Ganz oder gar nicht: Arbeitslosigkeit überstehen

8. Januar 2019

Ganz oder gar nicht  ist eine britische Komödie von Peter Cattaneo aus dem Jahr 1997. In den Hauptrollen spielen Robert Carlyle, Mark Addy und Tom Wilkinson. Für den Dreh der Komödie gab es kein großartiges Budget und man erwartete nur mäßigen Erfolg. Trotzdem wurde der Film ein Hit an den Abendkassen und erhielt mehrere Oscar-Nominierungen. Leider konkurrierte Ganz oder gar nicht  mit Titanic.  Der britische Film wurde vom großen Gewinner des Jahres völlig in den Schatten gestellt – und konnte trotzdem den Oscar für die beste Filmmusik gewinnen.

Ganz oder gar nicht  steht auf vielen Listen der besten Komödien aller Zeiten. Vor allen Dingen, wenn es um britische Filme geht. Im englischen Original heißt der Film The Full Monty,  was im Deutschen so viel bedeutet wie „Das volle Programm“.

Wandel in Sheffield

Der Film spielt in der englischen Stadt Sheffield, in einem Gebiet, das dank seiner Stahlindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Der beste Stahl der Welt wurde in Sheffield produziert; viktorianische Bauten wurden abgerissen und stattdessen wurden Häuser für die Zukunft gebaut. Die Bevölkerung Sheffields, die sich ganz der Industrie widmete, machte die Stadt zu einem Vorbild der Wirkung der Konjunktur.

Ganz oder gar nicht  beginnt mit einem dokumentarischen Kurzfilm, der dem Zuschauer die ruhmreiche Vergangenheit der 1970er in Sheffield zeigt. Diese Stadt war ein Ort, an dem zwar hart gearbeitet wurde, aber auch nebenbei viel Zeit für das Vergnügen blieb. Sheffields Einwohner lebten glücklich und zufrieden.

Ein Arbeitsamt in Sheffield, an dem ein Mann vorbeigeht

Doch nach dem Kurzfilm wird 25 Jahre vorgespult und der Zuschauer sieht eine ganz andere Stadt auf der Leinwand. Alles sieht nun grau und öde aus. Sheffield ist nicht mehr die wohlhabende Stadt, die zu Beginn gezeigt wurde. Die Fabriken schließen, und die Industrie verändert sich schneller und schneller, während die Einwohner immer älter werden. War die Stadt einst ein Symbol für Wohlstand, spiegelt sie jetzt Armut wider. Die meisten Einwohner Sheffields, besonders die Männer, arbeiten immer noch in den Fabriken. Aufgrund der Krise in der Stahlindustrie warten die meisten von ihnen jedoch auf ihre Entlassung.

Der Beginn eines Plans

Arbeitslosigkeit kann dazu führen, dass wir depressiv werden, genau so, wie wir es bei den Protagonisten von Ganz oder gar nicht  sehen können. Wir brauchen unseren Job nicht nur, um zu überleben und unsere Schulden zu bezahlen. Die Arbeit gibt uns auch einen Zweck, eine Motivation und einen Grund, jeden Morgen aufzustehen.

Die Männer, die uns im Film vorgestellt werden, sind sehr unterschiedlich, haben aber alle etwas gemeinsam: ihre Arbeitslosigkeit. Diese dramatische Situation wird zum Ausgangspunkt einer zunächst völlig verrückten Idee, nach der sie eine Striptease-Show organisieren wollen. Kreativität, Freiheit und vor allem Humor machen diese Komödie aus. Wir werden eingeladen, zu lächeln und eine Lösung zu finden – einen Ausweg aus einer schwierigen Situation. „Anpassen oder sterben“ könnte das perfektes Motto der Filmfiguren lauten. Trotz der anfänglichen Angst, die dieses Abenteuer in ihnen hervorruft, werden sie kreativ, um einen Ausweg aus ihrer scheinbar hoffnungslosen Situation zu finden.

Kreativität in Ganz oder gar nicht

Die Fabriken müssen ihre Arbeiter entlassen. Die Stadt Sheffield, die fast ausschließlich von der Stahlindustrie lebte, befindet sich im Niedergang. Die vorherrschende Arbeitslosigkeit ist eine Situation, in der die Menschen ihre Träume und ihren Lebensinhalt verlieren.

Dahingegen werden Sheffields Frauen von Tag zu Tag unabhängiger. Sie brauchen keine Ehemänner mehr, um sie zu unterstützen, weil sie für sich selbst sorgen können. Der Kampf um Gleichberechtigung, sexuelle Befreiung und Unabhängigkeit führt dazu, dass die Frauen sich immer freier in der Gesellschaft bewegen.

Manche Frauen wollen nun auch nackte Männer sehen. Sie suchen nach dem perfekt geformten männlichen Körper, um sich so auch sexuell zu emanzipieren. Sie wollen Männer mit dem gleichen Begehren betrachten, wie diese nackte Frauen ansehen. Deswegen gehen manche der Frauen zu einer Chippendales-Show. Hier kommen die intimsten Sehnsüchte der Frauen ans Licht, und während sie sich von den wohlgeformten Strippern begeistern lassen, fühlen sich ihre Ehemänner, Ex-Männer und andere Familienmitglieder minderwertig und nutzlos.

Die Männer von Sheffield studieren eine Choreographie ein.

Die Männer von Sheffield werden bei der Arbeit nicht benötigt und ihre Frauen brauchen sie auch nicht mehr. Sie fühlen sich zu nichts mehr nutze und sind daher frustriert. Diese Art der Verzweiflung kann jedoch zu einer Quelle von Kreativität werden und zu Neuerungen führen – und so ist es auch im Film.

Gaz, eine der Hauptfiguren, ist geschieden. Er hat keinen Job und ist hoch verschuldet. Aber seine Ex-Frau hat es geschafft, ein neues Leben mit einem anderen Mann anzufangen. Abgesehen davon lebt Gaz mit seinem Sohn zusammen, der keine gute Beziehung zu ihm hat. Gaz versteht zunächst nicht die Faszination, die diese muskulösen Männer bei den Frauen auslösen. Er merkt jedoch bald, dass das Strippen ein gutes Geschäft sein könnte, ihm zu helfen, aus seiner aktuellen Situation zu entkommen.

Sich neu erfinden

Im Laufe der Zeit und aufgrund des technologischen Fortschritts haben wir manchmal keine andere Wahl, als uns neu zu erfinden. Besonders in Krisenzeiten kommt es auf unsere Kreativität an. Ganz oder gar nicht  präsentiert uns eine Gruppe von Männern, die allesamt verzweifelt sind. Einige von ihnen sind depressiv und ihr Leben ist leer. Trotz dieser schwierigen Umstände schmieden sie einen Plan. Der scheint zunächst verrückt zu sein, doch später stellen wir fest, dass er ihnen nicht nur wirtschaftliche Vorteile bringt, sondern sie auch dazu anregt, sich ihren Alltagsrealitäten zu stellen.

Einige dieser Männer leugnen ihren neuen Alltag. Wir sehen das in der Figur Geralds, der Vorarbeiter in einer Fabrik war. Er behandelt seine früheren Angestellten immer noch, als ob er ihr Chef wäre. Er gesteht seiner Frau nicht, dass er arbeitslos ist. Gerald will seinen Status nicht verlieren. Trotzdem beschließt er, sich der Gruppe um Gaz anzuschließen. Langsam gehen die Männer eine Partnerschaft ein, um eine einzigartige Show auf die Bühne zu bringen.

Schönheit ist nicht nur für Frauen

Ganz oder gar nicht  bringt die Männer von Sheffield auch in Situationen, die Frauen nicht fremd sind. Sollte ein dicker Kerl sich ausziehen? Sollte ein Mann mit Falten sich nackig machen? Wer würde dafür bezahlen? Wer würde dafür bezahlen, echte Männer zu sehen?

Das ist der Punkt, an dem die Männer anfangen, sich befangen zu fühlen. Sie spüren den Druck, eine männliche Sexbombe zu sein. An einem Punkt im Film sehen wir, wie diese normalen Männer durch eine Zeitschrift mit nackten Frauen blättern. Einige der Männer kritisieren die Brüste der Fotomodelle, andere loben sie … und so beginnt ein Gespräch, in dem die Männer etwas realisieren: Wenn sie sich ihrer Kleidung entledigen, dann werden sie derselben Kritik ausgesetzt sein. Die so männliche Tendenz, Frauen als Objekte zu betrachten, wird dann ihnen selbst widerfahren.

Viele von ihnen fangen an, Angst zu empfinden – die Angst, beurteilt zu werden. Sie beginnen, sich selbstkritisch zu betrachten. Sie fangen mit Diäten an und reiben sich mit Anti-Falten-Cremes ein. Das ist etwas, das viele Frauen als völlig normal empfinden, was unter Männern aber eher verpönt ist. Nun, jetzt werden es Frauen sein, die urteilen, objektivieren und das Aussehen der Männer kritisieren.

Die Filmfiguren von "Ganz oder gar nicht" lachen in die Kamera.

Die Popularität von Ganz oder gar nicht

Ganz oder gar nicht  ist ein komödiantisches Glanzstück. Es ist ein Abenteuer, bei dem Männer, die in einer so „männlichen“ Industrie wie der Metallurgie tätig waren, trotz ihrer Umstände, ihres Alters oder ihres Gewichts das Tanzen und die Kunst des Verführens lernen müssen. In einer Gesellschaft, in der Frauen sie nicht mehr brauchen, sehen sich diese Männer weiblicher Kritik ausgesetzt.

Die Komödie besticht durch ihre unvergesslichen Szenen und jene Filmmusik, die den Oscar verdient hat. Der Film ist eine Komödie, die sich mit der Arbeiterklasse und der Arbeitslosigkeit befasst. Leider sind dies Themen, die uns bis heute sehr vertraut sind.