Extremismus und Dogmatismus, eine Studie erklärt ihre Ursachen

Eine Studie der Royal Society, die von Experten der Universität Cambridge durchgeführt wurde, liefert neue Erkenntnisse über Extremismus und Dogmatismus, zwei Phänomene, die in vielen Gesellschaften zu beobachten sind.
Extremismus und Dogmatismus, eine Studie erklärt ihre Ursachen

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 10. November 2022

Extremismus und Dogmatismus sind Phänomene, die vielfach zu sozialen und kulturellen Tragödien führen, da sie Intoleranz, die Radikalisierung oder auch Gewalt fördern. Extremismus ist an einer radikalen Einstellung zu erkennen, die oft zu Verhaltensweisen führt, die außerhalb der allgemein akzeptierten Grenzen liegen (Rassismus, extreme politische Einstellungen …). Der Begriff Dogmatismus beschreibt das starre und unkritische Festhalten an Wertvorstellungen, Überzeugungen und Weltanschauungen.

Eine Gruppe von Forschern der Universität Cambridge hat sich zum Ziel gesetzt, die Eigenschaften von Menschen zu untersuchen, die sich von extremistischen und dogmatischen Ansichten leiten lassen. Die Studie trägt den Titel “The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach” und wurde 2021 in der Fachzeitschrift Philosophical Transactions of the Royal Society B veröffentlicht.

“Was an Extremisten abzulehnen und gefährlich ist, ist weniger ihr Extremismus als ihre Intoleranz.”

Robert F. Kennedy

Schreiendes Paar verfällt dem Extremismus
Menschen, die Extremismus und Dogmatismus praktizieren, neigen dazu, impulsiv zu sein.

Studie über Extremismus und Dogmatismus

Das Forscherteam ermittelte zwei Aspekte, die extremistische und dogmatische Menschen definieren: die Persönlichkeit und die unbewusste Wahrnehmung, das heißt, wie das Gehirn grundlegende Informationen aus der Umwelt aufnimmt und verarbeitet.

Die Studie zeigt auf, dass Menschen mit dieser Persönlichkeit ein schlechteres Arbeitsgedächtnis haben. Deshalb tun sie sich schwer dabei, Informationen vorübergehend zu speichern und sie sind weniger flexibel. Außerdem ist ihre Wahrnehmung von Reizen wie Formen und Farben langsamer. Sie reagieren auch impulsiver und haben ein stärkeres Sensationsbedürfnis.

Weitere Faktoren

Die von Dr. Leor Zmigrod von der Universität Cambridge geleitete Forschung zitiert auch frühere Studien. Diese legten besonderen Wert auf demografische Faktoren. Anhand von Informationen von Personen, die Massaker begangen hatten, wurde festgestellt, dass das durchschnittliche Täterprofil Männern mittleren Alters mit einem hohen Testosteronspiegel entsprach. Diese Täter waren in der Regel Opfer sozialer Ausgrenzung.

Es wird auch auf eine Studie (2018) von Dr. Trevor Robbins über Einstellungen im Zusammenhang mit Extremismus und Dogmatismus verwiesen. Die Forscher kamen darin zu dem Schluss, dass Menschen mit solchen Einstellungen und Verhaltensweisen eine leicht verringerte strategische Informationsverarbeitung und temporale Diskontierung aufweisen. Das bedeutet, dass für sie Belohnungen an Wert verlieren, wenn diese aufgeschoben werden.

Diese Erkenntnisse könnten die Vorhersagbarkeit von Extremismus und Dogmatismus erleichtern. Bei Extremismus legen Wissenschaftler eine Vorhersagbarkeit von 32,5 % fest, bei Dogmatismus liegt der Prozentsatz bei 23,6 %. Wir sprechen also noch immer von einer relativ geringen Vorhersehbarkeit.

Mann reagiert mit Extremismus
Die strategische Informationsverarbeitung ist bei extremistischen und dogmatischen Menschen vermindert.

Andere Ansätze

Die Phänomene Extremismus und Dogmatismus wurden von verschiedenen Psychologen untersucht. In seinem Buch “Die Furcht vor der Freiheit” beschreibt Erich Fromm seine Forschungen zu diesem Thema. Er argumentiert darin, dass Angst und Unsicherheit autoritäre Ideen fördern. Sein Ansatz geht von den Erfahrungen im Nationalsozialismus aus, lässt sich jedoch auch auf andere Ereignisse ausdehnen, bei denen Extremismus und Dogmatismus auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zu beobachten sind.

Der Wunsch nach Sicherheit, Kontrolle und der Befriedigung des persönlichen und sozialen Stolzes begünstigen Extremismus und Dogmatismus. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit wird durch Defizite in der Entwicklung der persönlichen und sozialen Autonomie verstärkt. Die Arbeit der Royal Society liefert neue Erkenntnisse zum Verständnis dieser Phänomene, erklärt diese aber nicht vollständig, deshalb sind weitere Forschungen nötig.

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  • Zmigrod, L., Eisenberg, I. W., Bissett, P. G., Robbins, T. W., & Poldrack, R. A. (2021). The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 376(1822), 20200424.