Familienkultur: Regeln, Gewohnheiten und Traditionen

Die Familie prägt und beeinflusst uns in vielerlei Hinsicht, im Guten wie im Schlechten. Dieser kleine Mikrokosmos ist wiederum eng mit der Gesellschaft und der Kultur der Umgebung verbunden.
Familienkultur: Regeln, Gewohnheiten und Traditionen
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 25. April 2023

Die Bezeichnung Familienkultur beschreibt die soziale und kulturelle Struktur, in der sich das Familienleben abspielt. Die familiäre Gemeinschaft ist eine der wichtigsten Säulen, doch es gibt dafür kein Patentrezept. Vielmehr handelt es sich um eine dynamische und flexible Struktur, die sich im Laufe der Zeit entwickelt und verändert. Die Familienkultur prägt uns tiefgehend und ist von größter Bedeutung.

Der Arzt Salvador Minuchin¹ pflegte zu sagen, dass uns nichts so sehr prägt wie die Familie, die uns das Schicksal, die Biologie und der Zufall schenken, wenn wir in dieses Leben kommen. Die Familienkultur ist eine bestimmte Art, die Welt zu verstehen und mit ihr zu interagieren. Diese kleinen sozialen Mikrokosmen werden wiederum stark von der Umwelt beeinflusst, die sie umgibt. Wir laden dich ein, mit uns über dieses Thema nachzudenken.

“Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.”

Aus Papier ausgeschnittene Familie symbolisiert die Familienkultur
Die Familienkultur prägt uns tiefgehend.

Was ist Familienkultur?

Wir denken selten darüber nach, obwohl die Familienkultur unser Leben entscheidend beeinflusst. Sie setzt sich aus der Gesamtheit von Codes, Vorschriften, Bräuchen, Gewohnheiten, Überzeugungen und Zielen zusammen, die eine Familie miteinander verbinden. In jeder Familie entstehen verschiedene Rollen, Regeln und Traditionen. Die Familienkultur ist das Ergebnis der Werte und Erziehung der Großfamilie (Eltern, Großeltern…) und der verschiedenen Initiativen, Besonderheiten oder Veränderungen, die jedes Familienmitglied einbringt. Diese Dynamiken bauen im Bestfall ein kohärentes und stabiles Mikrosystem auf (Galvin, Bylund, & Brommel, 2004).

Wie äußert sich die Familienkultur?

Die University of Texas veröffentlichte 2017 eine Arbeit, die zeigt, dass das Konzept von Familie und Kultur immer zusammengehört. Es ist unmöglich, die eine Sphäre von der anderen zu trennen. Daher ist die Familie eine soziokulturelle Institution, die zunächst unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit erfüllt.

Wie sich die Familienkultur in unserem Alltag ausdrückt, ist also sehr heterogen. Wir beziehen uns auf oft unbewusste Dimensionen, die wir laufend in die Praxis umsetzen:

1. Überzeugungen

Ein Großteil der Überzeugungen, die uns die Familie vermittelt, setzt sich in unserem Unbewussten fest und durchdringt fast alle Gedankenströme, vorwiegend soziale Aspekte. Es sind Ideen, Bewertungen und auch kognitive Voreingenommenheiten, die wir verinnerlichen und die unser Verhalten und Denken lenken.

Jede Familie ist ein einzigartiges Konstrukt, in dem alle Mitglieder bestimmte Rollen übernehmen.

2. Regeln

In jedem Familiensubstrat sind Regeln verankert, die wir in gewisser Weise unser ganzes Leben lang wiederholen. Sie beziehen sich primär auf das Verhalten und können sich in Vorstellungen wie “Du musst stark sein und darfst nicht um Hilfe bitten”, “Ich muss meine Gefühle verbergen” oder “Du darfst niemandem vertrauen” äußern.

3. Bräuche, Praktiken und Traditionen

Bräuche und Traditionen definieren die Familienkultur. Es können tägliche Gewohnheiten (wie Schlafzeiten) oder auch komplexere Realitäten (wie religiöse oder spirituelle Praktiken) sein. Familientraditionen gehen über Glaubensvorstellungen hinaus und zielen vorwiegend darauf ab, symbolische Richtlinien vorzugeben, an denen sich die Kinder positiv orientieren können.

3. Werte

Werte sind in jeder Familie und Gesellschaft wesentliche Voraussetzungen für ein harmonisches, respektvolles und liebevolles Zusammenleben. In erster Linie geht es darum, Werte im Alltag vorzuleben und an die nächste Generation weiterzugeben. Zu den wichtigsten Werten zählen folgende:

  • Liebe
  • Gerechtigkeit
  • Freundlichkeit
  • Respekt
  • Dankbarkeit
  • Einfühlungsvermögen
  • Freundschaft
  • Anstrengung
  • Natur
  • Großzügigkeit
  • Verantwortung

4. Ziele

Ob implizit oder direkt, das familiäre Umfeld orientiert sich an Zielen und Zwecken: ein glückliches Zusammenleben, Respekt, Kontrolle, Autorität oder Beherrschung. Diese Ziele prägen die Familiendynamik sehr stark.

Wie sich die Familienkultur auf die Mitglieder auswirkt

Die Gesamtheit der Regeln, Überzeugungen, Traditionen und Werte beeinflusst uns direkt. Zunächst einmal ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass keine Familienkultur der anderen gleicht. Es gibt immer einen Faktor, der sie einzigartig macht. Manche Familien fördern Glück und Freiheit, andere Autorität und Kontrolle. Auch wenn jede Familie anders ist, gibt es ähnliche Muster:

Traditionelle Familien

Die traditionelle Familienkultur basiert in der Regel auf klassischen moralischen Werten, aber auch auf einer religiösen oder spirituellen Ideologie. Die Vorfahren und das soziokulturelle Umfeld, in dem die Familienmitglieder leben, haben einen großen Einfluss.

Die Familienkultur bietet den neuen Generationen einen Rahmen, in dem sie sich sicher fühlen und Codes integrieren können, die das Fortbestehen guter Gewohnheiten und Werte ermöglichen.

Progressive Familienkultur

Diese Kultur entfernt sich von Konstrukten, die auf Religion oder anderen Ideologien basieren, und konzentriert sich nur noch auf Werte wie Verantwortung und persönliche Freiheit. Traditionen sind in dieser Kultur nicht so wichtig, ebenso wenig wie das soziokulturelle Erbe der Vorfahren.

Der Einfluss auf ihre Mitglieder ist weit vom traditionellen Modell entfernt. Beispiele dafür sind, dass die Ehe unwichtig ist und die sexuelle Orientierung der Kinder respektiert wird.

Unabhängige oder nicht-interventionistische Familien

Eine der problematischsten Familiendynamiken ist diejenige, die die Kultur der Nicht-Intervention anwendet. Das bedeutet, dass die Eltern ihren Kindern keine bestimmten Überzeugungen, Vorschriften oder Werte vorleben oder weitergeben. Das ist die klassische Laissez-faire-Strategie. Die Bindung verliert an Wichtigkeit, sie ist vermeidend oder ambivalent.

Papierfiguren als Symbol für Familienkultur
Die Gesellschaft hat einen direkten Einfluss auf die Familiendynamik.

Wie beeinflusst die Gesellschaft die Familienkultur?

Die Kultur und die sozialen Strukturen, die Familien umgeben, dienen als Makro-Referenzrahmen für die Gruppe und letztlich auch für den Einzelnen. Wir sind Individuen, die in eine Reihe von externen Dynamiken eingebettet sind, die unsere Vorstellungen und unser Verhalten bestimmen.

Niemand kann leugnen, dass die Familienkultur die Identitätskonstruktion beeinflusst. Es ist jedoch wichtig, sich vor Augen zu führen, wie die Gesellschaft die Familieneinheit selbst prägt:

  • Soziale oder finanzielle Krisen können die Familienkultur jederzeit verändern.
  • Die Geschichte und das kulturelle Erbe eines Landes können die kulturelle und psychologische Konstruktion einer Familieneinheit beeinflussen.
  • Familien werden von der Kultur, der Politik und der Religion des Umfelds geprägt, in dem sie sich entwickeln.

Wir sind so stark von der Familienkultur geprägt, dass wir gewisse Verhaltensweisen unkritisch und unbewusst übernehmen und reproduzieren, unabhängig davon, ob sie vorteilhaft oder schädlich sind.

▶ Lese-Tipp

  1. Familie und Familientherapie: Theorie und Praxis struktureller Familientherapie, Salvador Minuchin, Hermann Hagedorn, Stephanie Vyce, Lambertus 2015

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