher solltest du dich von anderen Menschen inspirieren lassen und von ihnen lernen, um deine eigenen Flügel zu reparieren und wieder zu fliegen.

  • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human relations7(2), 117-140.
  • Robinson, W. P., & Tajfel, H. (Eds.). (1996). Social groups and identities: Developing the legacy of Henri Tajfel. Psychology Press.