Bücher sind Spiegel

· 30. Mai 2018

„Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen lediglich das, was man bereits in sich trägt.“

Dieses Zitat aus dem Buch Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón beschreibt sehr genau, welch persönliche Angelegenheit das Lesen tatsächlich ist. Jeder von uns hat seinen eigenen Geschmack, wenn es um Bücher geht. Empathische Menschen bevorzugen meist Romane, impulsivere Personen tendieren eher zu aktionsgeladenen Büchern und fantasievolle Menschen mögen Fiktion. Wie dem auch sei, ein Buch hat für zwei Menschen niemals die gleiche Bedeutung.

Für wahre Leseratten gibt es nichts Schöneres, als nach Hause zu kommen und sich mit einem guten Buch zurückzuziehen. Lesen eröffnet das Tor zu neuen Leben, neuen Kulturen und neuen Wegen, die Welt zu betrachten. Darüber hinaus hilft lesen uns dabei, zu entspannen, denn es reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen.

Lesen tut unserem Gehirn überhaupt gut. Es verbessert kognitive Fähigkeiten, wie Abstraktions- und Vorstellungsvermögen, Konzentration und Gedächtnis. Dazu trägt das Lesen zur Prävention degenerativer Störungen bei. Unser Gehirn ist ein Muskel, der durch das Lesen trainiert wird.

Aus einem aufgeschlagenen Buch fliegen Schmetterlinge, Vögel und Blumen heraus.

Wenn wir uns das Lesen zur Gewohnheit machen, schaffen wir uns gewissermaßen einen Zufluchtsort, den wir in schwierigen oder komplizierten Zeiten aufsuchen können. Ein zweites Zuhause, das uns umgibt und uns das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein. Denn wir gehen mit den Charakteren des Buches auf eine gemeinsame Reise; ihre Geschichte wird unsere Geschichte. Aus diesem Grund gelten Bücher als Spiegel.

„Lest nicht, wie die Kinder, zum Vergnügen, noch wie die Streber, um zu lernen. Nein, lest, um zu leben“.

Gustave Flaubert

Bücher sind Spiegel, die unserer Konzentration dienen

Jedes Mal, sobald wir anfangen zu lesen, springt unsere linke Gehirnhälfte an und arbeitet auf Hochtouren daran, weitere Hirnregionen zu aktivieren. Laut dem Neurologen Stanislas Dehaene, vom Collège de France (Frankreich), wird unser Gehirn durch unsere Lesefähigkeiten modifiziert. Die Psychologin Nicole K. Speer, von der University of Washington (Washington, USA) erklärt darüber hinaus, dass wir beim Lesen erschaffen, was wir uns vorstellen. Tatsächlich aktivieren wir Bereiche in unserem Gehirn, als täten wir genau das, was der Protagonist im Buch gerade tut.

Lesen ist ohne Zweifel eine der effektivsten Strategien, die wir kennen, um unser Gehirn zu entwickeln. Unser Gedächtnis mithilfe des Lesens zu trainieren, verbessert gleichzeitig unsere Konzentration. Das mag merkwürdig klingen, denn das Lesen scheint doch ein natürlicher Vorgang zu sein. Doch wenn wir das Lesen lernen, erhalten Buchstaben und Worte neue Werte. Das bedeutet, wir bekämpfen unser natürliches Streben, einer störenden Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken.

Warum das so ist? In der Evolutionspsychologie heißt es: Unaufmerksamkeit konnte für unsere Vorfahren tödlich sein. Was, wenn die Jäger den Reizen in ihrem Umfeld keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten? Sie hätten gefressen werden können oder wären verhungert. Aus diesem Grund gilt das Stillsitzen und sich auf etwas zu konzentrieren, etwa auf ein Buch, als großer Schritt in unserer Evolution. Die Evolution ermöglichte es uns, auszuruhen, nicht ständig auf der Hut sein zu müssen.

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder eine gute Konzentrationsfähigkeit entwickeln, sollten wir das Lesen für sie zu einer Gewohnheit machen. Und mit gutem Beispiel vorangehen. Schon zwanzig Minuten lautes Vorlesen am Tag können einem Kind dabei helfen, seine Konzentration und Aufmerksamkeit zu verbessern. Diese beiden Fähigkeiten können zu einem erfolgreichen Leben beitragen.

„Lesen bereichert den Menschen, mündlicher Gedankenaustausch macht ihn gewandt. Niederschriften verhelfen zu Wissen.“

Francis Bacon

Eine Person hält ein offenes Buch in den Händen.

Lesen hat Einfluss auf den beruflichen Erfolg

Über 20 Jahre hinweg hat ein Team der University of Oxford (England, Vereinigtes Königreich) die Gewohnheiten und Aktivitäten von beinahe 20.000 jungen Menschen analysiert. Die Forscher wollten herausfinden, welche Aktivitäten beruflichen Erfolg bis zum 30. Lebensjahr prognostizieren konnten. Nur das Lesen schien einen signifikanten Einfluss auf den beruflichen Erfolg zu haben; keine anderen Aktivitäten, etwa Sport oder Kino, hatten Auswirkungen auf ihn.

Wie bereits erwähnt, hat der Neurologe Stanislas Dehaene erklärt, dass das Lesen unser Gehirn modifiziere. Menschen, die lesen, besitzen mehr graue Substanz und Neuronen als Menschen, die nicht lesen. Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert drückte das treffend aus, als er schrieb: „Das Leben muss eine unaufhörliche Erziehung sein.“

Die Welt dreht sich ständig weiter. Daher kann ein regelmäßiges Training, in Form von lesen, für uns nur hilfreich sein. Wir müssen stets auf dem Laufenden bleiben und auf neue Umstände vorbereitet sein. Wir kümmern uns um uns, wenn wir Sport treiben. Mit der gleichen Sorgfalt sollten wir unsere kognitiven Fähigkeiten schulen und uns geistig fit halten.

„Wo Bücher verstauben, wird auch der Geist nicht mehr poliert.“

Waltraud Puzicha