Existenzielle positive Psychologie nach Paul T. P. Wong

19 März, 2021
Im Gegensatz zu dem, was du möglicherweise glaubst, ist es durchaus möglich, nach dem Erleben widriger Umstände glücklich zu sein. Die existenzielle positive Psychologie sagt diesbezüglich, dass negative Emotionen ihren eigenen transzendenten Wert haben.

Viele Menschen glauben, dass die positive Psychologie eine “dunkle Seite” hat. Denn ein beinahe ausschließlicher Fokus auf positive Emotionen wie Glück, Enthusiasmus oder Hoffnung kann dazu führen, dass die negativen Aspekte des Lebens vernachlässigt werden. Als Antwort auf diese Kritik entwickelte sich vor ein paar Jahren ein neuer Ansatz: die existenzielle positive Psychologie. Der kanadische Psychologe Paul T. P. Wong ist der Kopf einer Bewegung, die er als “zweite Welle” der positiven Psychologie bezeichnet.

Aber die existenzielle positive Psychologie ist mehr als nur eine Neuformulierung des Originals, denn dieser Ansatz zielt darauf ab, ein Bewusstsein für die Tatsache zu schaffen, dass Unglück existiert und dass diese Erfahrung ziemlich normal ist. Wie Miguel de Unamuno so treffend formulierte: “Leiden ist die Substanz des Lebens und die Wurzel der Persönlichkeit, denn nur das Leiden macht uns zu Menschen”.

Die Theorie von Dr. Wong bietet einen neuen Weg an, um Martin Seligmans Modell aus den 1990er Jahren zu verstehen, da die existenzielle positive Psychologie auch die biologische Grundlage des psychischen Wohlbefindens und Glücks begreifbar macht.

Daher ist es an der Zeit, diese hedonistischen Emotionen beiseite zu legen, durch stürmische Zeiten im Leben zu navigieren und deinen eigenen Weg, deine eigenen Ziele und deinen Lebenssinn zu entdecken. Damit wollen wir uns nachfolgend eingehender befassen.

Existenzielle positive Psychologie - Paul T. Wong

Existenzielle positive Psychologie: Die Grundlagen

In seinen Vorträgen spricht Dr. Wong oft darüber, dass unsere Welt chaotisch ist und wir in schwierigen Zeiten leben. Er glaubt, dass dies einen neuen therapeutischen Ansatz erfordert. Die existenzielle positive Psychologie versucht den Menschen dabei zu helfen, Wohlbefinden und Ausgeglichenheit zu erreichen, sodass sie ihre täglichen und wiederkehrenden Herausforderungen meistern können.

Einer der gängigsten Kritikpunkte an der positiven Psychologie und deren Vertretern wie Seligman oder Mihaly Csikszentmihalyi ist, dass sie sich ausschließlich auf die gesunde Seite des Menschen konzentrieren. Aspekte wie Kreativität, Begeisterung, Hoffnung und emotionale Intelligenz bringen das Beste in uns zum Vorschein. Wenn du also an diesen Fähigkeiten arbeitest, kannst du das erreichen, was Abraham Maslow als Selbstverwirklichung beschrieben hat.

Aber was passiert, wenn du dich verloren und verzweifelt fühlst? Was geschieht, wenn du mit Niedergeschlagenheit oder Depressionen kämpfst, weil du einen Angehörigen verloren hast oder eine schwere Trennung durchlebst? In diesen Situationen kannst du nicht einfach einen Schalter umlegen und begeistert oder kreativ sein, weil dein Geist in Verzweiflung und Depressionen versunken ist.

Und genau hier kommen die existenzielle positive Psychologe und die Grundsätze von Dr. Wong ins Spiel.

Mut und Verantwortungsbewusstsein, um mit Widrigkeiten umgehen zu können

Die existenzielle positive Psychologie versucht nicht, den Wert der ursprünglichen Theorie der positiven Psychologie zu mindern. Darüber hinaus wissen diejenigen, die an Dr. Wongs Theorie glauben, dass die positive Psychologie oft übermäßig stark vereinfacht interpretiert wird. Sie wird scheinbar zu einer Theorie des “magischen Denkens”, bei der es genügt, an das zu denken, was du möchtest, um es zu realisieren. Der sehr bekannte Film und das zugehörige Buch The Secret – Das Geheimnis von Rhonda Byrne sind ein perfektes Beispiel dafür.

Im Gegensatz dazu schreibt Dr. Wong, dass jeder Einzelne den Mut aufbringen kann, um mit Widrigkeiten fertigzuwerden. Wie jeder andere Mensch bist auch du dazu in der Lage, psychologische Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die auf Resilienz basieren. Die Fähigkeit, einen Sinn in deinen Lebensumständen zu finden, was auch immer sie sein mögen, und glücklich zu sein, ist in jedermanns Reichweite.

Hieran kannst du erkennen, dass die existenzielle positive Psychologie den Wert von Glück und Hoffnung nicht untergräbt. Positive Emotionen sind wahrlich der Motor der Menschheit. Dennoch musst du auch negativen Emotionen Raum geben und versuchen, diese zu verstehen.

Existenzielle positive Psychologie: Der Existentialismus ist der Eckpfeiler von Dr. Wongs Theorie

Der brillante Teil dieser Theorie, die erstmals im Jahr 2011 publiziert wurde, ist der, dass sie die positive Psychologie um eine existenzielle Perspektive erweitert. Diese scheinbar einfache Ergänzung verleiht der ursprünglichen Theorie eine größere Bedeutung und Nützlichkeit. Denn alle Philosophen und existenziellen Psychologen erinnern uns letztendlich immer wieder daran, dass das Leben aus Paradoxa, Problemen und Kämpfen besteht, denen wir uns alle stellen müssen.

Durch den Umgang mit diesen Aspekten des Lebens erlangst du wichtige psychische Ressourcen. Wenn du dich Widrigkeiten stellst, wirst du mutiger, du erkennst, welchen Wert deine Bemühungen haben und du lernst, wie du Hindernisse überwinden kannst. Darüber hinaus festigst du dein Engagement für dich selbst und für dein eigenes Leben. Die existenzielle positive Psychologie argumentiert, dass Glück nur dann Bedeutung bekommt, wenn du Leiden kennst und weißt, wie du damit umgehen kannst.

Infolgedessen besteht eine der Grundlagen der existenziellen positiven Psychologie darin, Menschen verschiedene Instrumente und Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit sie lernen, wie sie mit Verlusten, der Angst vor dem Tod, Enttäuschungen, Ängsten, Verzweiflung usw. umgehen können.

Existenzielle positive Psychologie - traurige Frau

Viktor Frankl und die Suche nach dem Sinn

Laut Paul T. P. Wong muss die positive Psychologie zu ihren existenziellen und humanistischen Wurzeln zurückkehren. Nur dann wird sie bedeutsam und transzendent werden. Darüber hinaus kannst du niemandem dabei helfen, seine eigene Realität wiederaufzubauen, um Glück und Wohlbefinden zu erreichen, wenn du diesen Menschen nicht auch durch einen Prozess führst, den Viktor Frankl für so wichtig hielt: die Suche nach dem Sinn.

Wenn du dich durch ein Meer von Unsicherheiten und Widrigkeiten kämpfst, brauchst du Licht. Etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, einen Zufluchtsort, etwas, das diesem Kampf eine Bedeutung verleiht und dich dazu motiviert, weiterzukämpfen. Damit dir das gelingt, fordert Dr. Wong dazu auf, dir selber folgende Fragen zu stellen:

  • Wer bin ich? Was definiert mich, was macht mich aus?
  • Wie könnte ich glücklicher sein? Wie würde ein “gutes Leben” für mich aussehen?
  • Was ist meine Berufung? Wem oder was könnte ich mein Leben widmen und mich dabei gut fühlen?
  • Treffe ich die richtigen Entscheidungen?
  • Wohin gehöre ich? Warum fühle ich mich so alleine in der Welt? Wo kann ich mich akzeptiert fühlen? Wo ist mein Zuhause?
  • Was verleiht meinem Leben einen Sinn?

Stelle dich der Herausforderung

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die existenzielle positive Psychologie eine wertvolle Theorie ist, die wichtigen Konzepten, die Teil der Entwicklung der Psychologie selbst waren, neues Leben einhaucht. Dr. Wong erkannte, dass diese grundlegenden Aspekte wichtig sind. Er wusste jedoch auch, dass sie angesichts der Herausforderungen und Unsicherheiten unserer heutigen Welt überarbeitet werden mussten.

Daher möchten wir dich dazu ermutigen, deinen Sinn und Zweck im Leben nicht zu vergessen. Dabei solltest du auch genügend Raum für all deine Emotionen lassen, auch für jene, die Schmerz und Unbehagen verursachen. Denn genau diese Emotionen sind es, die wahre Weisheit bringen. Wenn du weißt, wie du mit ihnen umgehen kannst, macht dich dies zu einem stärkeren und kompetenteren Menschen.

  • Wong, P. T. P. Meaning-centered approach to research and therapy, second wave positive psychology, and the future of humanistic psychology. The Humanistic Psychologist.
  • Wong, P. T. P., Ivtzan, I., & Lomas, T. (2016). Good work: A meaning-centred approach. In L. G. Oades, M. F. Steger, A. Delle Fave, & J. Passmore (Eds.), The Wiley Blackwell handbook of the psychology of positivity and strengths-based approaches at work (pp. 0-0). West Sussex, UK: Wiley Blackwell.