Familiäre Entwertung: wenn sie dich glauben lassen, du wärst nichts wert

20. Juni 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Familiäre Entwertung - Frau, deren Haar vom Wind zerzaust wird

Die familiäre Entwertung ist ein Prozess, der ziemlich häufig stattfindet. Er tritt in solchen Umgebungen auf, in denen eine oder mehrere Familienmitglieder eine Art verrückter Dynamik erzeugen, mit der sie das Selbstwertgefühl der Kinder boykottieren können. In diesem Prozess werden Handlungsweisen wie Disqualifikation, passiv-aggressive Kommunikation, emotionale Manipulation und eine unsichtbare Misshandlung, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt, genutzt.

Experten in der systemischen Familientherapie meinen, dass jedes nicht gewürdigte Kind in der Zukunft das Risiko träge, ein unsichtbarer Erwachsener zu werden. Es sind Menschen, denen von früh auf gelehrt wurde, dass ihre Bedürfnisse nicht wichtig wären. Viel mehr wurde ihre Identität tatsächlich so weit aufgelöst, dass sie nicht einmal mehr in der Lage sind, ein authentisches Ichgefühl zu entwickeln.

„Jeder Mensch hat in seinem Herzen schmerzhafte Wunden verdeckt, und manche Personen können sogar so weit gehen, dass sie mit der Zeit keine Schmerzen mehr empfinden können.“

Kim Bok Joo

Man kann also sagen, dass wir es mit einem sehr ernsten Problem zu tun haben, das von vielen Eltern unterschätzt wird. Sehen wir uns nun ein Beispiel an.

Anna ist 9 Jahre alt und verbringt den Tag damit, ihre jüngere Schwester Karla zu verspotten, zu kneifen und zu schubsen. Während die erste Tochter sehr unruhig und ausgelassen ist, benimmt sich die Kleine eher zurückhaltend und sehr schüchtern. Jedes Mal, wenn Karla weinend zu ihrer Mutter kommt, um um Hilfe zu bitten, antwortet diese ihr: „Du musst endlich aufwachen, Mama ist beschäftigt und kann nicht immer auf dich aufpassen.“

Diese Situation, die für viele unschuldig erscheinen mag, birgt mehrere Konflikte. Die familiäre Entwertung geschieht in diesem Fall auf zweierlei Art und Weise und die Folgen sind doppelt schwer. Erstens, weil die Mutter die Gefühle ihrer kleinen Tochter nicht berücksichtigt. Zweitens, weil die Botschaft, die dem Mädchen mitgegeben wird, folgende ist: „Ich bin beschäftigt, also bist du allein mit deinen Problemen, du musst lernen diese selbst zu regeln.“  Wie wir uns vorstellen können, kann eine Kindheit, die durch eine solche Entwertungsdynamik gekennzeichnet ist, bis ins Erwachsenenalter fortwirken.

Weinendes Mädchen

Von der familiären Entwertung zur persönlichen Entwertung

Die familiäre Entwertung ist eine Form von emotionaler Vernachlässigung und daher eine subtile, aber sehr gefährliche, Form des Missbrauchs. Dr. Marsha Linehan, eine bekannte Expertin für psychische Störungen und dialektische Verhaltenstherapie, erklärt in ihrer Arbeit, dass solche Wechselwirkungen schwere Konflikte im Geist eines Kindes erzeugen.

Denken wir zum Beispiel an ein Baby, das in der Nacht, wenn es in Tränen ausgebrochen ist, nie von seinen Eltern besucht und getröstet wurde. Wenn wir uns nun das gleiche Kind im Alter von zwei Jahren vorstellen, das einen schrecklichen Wutanfall hat, werden die verärgerten Eltern nicht wissen, wie sie mit diesem schreienden Kind umgehen müssen. Einige Jahre später werden sie das Kind schimpfen, weil es nicht weiß, wie es sich seine Schuhe binden muss, weil es sich zu langsam anzieht, zu langsam isst und sich nicht gewählt ausdrücken kann: „Du bist ungeschickt und weinst immer ohne Grund“  ist, was dieses Kind während der ersten sechs Jahre seines Lebens jeden Tag hört.

All diese Situation werden sich in der Persönlichkeit des Kindes auf sehr unterschiedliche Weise herauskristallisieren. Zum Beispiel erklärt Dr. Linehan, dass die familiäre Entwertung früher oder später zu einer persönlichen Entwertung führen werde. Wenn die emotionalen Bedürfnisse des Kindes von Anfang an übersehen werden und es als jenes Kind bezeichnet werde, das „immer ohne Grund weint“,  wird es sich schließlich selbst entwerten, seine Emotionen als negativ interpretieren und denken, dass es besser wäre, seine Gefühle zu verstecken und hinunterzuschlucken. 

Kind weint auf einer Treppe

Ebenso wichtig zu erwähnen ist die sich selbst erfüllende Prophezeiung, die in vielen Fällen eintritt. Wenn wir schon als Kind immer wieder zu hören bekommen, dass wir es zu nichts bringen werden, das das nichts für uns sei, das uns alles zu viel sei, dass wir bei der Verteilung vom Talent gerade abwesend gewesen wären, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir diese Aussagen als giftige Mantren verinnerlichen.

Es ist also nicht nur möglich, sondern auch notwendig, die Wirkung der familiären Entwertung aufzuheben. Wir können überleben, indem wir uns selbst so behandeln, wie wir es verdient haben, so wie es andere tun hätten sollen.

Sich selbst im Erwachsenenalter schätzen: der innere Dialog

Die systemische Familientherapie beruht im Wesentlichen auf Paul Watzlawicks Theorie der menschlichen Kommunikation. Er hat in Zusammenarbeit mit anderen Experten vom Mental Research Institute (Kalifornien, USA) einen außergewöhnlichen Ansatz entwickelt, der für die zukünftige Familientherapie und das bessere Verständnis dieser komplexen Dynamik entscheidend war.

In diesem Rahmen wurde beispielsweise auf die Techniken der Disqualifikation verwiesen, eine Art leerer Kommunikation, die schädlich und manchmal sogar aggressiv sein kann, bei der die an den anderen gesendete Nachricht dazu beiträgt, diesen zu entwerten und Unbehagen zu erzeugen. Nun, was Psychologen wie Dr. Lineham bestätigen konnten, ist, dass ein Kind, das in der Kindheit disqualifiziert oder entwertet wurde, im Erwachsenenalter einen inneren Dialog führt, der auf der eigenen Entwertung basiert. Prozesse wie Selbstkritik, einschränkende Einstellungen, Unentschlossenheit, Schuldgefühle, ständige Angst und der repetitive Monolog, in dem es nicht einmal ein Gramm Selbstliebe gibt, tragen dazu bei, die Entwertung zu verewigen, fast wie Beschuss durch eigene Truppen, der uns noch mehr lähmt.

Das Bild einer Straße formt die Hälfte des Kopfes eines Mannes

Das ist es nicht wert. Auch wenn es in unserer Vergangenheit Menschen gab, die mit ihrem Erziehungsstil, ihrer Art der Bildung und der Kommunikation all diese Löcher in unserer Identität und unserem Selbstwertgefühl schufen, so sind wir keine Erben dieser Dynamik, wir sind nicht unsere eigenen Feinde.

Zu lernen, sich selbst zu schätzen, ist möglich, aber dafür müssen wir unseren inneren Dialog ändern. Wir müssen mit Respekt und Freundlichkeit zu uns selbst sprechen, uns als wertvolle Wesen behandeln, Menschen, die noch viel vorhaben und die es müde sind, zu hören, dass sie dieses und jenes nicht könnten, nicht schafften, nicht verdienten.

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