Warum dachte Nietzsche, dass wir krank seien?

14. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
"Man wird nicht zum Christentum ,bekehrt', — man muss krank genug dazu sein" - Heißluftballon mit Hut, der den Kopf ersetzt

„Es steht niemandem frei, Christ zu werden: man wird nicht zum Christentum ,bekehrt‘, — man muss krank genug dazu sein.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) begründete eine revolutionäre und viel diskutierte Schule der Philosophie. Sie gründete auf der Idee, dass Gott tot sei, und somit auf einer neue Art und Weise, die Welt zu sehen und verstehen. Doch warum dachte Nietzsche, dass wir Menschen krank seien?

Nietzsche versuchte, Menschen und deren Gedanken aus dem Gefängnis zu befreien, in das sie sich im ausgeklügelten Versuch, ihrer schlimmsten Angst zu entkommen, selbst begeben haben. Diese ist die Angst vor dem Leben, vor uns selbst und vor unserer Freiheit.

Tatsächlich dachte Nietzsche, dass wir krank seien, und sah den Ursprung vieler unserer Probleme im Erbe des demokratischen Griechenlands. Wir ließen „Mythos“ links liegen und begannen, „Logos“ zu verehren. Wir verehrten den Verstand und die Vernunft, der uns zu eingeschränkten Wesen machte, die sich vor den Schatten in einer Höhle fürchteten. 

Der Ursprung der Krankheit und der der Tragödie

In Griechenland verlor Dionysos (sein Leben) und Apollo gewann (das Argument). So wurden wir von unserer Wahrnehmung von Perfektion hypnotisiert, die wir nach außen projizieren und die auch nirgendwo sonst sein kann, denn wir siedeln sie weit entfernt von unserer Natur an.

Es ist unsere Bestrafung und unser Schicksal: die symbolische Form zu überschreiten und in eine materielle überzugehen. Die einzige Möglichkeit, diese Bestrafung umzukehren: der Tod. Fanatiker verschiedener Religionen vertreten noch heute dieses Ideal, wenn sie sich Bomben umschnallen und den Weg in eine bessere Welt beschreiten. Dabei löschen sie Leben aus und nehmen irrigerweise an, dass das ihr Ticket sei, ihrer Angst vor der Welt zu entkommen.

Nietzsche denkt nach

Sokrates mag die Türen zu dieser Gedankenrichtung geöffnet und das Dionysische (dem Leben) vom Apollonischen (der Vernunft) getrennt haben. Es war jedoch Platon, der das eine über das andere stellte, der die Sokratische Methode, die Früchte des Wissens, die Errungenschaften der Vernunft und auch die der Tragödie erfüllte. Diese Hierarchie zieht sich durch das Christentum. Die Christenheit sprach seit eh und je davon, dass das Leben eine Vorbereitung auf den Tod, ein Tal der Tränen sei, das wir durchschreiten müssten, um ins Paradies zu gelangen.

Der Tod als Bestrafung, der Himmel als Belohnung. Diese Idee passte perfekt zu den Schwierigkeiten, welche die Menschen durchmachten, da ihnen Hunger und Pest schwer zu schaffen machten und sie nach Hoffnung dursteten: „Jetzt musst du leiden, aber später wirst du belohnt.“  So sah diese Hoffnung aus. Aber nur diejenigen durften sich an sie klammern, die genug litten, um diese Belohnung auch zu verdienen. Das war die Rechtfertigung, mit der einige Leute erklärten, warum es ein allmächtiger, gütiger Gott erlaube, dass uns Tragödien widerfahren. 

Diese Vision bedeutet moralische Bestrafung für uns als Menschen, weil sie uns die Verantwortung für unsere besten Handlungen abspricht. 

Wir haben uns selbst zur Sklaverei verurteilt

Kehren wir zum Kern von Nietzsche’s Schule zurück: Als Gesellschaft haben wir uns Werte geschaffen, welche mehr auf unserem Glauben als auf Wissen basieren. Wir sind jedoch intelligente Wesen und die Aufklärung brachte schließlich Licht in das finstere Mittelalter.

Währenddessen investierten wir in die Wissenschaften, was die beste Lösung war, um die althergebrachten Ketten zu sprengen. Somit waren die Wissenschaften für Nietzsche ein perfektes Werkzeug, das vom Menschen genutzt wurde, um sich aus jenen Höhlen auszugraben, in denen die Schatten tanzten. Gleichzeitig hoffte man jedoch darauf, sich ein Modell erschaffen zu können, das uns unser aller Schicksal offenbaren würde. Wir begaben uns auf die Suche nach einer Gleichung des Lebens, in der wir alle variablen kannten. Unternehmen nutzen solche Gleichungen heutzutage, um vorauszusehen, was Konsumenten kaufen werden – aber wie wir schon an diesem Beispiel sehen, gibt es immer noch ein paar unbekannte Faktoren.

Frau trägt schwarzen Rollkragenpullover über dem Mund

Nietzsche konfrontiert diese Denkweise mit dem Nihilismus, worauf seine „Philosophie mit einem Hammer“, basiert. Das ist der zerstörerische Teil seiner Philosophie. Das System des traditionellen Wissens und dessen Ergebnisse werden angegriffen, insbesondere das der westlichen Kultur und der Orte, indenen Nietzsche eine Widerspiegelung dieser Kultur erkannte.

Nihilistischer Pessimismus und die Ankunft des Übermenschlichen

Im Nihilismus wird die Frage, warum Nietzsche dachte, dass wir krank seien, geklärt und auch die, warum das, was in Griechenland geschah, für uns alle der Anfang der Tragödie gewesen sein soll. Seine Antwort ähnelt einer kopernikanischen Revolution, lehnt an Aufklärung und Anthropozentrismus an, findet jedoch einen anderen Ton und eine andere Bedeutung.

Anders als die Denker der Aufklärung, glaubte Nietzsche nicht an eine Rettung durch die Wissenschaft. Nietzsche dachte sogar, dass Wissenschaft nur ein Ersatz für Religion wäre, der jedoch in manchen Punkten intelligenter und dynamischer wäre. Sie wäre letzten Endes nur eine weitere Religion, die ebenso unsere Verbitterung über das Leben verriete. Daraus folgerte er, dass sie gleichfalls unsere Krankheit und die Unterdrückung unseres Urtriebes widerspiegelte.

Eine weitere Manifestation dieser kranken Modernität, neben Religion und Wissenschaft, war für Nietzsche die Sprache. So wie wir versuchten, das Leben auf einzelne Zahlen zu reduzieren, wollten wir es in Konzepten und Gleichungen formulieren. Diese Art von Sprache wäre aber Fiktion, ein kollektiv verwendetes Mittel, um die Wahrheit zu finden. Eine Wahrheit, die absolut, klassifizier-, objektivier- und quantifizierbar sein müsste. Doch funktioniert die von uns bewohnte Welt so?

Nachdem wir die Krankheit verstanden haben, können wir uns fragen, wie die Lösung aussehen kann. Tatsächlich dachte Nietzsche, dass wir krank seien und sah den Weg zur Heilung darin, in unsere Werte zu investieren und uns zur Ankunft des Übermenschlichen hinzubewegen. Der Übermenschliche versucht, sein Leben so gut zu leben, dass er es noch einmal tun würde. Der wahrhaft dynamische Teil von Nietzsches Philosophie ist der, in dem er das Misstrauen überwindet und das Leben befürwortet.

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