Gegenübertragung: die emotionale Reaktion des Therapeuten

Der Therapeut beeinflusst in einer Intervention den Patienten, kann jedoch auch selbst Zuneigung oder Ablehnung entwickeln. Psychologen nennen dies Übertragung und Gegenübertragung. Lies weiter, um mehr darüber zu erfahren.
Gegenübertragung: die emotionale Reaktion des Therapeuten
Sophie Aurélie Elpel

Geprüft und freigegeben von Sophie Aurélie Elpel.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 19. September 2022

Der Therapieprozess verändert sowohl den Patienten als auch den Therapeuten. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die behandelnde Person nicht unempfänglich für die Geschichten oder Probleme der Patienten ist. Sigmund Freud prägte den Begriff der Gegenübertragung, um die Reaktion sowie die Erwartungen, Gefühle oder Vorurteile von Therapeuten gegenüber den Patienten zu beschreiben.

Grundlage für jede Psychotherapie ist, dass sich die Patienten wohlfühlen. Die therapeutische Bindung ist vielleicht eines der entscheidendsten Elemente für das Ergebnis der Intervention, denn das Engagement der behandelten Person hängt stark von den Besonderheiten dieser Beziehung ab. Allerdings wird selten darüber nachgedacht, wie sich Therapeuten in dieser Interaktion fühlen und dass damit verbundende Emotionen oft weit über die 50 Minuten einer Sitzung hinausgehen.

Therapeuten versuchen, so neutral wie möglich zu sein. Aber natürlich bringen sie sich auch immer in die Sitzung ein. Deshalb ist es für sie vorteilhaft, selbst eine Psychotherapie oder eine Fallsupervision zu durchlaufen.

Gegenübertragung: die emotionale Reaktion des Therapeuten
Die persönliche Therapie und Fallsupervision ist für Therapeuten unerlässlich, um den Prozess der Patienten nicht zu beeinträchtigen.

Gegenübertragung: Wie sich Therapeuten in die Sitzung einbringen

Sigmund Freud, Neurologe und Begründer der Psychoanalyse, interessierte sich besonders dafür, was während einer Therapie geschieht. Er wusste, dass Therapeuten keine Roboter sind und deshalb ihr persönliches Leben nicht einfach abschalten können, sobald sie eine Bewertung, Intervention oder wenn sie Nachsorgemaßnahmen durchführen. Er beschäftigte sich mit der Gegenübertragung, das heißt mit der Reaktion auf den Patienten und wie sich die persönlichen Züge des Therapeuten anschließend auf den Patienten auswirken.

Fakt ist: Die internen Prozesse der Fachkräfte fließen in die Behandlung ein und beeinflussen den kognitiven Zustand des Patienten. Emotionale Aspekte spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Für Therapeuten ist es daher wichtig, diese Tatsache in ihre persönlichen Therapiesitzungen einzubeziehen (Fedida, 1979).

Gegenübertragung: Wie kann der Störfaktor verhindert werden?

Wünsche, Abwehrmechanismen, Ängste, Befürchtungen und Emotionen des Therapeuten können während der Intervention in den Vordergrund treten. Deswegen ist es wichtig, dass Fachkräfte ihr eigenes Leben ausreichend aufarbeiten – denn der Therapieraum gehört dem Patienten. Trotzdem ist die Gegenübertragung kaum zu verhindern. Aber gefühlsbetonte Situationen und ähnliche Erfahrungen können zur Beeinflussung des Patienten während der Therapie führen. Wie sehr, hängt vom jeweiligen Charakter und den Beweggründen ab.

Die Gefühle des Therapeuten können aus unterschiedlichen Gründen mobilisiert werden, nicht nur, wenn ähnliche Erfahrungen vorliegen. Auch subtilere Aspekte wie der Tonfall des Patienten, seine Art, Dinge zu erzählen, sein Sinn für Humor usw. können beim Therapeuten unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, die er bewusst oder unbewusst wahrnimmt.

Die Gegenübertragung ist ein Indikator dafür, ob die Therapiekraft mit einem Fall umgehen kann oder nicht. Bei sehr intensiven und unkontrollierbaren Emotionen kann es besser sein, eine andere Fachkraft zu empfehlen. Daher ist es wichtig zu erkennen, wann eine andere Person besser für die Behandlung eines Patienten geeignet ist.

Gegenübertragung des Therapeuten
Wenn der Therapeut seine eigene Geschichte verarbeitet hat, ist es ihm eher möglich, die Prozesse des Patienten von seinen eigenen zu trennen.

Können die Gefühle des Therapeuten in der Intervention von Nutzen sein?

Die Gefühle des Therapeuten können durchaus auch von Nutzen sein. Allerdings geht es nicht darum, die affektiven Reaktionen des Therapeuten aktiv in die Intervention mit einzubringen, sondern diese sinnvoll zu nutzen, um den Patienten zu therapieren. Die Patienten legen in der Therapie ihre Überzeugungen, ihre Empfindungen, Hoffnungen, Anschauungen und ihre Wesensart offen. Sie wiederholen im therapeutischen Raum die Dynamik, die sie draußen bewusst oder unbewusst erleben.

Die Gefühle des Patienten hängen also nicht nur mit dem Therapeuten zusammen, sondern vielmehr mit den eigenen Erfahrungen, die in den Therapieraum einfließen. Nimmt die Fachkraft diese Erfahrungen auf, kommt es zur Übertragung, da diese Erlebnisse die Psyche des Therapeuten beeinflussen. Und das ist in der Intervention durchaus auch wertvoll und hilfreich: Denn nur durch die Wahrnehmung eigener Empfindungen, kann der Therapeut möglicherweise folgende Fragen für sich beantworten.

Gibt der Patient dem Therapeuten das Gefühl, dass er alles schlecht macht? Ist der Patient in Eile, da er denkt, dass er bereits geheilt ist? Verbindet ihn seine Art des Sprechens mit einer tiefen Traurigkeit?

Fazit: Das Ziel der Therapie ist, dass sich der Patient wohlfühlt, denn dies fördert die therapeutische Bindung. Die Erfahrungen, die Therapeuten über ihre beruflichen Fähigkeiten hinaus in die Therapie einbringen, können für Patienten förderlich oder hinderlich sein. Wie bei jeder menschlichen Interaktion werden von beiden Seiten Emotionen mobilisiert. Der Therapeut muss deshalb in der Lage sein, mit bestimmten Gedankenströmen umzugehen und sie entsprechend zu nutzen – oder eben nicht.

“Wenn ein Therapeut vor einem Patienten sitzt, stellt er ihm seine eigene Beziehung zu sich selbst vor Augen.

Grildin, 2015

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