Es ist nie zu spät, unseren Gefühlen eine Chance zu geben

· 14. Juni 2017

Eine gute Erziehung lehrt uns, unseren Wünschen Grenzen zu setzen, damit wir sie nicht doch eines Tages durch unser Verhalten verwirklichen. Die Rede ist von Wünschen, die anderen oder uns selbst schaden könnten, wenn wir sie in die Tat umsetzen. Eine Erziehung, die darauf abzielt, unsere Gefühle zu unterdrücken, ist allerdings weit entfernt von einer guten Erziehung.

Das Schlimme daran ist, dass das leider häufig der Fall ist. Für ein Kind kann es Situationen geben, für die es irgendwann keine Geduld mehr hat, besonders dann, wenn wir als Eltern einen sehr anstrengenden Job, eine schwierige Beziehung oder eine nicht gerade erheiternde Lebensgeschichte haben.

„Sag es mir und ich vergesse es, zeig es mir und ich erinnere mich daran, beziehe mich mit ein und ich lerne.“

Benjamin Franklin

Einige Eltern beschweren sich deswegen und möchten, dass ihre Kinder wie ein Roboter funktionieren, der ihnen aufs Wort folgt und keine Probleme macht. Sie sollen sich still und ruhig verhalten, die Eltern nicht in Momenten der Entspannung stören und keine Bedrohung für die berufliche Selbstverwirklichung darstellen. Sie sollen stets gehorchen und keine Einwände haben. Zusammengefasst sollen sie selbst lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, oder am besten sollen schon mit dieser Fähigkeit auf die Welt kommen.

Keine Mutter und kein Vater möchte, dass das Ergebnis ihrer Erziehung ein Kind ist, das nicht mit seinen Gefühlen umgehen kann. Dennoch glauben viele, dass sie ihre Kinder auf die Welt vorbereiten würden, indem sie ihnen beibringen, sich ihre Gefühle nicht einzugestehen oder zu ignorieren. Aber die Realität ist eine vollkommen andere: Wer mit dem Glauben aufwächst, seine Gefühle zu unterdrücken  sei etwas Positives, wird sich immer schuldig fühlen, wenn es ihm nicht gelingt, sie zurückzuhalten, oder er wird sich im Laufe seines Lebens wieder und wieder mit bitteren Tatsachen auseinandersetzen müssen.

Wieso wir uns nicht mit unseren Gefühlen verbinden wollen

Ein Kind ist ein unreifes Wesen, das vollkommen von Erwachsenen abhängig ist und aus diesem Grund sind die Erwachsenen seine Vorbilder. Viele Eltern verstehen nicht, dass es das Ziel der Erziehung ist, Kindern die Hand zu reichen, damit sie lernen, allein zu gehen und ihren eigenen Weg zu finden. Sie bringen ihren Kindern genau das Gegenteil bei, und zwar, dass ihre Abhängigkeit aufrechterhalten werden muss und mit ihr auch der Gehorsam.

Der Erziehungsstil dieser Eltern beruht darauf, dass Gefühle als etwas Beunruhigendes empfunden werden, von dem sich distanzieren muss. Wie das funktioniert? Mit Hilfe verschiedener Methoden. Eine dieser, die sehr häufig von Müttern angewandt wird, ist, sich in die Opferrolle zu begeben und gleichzeitig das Kind zu beschuldigen. Sie sagen dann Sätze wie: „Wenn du nicht isst, wird deine Mama sehr traurig sein.“  Das scheint unbedenklich zu sein, doch diese Art von Sätzen führen zu immer komplexeren Verhaltensweisen.

Ebenfalls, und wie soll es auch anders sein, gibt es die direkte Nötigung: Angst als Mittel zum Zweck. Es werden schlimme Bestrafungen angewandt und dem Kind wird Angst gemacht, damit es aufgrund der Angst vor den Folgen handelt. Am schlimmsten ist, dass sogar absolut gesunde Verhaltensweisen wie weinen, wütend werden oder zu viel lachen bestraft werden. Solche Eltern lassen ihre Kinder wissen: „Wenn du nicht aufhörst, zu weinen, wirst du schon sehen, was passiert.“  Ein weiterer gern verwendeter Satz bei dieser Art der Erziehung ist: „Hör auf zu lachen, wenn du nicht willst, dass ich dich bestrafe.“

Wahrscheinlich hat das Kind aber einen wirklichen Grund, um zu weinen, zu lachen oder wütend zu werden. Gefühle an sich sind weder gut, noch schlecht, sie sind schlichtweg menschlich. Ein normaler Mensch lacht, weint und wird wütend. Was wir lernen sollten, ist, diesen Emotionen Grenzen zu setzen, damit sie nicht zu ungesunden Verhaltensweisen führen. Sie aber zu verspüren, ist vollkommen normal und gesund. Doch manchen Eltern macht es schreckliche Angst, dass ihr Kind traurig oder wütend ist. Daher entscheiden sie sich für den einfachen, aber gleichzeitig auch brutalsten Weg: die Unterdrückung der Gefühle.

Gib deinen Gefühlen noch eine Chance

Natürlich sind diese Brandmarken aus der Kindheit unvergänglich. Sie begleiten uns unser ganzes Leben. Das soll aber nicht heißen, dass man nicht daran arbeiten kann, damit deren Einfluss so gering wie möglich bleibt. Damit uns das gelingt, müssen wir zuallererst anerkennen, dass es sie gibt und sie uns das Leben schwermachen.

Die Fehler der Eltern ausfindig zu machen, bedeutet nicht, sie weniger zu respektieren, zu lieben oder ihnen zu schaden. Wir sollten es mehr so betrachten, die Erziehung zu verstehen oder zu verbessern, die wir genossen haben. Denn eines ist sicher: Jede Mutter und jeder Vater möchte sein Kind glücklich sehen. Manchmal kommen sie aber vom Weg zum Glück des Kindes ab. Und genau dort kannst und solltest du als Erwachsener die Fährte wieder aufnehmen.

Vielleicht denkst du sogar jetzt im Erwachsenenalter noch genau so, wie es dir beigebracht wurde: Gefühle zu unterdrücken ist die beste Art, aus ihnen kein Ärgernis werden zu lassen. Es kann unter Umständen sogar sein, dass du damit angibst und es als eine Reifeprüfung ansiehst, nicht zu weinen, obwohl dir danach ist, du atmest einfach tief durch und hältst es aus. Deine Wut ist immer angebracht, du schreist nie und fährst nie aus deiner Haut. Du bist stets sehr sachlich, auch wenn du manchmal unüberwindbare Ängste verspürst oder dich in unterschiedlichen Situationen selbst blockierst.

Denke daran, dass uns unsere Gefühle nicht überfordern, weil sie gefährlich oder negativ sind, sondern weil uns niemand beigebracht hat, mit ihnen umzugehen oder ihre Energie für uns arbeiten zu lassen. Es kann auch gut sein, dass du durch die Unterdrückung deiner Gefühle sogar so viel emotionale Energie angehäuft hast, dass du nur noch explodieren kannst, was viel mehr verletzt als die vorangegangenen Emotionen, mit denen du mit emotionaler Intelligenz hättest umgehen sollen.

Die schlechte Nachricht ist, dass dir das niemand beigebracht hat. Niemand hat dir gesagt, dass deine Gefühle ein Teil von dir sind und dass du fühlst, um ein besseres Leben zu haben. Aber die gute Nachricht ist, dass du deinen Emotionen nun eine neue Chance geben und eine neue Verbindung zu ihnen entstehen lassen kannst. Wir möchten dich mit diesem Artikel dazu einladen, diese Gelegenheit wahrzunehmen.

Die Sprache der Unterdrückung

Durch den Gebrauch der Unterdrückung versucht ein Mensch
bestimmte Gedanken, Gefühle oder Sehnsüchte, die… >>> Mehr

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Margarita Kareva, Art TreeLight, Anne Miklos