Genuss und Sucht – Substanz oder Gefühl?

30. Januar 2020
Wir glauben, dass wir von Substanzen abhängig werden. Was ist jedoch, wenn der Grund für die Abhängigkeit in dem Gefühl besteht, das sie in uns erzeugen? Daher stellen wir uns die Frage: Ist es Genuss oder Sucht?

Ist Genuss der Grund für eine Sucht? Drogenabhängigkeit ist ein Problem, von dem heute immer mehr Menschen betroffen sind. Allerdings könnte der Grund für den Missbrauch verschiedener Substanzen gar nicht direkt mit den Drogen in Zusammenhang stehen. Stattdessen könnten andere Prozesse ursächlich für die Entstehung einer Sucht sein. In unserem heutigen Artikel wollen wir die Hypothese diskutieren, dass Menschen gar nicht von den Substanzen selbst abhängig werden, sondern von dem Genuss und dem angenehmen Gefühl, das sie in uns erzeugen.

Um diese Behauptung näher zu erläutern, wollen wir dir eines der vielen Experimente beschreiben, die zu diesem Thema durchgeführt wurden. Dieses Experiment wurde in den 1980er Jahren durchgeführt und ist sehr aufschlussreich.

Genuss, Sucht, Heroin, Kokain und Ratten

Genuss - verzweifelte Frau

Das erwähnte Experiment bestand darin, eine Ratte in einen Käfig zu setzen. Darin befanden sich zwei Flaschen: eine enthielt Wasser und in der anderen Flasche befand sich Wasser, in welchem entweder Kokain oder Heroin aufgelöst war. Die Ergebnisse waren jedes Mal gleich, unabhängig von der Ratte, die im Käfig war. Jede einzelne Ratte wurde von der Droge abhängig und trank so lange von der Drogenlösung, bis sie schließlich verstarb. Genau dieses Muster wiederholt sich auch bei drogensüchtigen Menschen.

Allerdings gab es in diesem Experiment eine Variable, die wir noch nicht erwähnt haben. Die Ratten befanden sich allein im Käfig. Daher stellte sich die Frage, was passieren würde, wenn sie in Gesellschaft anderer Ratten sind. Daraus entwickelte sich dann eine weitere Versuchsanordnung. Die Forscher bauten einen kleinen Ratten-Park. Darin befanden sich Nahrung, farbige Bälle und alles, was die Ratten brauchten, um sich wohl zu fühlen. Die Ergebnisse waren wirklich erstaunlich!

Viele Ratten tranken überhaupt nicht von dem Drogenwasser und diejenigen, die davon tranken, taten dies auf maßvolle Weise. Während alle Ratten im Isolations-Experiment an einer Überdosis starben, wurden die Ratten, die gemeinsam im Ratten-Vergnügungs-Park waren, nicht süchtig.

Zusammenhang zwischen Isolation und dem Genuss von Drogen

Eine Tatsache wurde bei diesem Experiment sehr deutlich. Die isolierten Ratten, die sich zudem in einer kargen Umgebung und ohne zusätzliche Reize aufhielten, waren wesentlich anfälliger dafür, eine Sucht zu entwickeln. Darüber hinaus haben sie letztendlich alle Selbstmord begangen, weil sie übermäßig viele Drogen konsumiert haben. Genau das Gleiche passiert auch mit Menschen. Drogenabhängigkeit hat nicht direkt mit den Substanzen selber zu tun, sondern vielmehr mit dem Genuss und dem angenehmen Gefühl, das sie beim Konsumenten bewirken.

Wenn wir uns selber von anderen Menschen freiwillig oder unfreiwillig isolieren, dann erzeugt unser Gehirn eine Substanz namens Myelin. Sie bewirkt Veränderungen unseres kognitiven und emotionalen Verhaltens, welche zu Depressionen, Ängsten und Angststörungen führen können. Daher fühlen wir uns schlecht, denn genau wie Ratten sind auch wir Menschen soziale Wesen. Wir müssen Beziehungen zu unseren Mitmenschen aufbauen und pflegen.

Wenn wir isoliert und einsam sind,  können wir daher leichter abhängig werden. Das liegt daran, dass Drogen die Ausschüttung von Dopamin erhöhen, der Substanz, die uns glücklich macht.

Darüber hinaus betäuben Drogen unser Gehirn und helfen uns so, nicht viel nachdenken zu müssen. Außerdem wirken sie enthemmend und wir können uns von unseren Problemen und allem, was uns verletzt, zumindest vorübergehend distanzieren. Drogenkonsum ist daher eine Art Vermeidungsverhalten.

Familiengeschichte und Drogenkonsum

Genuss - Frau mit ihrem Smartphone

Dennoch haben wir eingangs erklärt, warum wir nicht direkt von diesen Substanzen abhängig werden, sondern von dem Genuss und den angenehmen Gefühlen, die sie in uns bewirken. Darüber hinaus gibt es einen weiteren sehr entscheidenden Faktor, wenn wir über Sucht sprechen: die Familiengeschichte.

Wenn unsere Eltern süchtig waren oder eine toxische Beziehung geführt haben, dann haben wir uns möglicherweise oftmals überflüssig, ignoriert und isoliert gefühlt.

Wie wir jetzt wissen, führen derartige Situationen häufig dazu, dass wir Zuflucht in Drogen suchen, weil unsere Lebensumstände nicht glücklich sind und wir nicht von so vielen Freunden umgeben sind, wie die Ratten in ihrem Vergnügungspark. Wir fühlen uns daher genauso wie die einsamen Ratten im Käfig.

Viele Menschen fühlen sich schuldig, nachdem sie eine Sucht entwickelt haben. Allerdings erkennen sie nicht, dass sie gar nicht wirklich von den Drogen abhängig sind. Vielmehr ist es das Gefühl, das sie bekommen, wenn sie diese Substanzen konsumieren. Daher stellt sich die Frage: Warum wollen sie dieses Gefühl immer wieder erleben?

Alles, was dich emotional belastet, kann dazu führen, dass du dieses Gefühl durch den Konsum von Drogen verändern möchtest. Darüber hinaus erhöhst du dein Suchtrisiko zusätzlich, wenn du dich mit Menschen umgibst, die ebenfalls Drogen konsumieren. Da auch diese Menschen häufig unter emotionalen Problemen leiden und unzufrieden mit ihrem Leben sind, erhöht sich das Risiko, dass auch du in diesen Suchtkreislauf gerätst.

Abschließende Gedanken

Wenn Abhängigkeit ausschließlich durch Drogen und andere Substanzen verursacht würde, stellt sich die Frage, warum manche Menschen nicht ohne ihr Handy oder Computerspiele leben können? Der Grund für ihre Sucht ist also nicht die bestimmte Substanz selbst, sondern vielmehr das Gefühl, das sie in ihnen bewirkt. Außerdem können sie, zumindest für eine gewisse Zeit, ihre Probleme vergessen.

Letztendlich sind Sucht und Abhängigkeiten nichts anderes als Fluchtventile. Daher werden sie auch so lange bestehen bleiben, so lange wir in diesem Teufelskreislauf weiterleben.

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