„Freundschaft auf den ersten Blick“ – gibt es sie wirklich?

· 18. November 2018

Ja, es gibt sie wirklich, die „Freundschaft auf den ersten Blick.“ Aber es geht hier mehr darum, gemeinsam zu lachen, als Blicke auszutauschen. Es geht um den glücklichen Zufall, diesen „Freundschaftsknall“, der mit einem positiven Austausch anfängt. Später wird die Freundschaft dann durch gegenseitige emotionale Unterstützung und vor allem Vertrauen zueinander gefestigt.

Wir haben alle schon einmal von der Liebe auf den ersten Blick gehört. Hier vereint sich körperliche Anziehung und die stets geheimnisvolle, aber unleugbare Kraft, die sich ergibt, wenn sich unsere Neurotransmitter in einer Reihe ausrichten. Jetzt stellen sich Persönlichkeitspsychologen neuerdings die Frage, ob denn beim Anbahnen einer Freundschaft etwas Ähnliches passieren könnte?

Denken wir einmal kurz an all die gesellschaftlichen Szenarien, in denen wir uns jeden Tag bewegen: Arbeitsplätze, Klassenzimmer, Wohnhäuser, Fitnessstudios, Partys und öffentliche Transportmittel … Reicht ein Blickwechsel mit einer unbekannten Person wirklich aus, um zu wissen, dass man gute Freunde werden könnte? Gibt uns der erste Eindruck verlässliche und treffsichere Hinweise?

„Was ist Freundschaft? Eine Seele in zwei Körpern.“

Aristoteles

Genau diese Prämisse erforschte eine Gruppe von Sozialpsychologen in einer Studie, der im US-amerikanischen Fachmagazin Social Psychological and Personality Science  veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse waren faszinierend. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass so etwas wie ein „Freundschaftsknall“ in der Tat existiert. Wir fällen spontane Entscheidungen darüber, welche Art von Freunden die Menschen um uns herum wohl sein könnten. Diesen Entscheidungen liegen nur kleine Hinweise und subtile Nuancen zugrunde. Natürlich sind unsere dahingehenden Vorahnungen nicht immer zutreffen. Dennoch ist jenes Gefühl, das sich aus unserer etwas verzerrten Wahrnehmung ergibt, für gewöhnlich richtig – in 70 % aller Fälle.

Psychologen und Soziologen finden das Phänomen der Freundschaft ebenso faszinierend wie das Liebe. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Aus den Kräften, die uns zu einer bestimmten Person hinziehen und eine andere außen vor lassen, lässt sich nämlich unsere gesellschaftliche Identität bestimmen. Wir alle haben den Wunsch, uns mit Persönlichkeiten zu umgeben, die uns ähnlich sind.

Junger, sympathischer Mann

Freundschaft auf den ersten Blick ist etwas Alltägliches

Freundschaft auf den ersten Blick findet jeden Tag statt. Zum Beispiel beim verängstigten Kind am ersten Tag an einer neuen Schule. Beim Kind, das den Blick nervös über die Klassenkameraden streifen lässt und sich plötzlich mit einem anderen Kind verbindet. Dieses ist ein wenig selbstsicherer als das erste und lächelt es aus der letzten Reihe an. Glücklicherweise ermuntert es unser ängstliches Kind, sich als Banknachbar niederzulassen.

Freundschaft auf den ersten Blick kann auch geschehen, wenn du einen neuen Job annimmst. Mitten im Arbeitsablauf unterläuft dir ein kleines Missgeschick, ganz unvorhergesehen. Du musst darüber lächeln. Eine andere Person lächelt mit dir mit. Gemeinsam wächst sich das Lächeln zu einem herzhaften Lachen aus und du stellst fest: Gerade wurde eine besondere Freundschaft geknüpft.

So geht das mit den ersten Eindrücken. Da spielen Zufälle, emotionale Nuancen und eine plötzliche Verbindung eine Rolle. Da tauscht man kurz Blicke aus, liest sofort daraus und stellt Gemeinsamkeiten fest.

So weit, so gut. Was uns wie Magie erscheint, hat aber vielmehr etwas mit biologischen und neurochemischen Faktoren zu tun. Die Hirnregionen, die diesen Hauch von Freundschaftsmagie orchestrieren, sind der Mandelkern (Amygdala) und der anteriore cinguläre Kortex.

Freunde am Meer

Die Amygdala steht in Zusammenhang mit unseren Emotionen, genauer gesagt, mit den Impulsen, die unseren Überlebenstrieb betreffen. Wir alle sind der Ansicht, dass sich das Leben leichter ertragen lasse, wenn wir gute Freunde an unserer Seite haben. Dann fühlen wir uns geschützter, glücklicher und zufriedener.

Beim anterioren cingulären Kortex handelt es sich um einen hochentwickelten Bereich im Gehirn, der uns dabei hilft, Entscheidungen zu treffen und sowohl Objekten als auch Menschen einen Wert zuzuordnen. Manchmal geschieht das unglaublich schnell. Und dies spielt zweifellos in die Freundschaft auf den ersten Blick mit hinein.

Was passiert, nachdem die Freundschaft auf den ersten Blick geknüpft wurde?

Zwei Psychologen der New Yorker Columbia University (USA) sind die Urheber der Studie über den „Freundschaftsknall“, den wir oben bereits erwähnten. Jeremy C. Biesanz und Elizabeth W. Dunn fanden etwas sehr Interessantes heraus: In der Tat gibt es die Freundschaft auf den ersten Blick, dahinter stecken allerdings komplexe Mechanismen, die wir berücksichtigen müssen.

Wenn wir uns mit jemandem verbinden, dann tun wir das, weil wir bestimmte Erwartungen hegen. Das verängstigte Kind aus unserem Beispiel vom ersten Schultag sagt sich vielleicht Folgendes, wenn es auf das lächelnde Kind aus der letzten Reihe trifft: Mit diesem Kind kann ich mich in diesem unbekannten und bedrohlichen Umfeld, das Schule heißt, verbünden. Vielleicht kann ich mit ihm etwas teilen, mit ihm spielen und mich im Notfall auf es verlassen.

Wir wollen bei der Freundschaft auf den ersten Blick eigentlich eine Person herausfiltern, von der wir annehmen, dass sie ähnlich gestrickt sei wie wir. Und mit uns gemeinsame Interessen teile. Eine Person, die es wert sei, dass wir unsere Zeit und emotionale Energie in sie investieren. Als menschliche Wesen sind wir nämlich anspruchsvoll – wir erwarten unbewusst immer etwas im Gegenzug für unseren Einsatz. Und bei den besten Freundschaften ergibt es sich, dass beide gewinnen. Geben und Nehmen halten sich die Balance.

Konfetti im Wald

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es wirklich so etwas wie eine Freundschaft auf den ersten Blick gibt. Und manchmal dauert es nur Minuten, um uns mit einer Person auf eine intensive und wunderbare Weise zu verbinden. Da wir diese erste Verbindung allerdings auf eine Reihe von winzigen und tendenziösen Entscheidungen bauen, wird es sich erst mit der Zeit herausstellen, ob wir damit richtig gelegen haben. Schließlich beruht jede langjährige, sinnstiftende und wertvolle Freundschaft auf drei Pfeilern: auf Vertrauen, Verständnis und positiver emotionaler Unterstützung.