Estanislao Zuleta: Ein Autodidakt als Psychoanalytiker

17. Juni 2019
Estanislao Zuleta ist außerhalb Kolumbiens nicht sonderlich bekannt, obwohl dieser Philosoph ein Berater der Vereinten Nationen war und die Kultur seines Landes deutlich beeinflusste.

Estanislao Zuleta ist außerhalb Kolumbiens nicht sonderlich bekannt, obwohl dieser Philosoph ein Berater der Vereinten Nationen war und die Kultur seines Landes deutlich beeinflusste. Doch auch junge Generationen lesen noch immer seine Werke.

Einer der faszinierendsten Aspekte der Karriere dieses Psychoanalytikers ist, dass er ein Autodidakt war. Er lehnte eine formelle Ausbildung ab. Er zog es auch vor, Wissen durch das gesprochene Wort zu vermitteln. Der Großteil seiner Arbeit besteht daher aus transkribierten Vorlesungen.

Estanislao Zuleta war besorgt über Politik, Bildung und Machtstrukturen in Lateinamerika. Sein Hauptaugenmerk lag auf der Ethik. Zuleta folgte den Theorien von Freud und Lacan, aber er hatte auch seine eigenen Theorien.

Dies an sich ist bereits ein bestimmendes Merkmal der Psychoanalyse: Es gibt so viele Arten der Psychoanalyse wie es Psychoanalytiker gibt.

Die Anfänge von Estanislao Zuleta

Zuleta wurde 1935 in Medellín, Kolumbien, geboren. Sein Vater starb bei einem Flugzeugunfall, als er erst fünf Monate alt war. Dieser Unfall war damals eine Schlagzeile, denn Carlos Gardel, eine Ikone der Tangowelt, befand sich auch in diesem Flugzeug.

Bereits in jungen Jahren beschloss Estanislao Zuleta, die Schule abzubrechen. Er glaubte, dass die Schule das Potenzial eines Menschen einschränke, anstatt den Schülern bei der Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu helfen.

Von diesem Zeitpunkt an begann er eine selbstlernende Reise, die niemals endete. Von den Ideen der antiken griechischen Philosophen bis hin zu Nietzsche, Marx und Freud faszinierten ihn.

Ein Foto von Estanislao Zuleta.

Sein größter Mentor war schließlich Fernando González, den viele als „Philosophen aus einem anderen Land“ bezeichneten. González war ein kolumbianischer Denker, der für seine scharfen Reflexionen über die Gesellschaft und seine skandalöse Lebensweise berühmt war.

Er wurde auch dafür anerkannt, freies Denken und freie Meinungsäußerung zu fördern. Estanislao Zuleta war sein bekanntester Schüler.

Philosoph und Psychoanalytiker

Obwohl Estanislao Zuleta nicht besonders viel offiziellen akademischen Unterricht erhalten hatte, war er den größten Teil seines Lebens Universitätsprofessor. Denn 1980 verlieh ihm die Universität von Valle einen Honoris Causa für seine Forschungen in der Psychologie. Als er diesen Titel erhielt, hielt er seine berühmteste Rede: ein Lob auf die Schwierigkeit.

Er hatte jedoch auch mit vielen persönlichen Problemen zu kämpfen. Man kannte ihn wegen seines übermäßigen Alkoholkonsums.

Er betrachtete das Lesen auch als oberste Priorität, wenn es um Bildung, Politik und Denken ging. Eines seiner bekanntesten und beliebtesten Werke ist On Reading. In dieser Arbeit bekräftigt er, dass es sehr wichtig ist zu verstehen, was man eigentlich liest.

Seine Arbeit

Estanislao Zuleta besuchte Bars und Cafés. Er lehnte nie jemanden ab, der mit ihm sprechen wollte. Ein weiterer Essay ist eine Verteidigung der Konversation, und er war wahrlich einer der wichtigsten Vertreter dieser Kunst.

Er glaubte, dass das einzige ethische Problem beim Gedankenaustausch von Personen mit unterschiedlichen Meinungen darin bestünde, Argumente zu suchen, welche die Aussagen des anderen unterstützen anstatt diese zu widerlegen.

Wenn diese Argumente nicht gefunden werden können, kann man weiterhin so denken, wie zuvor. Das bedeutet, man hat erst dann einen Grund, seine eigene Meinung nicht zu verändern, wenn es für die Meinung des anderen keine Gründe gibt. 

Er glaubte, dass die Psychoanalyse die Welt verändern könnte. Mit dieser Annahme machte er verschiedene psychoanalytische Beobachtungen der Gesellschaft. Eines seiner wichtigsten Werke ist die Idealisierung des individuellen und kollektiven Lebens, in dem er argumentiert, dass der Versuch, „soziale Paradiese“ zu schaffen, nur zu autoritären Gesellschaften führt.

Einer seiner engen und großen Freunde, Jorge Vallejo, schrieb einige Jahre nach seinem Tod eine Biographie über Zuleta. Sie trägt den Titel La rebelión de un burgués (zu Deutsch in etwa: Der Aufstand eines Bourgeois).

Buchcover mit Estanislao Zuleta darauf.

Heute gibt es ein Zentrum, das sich ausschließlich dem Studium seiner Arbeit widmet. Zuleta ist ein Denker, den man kennenlernen und analysieren sollte, obwohl er nicht so bekannt ist.