Die Geschichte des intelligentesten Mannes der Welt

· 3. Januar 2018

Der intelligenteste Mann der Welt hatte eine extreme Intelligenz und einen IQ von etwa 250. Er hieß William James Sidis, war ein menschlicher Rechner und ein linguistisches Genie. Weil er so intelligent war, wurden große Dinge von ihm erwartet. Er hatte jedoch ein Problem, das er nie in der Lage war zu lösen und das zu seinem frühen Tod führte: Trauer.

Stellen wir uns für einen Moment ein 18 Monate altes Kind vor, das bereits die New York Times  lesen kann. Nun betrachten wir das hochbegabte Kind erneut, jetzt im Alter von acht Jahren, und er spricht fließend Französisch, Deutsch, Russisch, Türkisch, Armenisch, Latein und natürlich seiner Muttersprache, Englisch. Im Alter von 9 Jahren kreiert dieses Kind dann eine ganz neue Sprache, die er Vendergood nannte und die dann von Linguisten erforscht und für komplett, korrekt und faszinierend befunden wurde.

„Ich möchte das vollkommene Leben leben. Der einzige Weg, das perfekte Leben zu leben, ist durch die Abgeschiedenheit. Ich habe immer die Massen gehasst.“

William James Sidis

William James Sidis war Sohn jüdisch-russischer Einwanderer und wurde geboren am 1. April 1898 in New York (New York, USA). Vieles ist über ihn erzählt worden, und vieles mehr ist über ihn geschrieben worden. Wie es oft geschieht, wurden dabei Fiktion und Realität vermischt. Fakten wurden übertrieben und Schriftsteller malten ein schönes Bild von einem Mann, das in der Realität ziemlich düster war. Aus psychologischer Sicht ist seine Biographie ungeheuer faszinierend.

Die physischen Befunde und Dokumentationen bestätigen viele der Fakten. Einer von ihnen ist einfach und überragend: Bei all seiner Intelligenz hatte William J. Sidis nie eine Kindheit und konnte es nie genießen, ein kleiner Junge zu sein. Als er 9 Jahre alt war, wurde er an der Harvard University (Massachussetts, USA) aufgenommen. In einer kalten Nacht im Januar 1910, im Alter von zwölf Jahren, hielt er der wissenschaftlichen Gesellschaft und der Presse seinen ersten Vortrag über die vierte Dimension.

Seine Eltern, ein berühmter russischer Psychologe und eine der ersten weiblichen medizinischen Doktorinnen der Zeit, hatten ein klares Ziel vor Augen: ein Genie zu erziehen. Sie trainierten seinen Verstand und vergaßen dabei vollständig das Wesentliche: sein Herz und seine Gefühle.

Der junge William J. Sidis

Der intelligenteste Mann hatte gute Gene, Talent und sehr günstige Rahmenbedingungen

Um jedes Detail über das Leben des intelligentesten Mannes der Welt“ zu erfahren, lasen wir das Buch Das Wunderkind: Eine Biographie von William James Sadis, Amerikas größtes Wunderkind  von Amy Wallace. Wir waren sofort beeindruckt von der Art und Weise, wie das Buch die Erziehung unseres Protagonisten beschreibt.

Sowohl seine Mutter als auch sein Vater waren brillante Köpfe, und der genetische Faktor spielte offensichtlich eine wichtige Rolle bei der Entwicklung seiner hochgradigen Intelligenz. Das Ziel der Eltern war ebenso klar wie umstritten: Sie wollten den Geist des Kindes trainieren, damit er ein Genie würde.

Ein Leben im Labor und in der Öffentlichkeit

William wuchs in einer stimulierenden und lernfördernden Umgebung auf, die zu jenem Zweck gestaltet wurde. Wir wissen, dass sein Vater, Boris Sidis, ausgefeilte Techniken wie Hypnose einsetzte, um das Potenzial des Jungen auszuschöpfen und die Fähigkeiten seines Sohnes bereits sehr früh zu fördern.

Der Beitrag seiner Mutter war, in ihren eigenen Worten, das Kind zu modellieren und ihm neue Lernstrategien beizubringen. Es ist erwähnenswert, dass William selbst eine hohe Bereitschaft zeigte, zu lernen, aber es traumatisierte ihn, ständig auf dem Präsentierteller zu sitzen.

Trauriges Mädchen schaut aus dem Fenster

Seine Eltern veröffentlichten häufig akademische Artikel über die Errungenschaften des Kindes. Die Medien sowie die wissenschaftliche Gemeinschaft beobachteten ihn genau. Wir wissen, dass er, während er in Harvard studierte, an der täglichen Belästigung durch die Presse litt. Nach seinem Abschluss mit cum laude  und einer beeindruckenden akademischen Karriere voller Theorien über die vierte Dimension, stellten sie ihn an der University of Houston (Texas, USA) an, damit er dort Mathematik unterrichten und einen Abschluss in Rechtswissenschaften erlangen konnte.

Er war 16, als sein Verstand sagte: „Genug.“  Damit begann die Fahrt in den Abgrund.

Das traurige Ende des intelligentesten Mannes in der Welt

William konnte sein Rechtsstudium nicht beenden, obwohl er eine extreme Intelligenz hatte. Er war nicht einmal 17 Jahre alt, als er beschloss, gegen seine Umwelt zu rebellieren. In dieser wissenschaftlichen und experimentellen Welt fühlte er sich wie eine Laborratte, deren aller Gedanken und Bewegungen unter dem Mikroskop analysiert wurden. 1919 wurde er verhaftet und wegen Anstiftung zu einem Protest und Rekrutierung von jungen Menschen für die kommunistische Bewegung ins Gefängnis gesteckt.

Angesichts der Bedeutung und des Einflusses seiner Eltern wurde er zwar schnell aus dem Gefängnis entlassen, jedoch hörte er nicht auf in seinem Bestreben, seinen Eltern und der Gesellschaft zu trotzen. Er veranlasste Aufstände gegen den Kapitalismus und verhielt sich äußerst arrogant vor den Richtern. Er wurde schließlich für zwei Jahre inhaftiert, und erreichte, was er wirklich wollte: seine Einsamkeit und Isolation.

„Versuchen Sie, nicht ein Mann des Erfolges zu werden, sondern ein Mann der Werte.“

Albert Einstein

Nach seiner Entlassung war das Erste, was William J. Sidis tat, seinen Namen zu ändern. Er sehnte sich nach einem ereignislosen Leben, aber er wurde ständig von seinen Eltern und der Presse verfolgt. In seinem Versuch, ihnen zu entkommen, begann er seine Pilgerfahrt durch die Vereinigten Staaten, fand Gelegenheitsjobs und tat, was er am meisten: er schrieb. Er veröffentlichte unter verschiedenen Pseudonymen. Er schrieb Bücher über Geschichte und Bücher über seine Theorien zu schwarzen Löchern. Nach Ansicht seiner Biografen könnte es sein, dass dutzende vergessene Bücher existieren, geschrieben von William J. Sidis, welche bislang hinter einer falschen Identität versteckt blieben.

William J. Sidis lächelt in die Kamera

Ein einsames und vorzeitiges Ende

William J. Sidis liebte nur eine Frau, Martha Foley, eine junge irische Aktivistin, zu der er ein ungleiches und kompliziertes Verhältnis hatte. Ihr Foto war das Einzige, das in seiner Kleidung gefunden wurde, nachdem man seinen leblosen Körper in einer kleinen Wohnung in Boston 1944 entdeckt hatte. Er war 46 Jahre alt und er starb nach einem Schlaganfall.

Seine letzten Jahre verbrachte er vor unzähligen Gerichten. Die Presse genoss es, ihn zu diffamieren: „Der Wunderknabe, der eigentlich nie etwas bedeutete, weint jetzt, während er als Lagerarbeiter tätig ist„, „Der klügste Mann der Welt führt ein elendes Leben„, Mathematik und Sprachgenie ist ausgebrannt„, William J. Sidis ist des Denkens müde„, titelte sie.

Wir wissen wirklich nicht, ob er vom Denken oder vom Leben ermüdete. Dennoch, was wir aus seiner Biographie ableiten können, ist, dass er der Gesellschaft, seiner Familie und der akademischen Welt müde war, die solche hohen Erwartungen an ihn gestellt hatten, noch bevor er geboren war.

Tao lächelt

William James Sidis ist immer noch die Person mit dem höchsten IQ, die je registriert wurde. Ihm folgt der junge Terence Tao mit einem IQ von 230, ein australischer Mathematiker, der zur Zeit Vorlesungen an der University of California in Los Angeles (Kalifornien, USA) hält.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in einigen Teilen der Welt ein nicht identifiziertes Wunderkind, oder auch mehrere, gibt, die ähnliche oder sogar höhere IQs besitzen. Die Wahrheit ist, das das egal ist, weil Zahlen nur Zahlen sind. Das Wichtigste in diesen Fällen ist, dass ihnen erlaubt wird, eine Kindheit zu haben, Kinder zu sein, emotionale Verbundenheit zu genießen, frei und ohne Druck zu leben und zu lernen.

Denn wie wir aus dieser Geschichte gelernt haben, ist extreme Intelligenz nicht immer gleichbedeutend mit Glück.