Extrem intelligent sein: Die dunkle Seite, über die wir nicht sprechen

2. April 2018

Extrem intelligent zu sein garantiert nicht immer den Erfolg oder das Glück. Es gibt eine andere Seite des hohen Intelligenzquotienten, über die wir nur selten sprechen. Sie beinhaltet die Existenzangst, die soziale Isolation oder emotionale Probleme. Dazu zählt auch anhaltende Unzufriedenheit damit, nicht die hohen Ziele zu erreichen, die sich eine Person mit einer solchen Leistungsfähigkeit setzt.

Manche Menschen versichern, dass die Intelligenz nicht dasselbe wie die Weisheit sei. Und auch, dass es denjenigen an Weisheit mangele, die einen IQ über 120-130 Punkten haben. Ist was Wahres dran an diesen Behauptungen? Jeanne Siaud-Facchin ist Psychotherapeutin und Expertin in Sachen Menschen mit ausgesprochenen Fähigkeiten. Sie erklärt, dass nichts so paradox sei, wie das Gehirn dieser Menschen.

„Ich möchte das vollkommene Leben leben. Der einzige Weg, das perfekte Leben zu leben, ist die Abgeschiedenheit.“

William James Sidis 

Die hohe Intelligenz eines Menschen bringt eine gewisse Fragilität mit sich. Diese Menschen haben einen Kopf, der tausende Ideen auf einmal entwickelt. Er arbeitet schnell, originell und kann in Sekundenbruchteilen endlose Argumentationen und Konzepte produzieren. Jedoch sind diese Menschen nicht notwendigerweise in der Lage, die generierten Informationen zu verwalten. Ihre kognitive Welt hat solch eine Kapazität, dass ein einiger Reiz ausreicht, um ihre Neuronen feuern zu lassen und Ideen eine Form zu geben. Doch in Wahrheit schaffen sie es eben deshalb nicht immer, eine konkrete, exakte Antwort zu geben.

All dies kann Frustration und sogar Bestürzung auslösen. Das Leben ist für ein begabtes Kind oder einen hochintelligenten Erwachsenen nicht immer wundervoll und einfach. Niemand hat ihnen gesagt, wie sie ihr hochentwickeltes Gehirn optimal nutzen können, das produktiv und eifrig auf Informationen ist. Das Leben für Menschen mit einem IQ über 180 gestaltet sich sogar überaus kompliziert. Wie wir in der Geschichte des intelligentesten Mannes der Welt sehen können, kann ihr Leben zu einer wahren Tragödie werden.

Gehirn und Mensch

Die extreme Intelligenz, eine paradoxe Begabung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der begabte Menschen verehrt werden. Menschen mit einzigartigen Talenten und Fähigkeiten faszinieren uns, und wir bewundern diejenigen, die in bestimmten Bereichen der Wissenschaften, der Kunst oder des Sports dominieren. Und das so sehr, dass sich viele Mütter und Väter ein Kind mit einem hohen IQ wünschen. Denn noch heute ist die Vorstellung davon, dass Intelligenz gleichbedeutend mit Erfolg sei, sehr präsent. Auch Kinder sind davon überzeugt, dass es nichts Großartigartiges geben kann, als „sehr klug zu sein“.  Die „Begabten“ sagen, dass sie ihre Prüfungen mit guten Noten bestehen, obwohl sie nur wenig oder gar nicht dafür gelernt haben.

Jeder Pädagoge, jeder Psychologe oder Elternteil eines hochbegabten Kindes weiß allerdings, dass diese Konzepte nicht immer zutreffen. Zunächst einmal ist es sehr gut möglich, dass der hochbegabte Schüler für einen großen Teil seines Schullebens unbemerkt bleibt. Es ist auch wahrscheinlich, dass er keine guten Noten bekommt und dass es ihm schwerfällt, Freundschaften zu schließen. Zudem könnte er der ahnungslose Schüler sein, der in seiner eigenen Welt versunken ist. Der Schüler, der auf den hintersten Bänken des Klassenraums sitzt. Dort, wo er keine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Kind, das aus dem Fenster blickt

Eine Intelligenz, die schwer zu kontrollieren ist

Die extreme Intelligenz garantiert weder Facettenreichtum noch der Klassenbeste zu sein. Sie bedeutet vor allem Langeweile. Ein Kind mit einer Hochbegabung interessiert sich entweder nicht für die Dinge um es herum, oder fühlt sich durch diese nicht angeregt. Es neigt dazu, abzuschalten und eine passive Haltung einzunehmen, die sogar zu einem Misserfolg in der Schule führen kann.

In anderen Fällen gibt es Schüler, die nicht wissen, wie sie ihre Ideen und ihren Redefluss kontrollieren können. So könnte das Kind bei der Beantwortung einer Prüfungsfrage ausschweifen. Es könnte ganz andere Überlegungen anstellen und stören. Und es würde nie die Frage beantworten.

In dem Buch Zu intelligent, um glücklich zu sein?  kommt ein Mädchen zu Wort, dass sie sich nicht dazu imstande fühlt, zu einem Schluss zu kommen. Während sich ihre Klassenkameraden auf eine Sache konzentrieren, um eine Lösung zu finden, denkt sie an zwanzig Probleme gleichzeitig. Das nennt sich baumartiges Denken: Sobald ein Reiz empfangen wird, fängt der Kopf der hochbegabten Person an, eine Idee nach der anderen zu entwickeln. Doch in vielen Fällen entwickelt er sie, ohne Verknüpfungen unter ihnen zu bilden. Er lässt einen sehr dichten Baum mit unendlichen Zweigen entstehen, die die Person weder kontrollieren noch organisieren kann.

Emotionale Katastrophen

Ein anderer Aspekt, den man berücksichtigen sollte, ist die Hypersensibilität. Extrem intelligent zu sein bedeutet oft, eine sehr tiefe und transzendierende Sicht auf die Realität und die Welt zu haben.

Manchmal fühlen hochbegabte Menschen Wut und Skepsis gegenüber der Menschheit selbst. Ihre Emotionen überwältigen sie. Sie können das Ausmaß bestimmter Ereignisse auf sich selbst nicht kontrollieren. Und dabei handelt es sich um Ereignisse, die von den meisten Menschen ganz und gar unbemerkt bleiben. Lügen und Falschheit überkommen sie, wie auch soziale Ungleichheit und Kriege. Es macht sie traurig, zu erkennen, dass sie vielleicht nicht dazu in der Lage sind, viele ihrer vornehmen Ideale zu erreichen.

Mann, der traurig hinausblickt

Im Gegensatz zu der Vorstellung, dass hochintelligente Menschen kalt wären, ist ihre Kapazität für Empathie immens. Daher bevorzugen sie es vielleicht, sich zu isolieren, um nicht leiden zu müssen. Sie halten Abstand, damit sie in nichts zu sehr hineingezogen und auf irgendeine Weise verletzt werden. Ihre emotionale Welt ist komplex, doch sie verarbeiten diese Intensität mitunter über Kreativität und Inspiration.

Extrem intelligent zu sein sollte nicht bedeuten, dass das Glück unerreichbar ist

Die Weltgesundheitsorganisation warnt uns davor, den Intelligenzquotienten als alleiniges Maß für Begabung zu verwenden. Intelligenz kann nicht von Emotionen getrennt werden. Sie kann nicht von der Hypersensibilität, der gesteigerten Erregbarkeit und der Affektivität getrennt werden. Aber auch nicht von der Überreife, der Überstimulierung, dem baumartigen und schnellen Denken.

Extrem intelligent zu sein bedeutet vielleicht, in einer sehr privaten Nische zu leben, in der Emotionen und Gedanken chaotisch, tiefgründig und sehr intensiv sind. Aber es bedeutet auch, Möglichkeiten und Lösungen zu finden, wo andere vor hohen Mauern stehenbleiben. Unsere Rolle als Eltern, Pädagogen oder Psychologen ist es daher, hochbegabten Kindern angemessene Strategien beizubringen, um ihr Gleichgewicht und inneren Frieden zu finden. Strategien, um ihr Potenzial und Glück ausschöpfen zu können.