Der Fall Dora: Ein Symbol der Psychoanalyse

· 29. Oktober 2018

Der Fall Dora gehört zu den bekanntesten und sicher auch interessantesten der Psychoanalyse. Man könnte sogar sagen, dass er eines der Fundamente dieser Theorie ist. Sigmund Freud selbst nahm sich seiner an und bestätigte anhand dieses Falles einige seiner Ansätze zum Konzept der Hysterie.

Der Fall Dora bestätigte Freud in einer seiner grundlegenden Annahmen, nach der die Symptome der Hysterie das Ergebnis unterdrückter sexueller Fantasien seien. Der wahre Name der Patientin war Ida Bauer. Über drei Monate hinweg war sie bei Freud in der Psychoanalyse, bis sie die Therapie ihrerseits unterbrach.

Der Fall Dora wurde 1905 in dem Werk Bruchstücke einer Hysterieanalyse  von Sigmund Freud erstbeschrieben.

„Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‚Was will eine Frau eigentlich?'“

Sigmund Freud

Hysterische Symptome im Fall Dora

Ida Bauer kam, zusammen mit ihrem Vater, der ein langjähriger Patient Freuds war, in dessen Sprechstunde. In ihrem ersten Gespräch berichtete sie von körperlichen Beschwerden, die sie quälten. Insbesondere litt sie an häufigen Hustenanfällen. Sie war damals 16 Jahre alt. Kurz nach ihrem ersten Besuch in Freuds Wiener Praxis verschwand der Husten. Somit kam sie zunächst in keine weitere Sprechstunde. Erst als die Hustenanfälle nach etwa zwei Jahren zurückkehrten, suchte Ida die Praxis von Freud noch einmal auf.

Der Fall Dora: Zeichnung der Patientin

Freud erwähnte, dass die Patientin bereits seit ihrer Kindheit an unterschiedlichen physischen Symptomen gelitten habe. Mit 8 Jahren litt sie an Kurzatmigkeit. Ab einem Alter von 12 Jahren präsentierte sie chronische Kopfschmerzen und erste Hustenanfälle. Was ihre psychische Gesundheit betrifft, so nimmt man an, dass sie ebenfalls an Depressionen litt, die durch ihre emotionale Unbeständigkeit verursacht wurden. Sie vermied soziale Kontakte, da diese sie überanstrengten. Gleichzeitig hatte sie regelmäßig Streit mit ihrer Mutter und distanzierte sich von ihrem Vater. Tatsächlich fanden ihre Eltern einen Brief, in dem sie ihren Selbstmord ankündigte.

Die Welt von Dora

Doras Familienverhältnisse waren schwierig. Ida arbeitete regelmäßig als Babysitterin bei der Familie K; ihr Vater war der Liebhaber von Frau K. Anfangs versuchte sie, diese Information vor Freud geheim zu halten. Der Mutter von Ida war die Rolle der Hausfrau zugeschrieben, weshalb sie wenig Präsenz zeigte. Über die Untreue ihres Vaters zeigte sich Ida empört.

Als Freud von dieser Untreue erfuhr, fokussierte er seine Analyse und die daraus resultierende Hypothese zur Ursache von Idas Krankheit auf dieser Tatsache. Dabei kam er zu dem Schluss, dass Frau K. das eigentliche Objekt von Doras Aufmerksamkeit gewesen sei. Gleichzeitig war er der Auffassung, dass Ida in die Geliebte ihres Vaters verliebt gewesen sei. Die Geschichte von Familie K. lieferte Freud zudem weitere interessante Erkenntnisse.

Ida erzählte Freud, dass Herr K. sie einmal umarmt und auf den Mund geküsst habe, als sie beide allein waren. Damals sei sie 14 Jahre alt gewesen. Sie beschrieb, dass sie dabei Abscheu und Ekel empfunden habe. Freud schlussfolgerte daraus, dass Ida bereits in diesem Alter begonnen habe, hysterisch zu werden. Dazu sagte er Folgendes: „Wenn eine Person zu einer günstigen Gelegenheit statt sexueller Erregung überwiegend oder ausschließlich Ekelgefühle entwickelt, zögere ich nicht einen Moment lang, eine Hysterie zu diagnostizieren. Ganz gleich, ob entsprechende Symptome vorliegen oder nicht.“

Frauen, die an Hysterie leiden

Freud glaubte, dass sich seine Patientin unbewusst mit dem männlichen Geschlecht identifizierte. Dabei ignorierte, was es bedeute, eine Frau zu sein. Eine andere Frau, die Geliebte ihres Vaters und das Objekt seiner Begierde, repräsentierte dabei die Möglichkeit, diese zentrale Frage ihrer Hysterie zu beantworten: Was bedeutet es, eine Frau zu sein?

Zudem vermutete Freud, dass Ida nicht verstanden habe, was sie als Frau definierte. Sie habe die Antwort auf diese Frage bei der Geliebten ihres Vaters gesucht. Aus diesem Grund sei sie immer wieder in Dreiecksbeziehungen involviert gewesen. Offensichtlich geschah all dies jedoch völlig unbewusst.

Die Kurve der Hysterie

Der Fall Dora eröffnete mehrere Debatten über die Hysterie und ihre Betrachtung in der Psychoanalyse. Freud fundierte seine Theorie hauptsächlich auf Doras Träumen. Aus ihnen schlussfolgerte er, dass sich hinter ihren Symptomen ein psychosexueller Konflikt verbergen musste.

Freud war der Meinung, dass ihre Symptome auf ein unterdrücktes sexuelles Verlangen hingewiesen haben. Er fand weiter heraus, dass die Symptome nachließen, sobald sie verstanden wurden. Darin sah er die Bestätigung für sein grundlegendes Verständnis der Psychoanalyse und die Richtigkeit seiner Methode.

Der Fall Dora war für Freund jedoch nicht von Erfolg gekrönt, da seine Patientin die Psychoanalyse vorzeitig abbrach. Gleichzeitig brachte er ihm jedoch wertvolle Erkenntnisse zur negativen Facette des Phänomens der Übertragung ein. Damit ist gemeint, dass der Patient bei seinem Arzt eine Reihe von Gefühlen und Erwartungen weckt. Sind diese positiv, ist die Psychoanalyse erfolgreich, anderenfalls können sie dem Prozess nur schaden.