Faktische Störung: Die Rolle des Patienten spielen

· 4. Oktober 2018

Das Hauptmerkmal von faktischen Störungen ist das Vortäuschen von psychischen oder physischen Symptomen oder das absichtliche Verursachen derselben. Ärzte diagnostizieren die faktische Störung oft nach direkter Beobachtung und Ausschluss von Differenzialdiagnosen. In manchen Fällen bleibt die Diagnose jedoch umstritten, weil es unmöglich ist, völlig auszuschließen, dass der Patient jene Leiden erfährt, die seine Symptome anzeigen.

Menschen mit einer faktischen Störung täuschen Symptome vor, damit sie die Rolle des Patienten spielen können. Aber sie versuchen nicht, davon zu profitieren. Das ist es, was den Unterschied zum Simulieren ausmacht. Simulanten werden mit gleichen „Problemen“ vorstellig, aber ihr Ziel ist leicht zu erraten, wenn man ihre Umstände kennt: Zum Beispiel könnte ein Simulant eine Krankheit vortäuschen, um eine Verpflichtung nicht erfüllen zu  müssen, wie der Arbeitnehmer, der vorgibt, krank zu sein, um nicht zur Arbeit gehen zu müssen. Ebenso könnte jemand eine Verschlechterung seiner Gesundheit vortäuschen, um anderweitige Privilegien genießen zu können.

Menschen mit einer faktischen Störung hingegen haben ein psychologisches Bedürfnis, die Rolle des Patienten zu übernehmen. Das Fehlen externer Anreize steht hier in krassem Gegensatz zur Simulation.

Die Diagnose einer faktischen Störung impliziert definitionsgemäß ein gewisses Maß an Psychopathologie. Mit anderen Worten, im Kopf des Patienten stimmt etwas nicht. Wenn eine Person eine faktische Störung hat, schließt das die Möglichkeit anderer physischer oder psychischer Erkrankungen allerdings nicht aus. Kurzum, es ist ein kniffliges Thema.

Frau mit Bauchschmerzen

Klinische Kriterien für die Diagnose einer faktischen Störung

Der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen  legt die folgenden Kriterien zur Diagnose von faktischen Störungen fest:

A. Vortäuschen oder absichtliches Hervorrufen körperlicher oder psychischer Symptome

B. Subjekt will die Rolle des Patienten übernehmen

C. Fehlende externe Anreize (d. h. Anreize für Fehlverhalten wie z. B. wirtschaftlicher Gewinn, Vermeidung von Verantwortung, Verbesserung des Wohlbefindens, etc.)

Der genannte Leitfaden nennt folgende Klassifikation von faktischen Störungen:

  • Faktische Störungen mit Vorherrschaft der psychologischen Anzeichen und Symptome. Die Zeichen und Symptome, das klinische Bild bestimmen, sind psychologischer Natur.
  • Faktische Störungen mit Vorherrschaft der körperlichen Anzeichen und Symptome. Die Zeichen und Symptome, das klinische Bild bestimmen, sind physischer Natur.
  • Faktische Störungen mit psychischen und physischen Anzeichen und Symptomen. Das klinische Bild ist von beiden Arten von Beschwerden geprägt.

Wie bereits erwähnt, ist das bestimmende Merkmal dieser Erkrankung die Vortäuschung oder absichtliche Auslösung von physischen oder psychischen Beschwerden. Der Patient kann Symptome selbst induzieren oder schlicht erfinden. Ein Betroffener mag über Magenschmerzen klagen, ohne sie tatsächlich zu haben, oder er nimmt Substanzen zu sich, die derartige Schmerzen auslösen. Die beschriebenen Symptome können auch eine Übertreibung einer tatsächlich bestehenden Beschwerde sein. Ein Patient mit einer Vorgeschichte von Geisteskrankheiten mag etwa vorgeben, Wahnvorstellungen zu haben, ohne dass das der Fall wäre.

Frau bei Ärztin

Welche Eigenschaften haben Menschen mit faktischen Störungen?

Menschen mit dieser Erkrankung erklären ihre Geschichte in der Regel auf dramatische Weise. Wenn man sie nach weiteren Details fragt, bleiben ihre Antworten jedoch vage und sind oft widersprüchlich. Sie neigen dazu, sich von Lügen mitreißen zu lassen, die jedoch schnell außer Kontrolle geraten. Ihre Lügen sind pathologisch und sollen die Aufmerksamkeit des Fragestellers auf sich ziehen.

Anfänglich klagen sie meist über Schmerzen und verlangen nach Schmerzmitteln. Wenn der Arzt keine Ursachen für die Schmerzen feststellen kann, beginnt der Patient, sich über andere unangenehme Zustände zu beschweren, neue Krankheiten zu erfinden. Personen, die an einer faktischen Störung leiden, werden daher im Laufe der Zeit zahlreichen Untersuchungen und Eingriffen unterzogen, um die Auslöser ihrer angeblichen Leiden zu identifizieren.

Wenn sie merken, dass andere zu ahnen beginnen, dass sie nur vortäuschen, leugnen sie das entweder oder verlassen das Krankenhaus. Sie könnten sogar gegen ärztlichen Rat entscheiden. In der Regel werden sie bald darauf, häufig noch am selben Tag, in ein anderes Krankenhaus eingeliefert.

Mann beim Arzt

Faktische Störung mit psychischen Anzeichen und Symptomen

Die Hauptsymptome dieser Art der faktischen Störung bestehen in der absichtlichen Herbeiführung oder Vortäuschung von psychischen Symptomen. Diese Symptome deuten auf eine Geisteskrankheit hin. Das einzige Ziel des Kranken ist es auch hier, die Rolle des Patienten zu übernehmen, und es gibt nichts in seinem Leben, was er mit seiner „Krankheit“ zu manipulieren versucht.

Fachleute erkennen diese Erkrankung meist an Symptomen, die nicht zu einem typischen Symptommuster passen. Die Symptome haben einen ungewöhnlichen klinischen Verlauf und der Patient spricht nicht wie erwartet auf mögliche Therapien an:

  • Die Patienten neigen dazu, über Depressionen zu klagen und sagen, dass sie wegen des Todes eines geliebten Menschen selbstmordgefährdet wären. Dabei handelt es sich jedoch um Informationen, die Familienmitglieder nicht bestätigen können.
  • Sie klagen auch über Gedächtnisverlust, Halluzinationen, Delirium, Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung und dissoziative Symptome.
  • Die Symptome verschlimmern sich in der Regel, wenn die Person sich bewusst ist, dass jemand sie beobachtet.
  • Oft sind sie extrem negativ eingestellt und nicht bereit, in der medizinischen Aufklärung mitzuarbeiten.

Faktische Störung mit physischen Anzeichen und Symptomen

Personen mit dieser Art der faktischen Störung erfinden oder provozieren eine Reihe von medizinischen Problemen. Einige Beispiele sind:

  • Schmerzen
  • Erbrechen
  • Durchfall
  • Hypoglykämie
  • Anämie
  • Langsam heilende Wunden
  • Blutungen
  • Hautausschlag
  • Neurologische Defizite

Der schwerwiegendste und chronischste Subtyp dieser Erkrankung ist das Münchhausen-Syndrom. Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom sind häufig im Krankenhaus. Sie sind pathologische Lügner und alle Teile ihres Körpers sind potenzielle Ziele ihrer Täuschung. Die einzigen Aspekte, die ihre Symptome begrenzen, sind ihr eigenes medizinisches Wissen, ihre Raffinesse und ihre Fantasie.

Arzt und Patient

Faktische Störungen mit psychischen und physischen Anzeichen und Symptomen

Hier kommt es zu einer Durchmischung der vorgenannten Symptome.

Wie verläuft die faktische Störung?

Der Krankheitsbeginn liegt meist im frühen Erwachsenenalter und fällt oft mit einem Krankenhausaufenthalt wegen einer tatsächlichen körperlichen oder geistigen Erkrankung zusammen. Der klinische Verlauf der faktischen Störung ist intermittierend; symptomatische Episoden wechseln sich mit asymptomatischen Perioden ab. Weniger häufig sind Einzelschübe oder chronische Krankheiten ohne zeitweilige Remission.