Entschlüsseln wir die Angst vor dem Unbekannten

08 Januar, 2021
Die Angst vor dem Unbekannten macht sich deutlich bemerkbar, wenn wir eine Bedrohung nicht entschlüsseln oder nicht aus ihr schlau werden, weil wir sie nicht verstehen können. Es ist wichtig, an dem dabei entstehenden Gefühl der Ohnmacht zu arbeiten und eine aktivere Geisteshaltung gegenüber der Angst an den Tag zu legen.

Sigmund Freud arbeitete an einer Theorie über die Angst vor dem Unbekannten. Diese Angst ist für uns  greifbar durch die aktuelle Situation, die durch die weltweite Corona-Krise entstanden ist. In vielen Menschen sind dadurch quälende Ängste ausgelöst worden, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gespürt haben. Dieser Zustand lässt sich folgendermaßen beschreiben: Wir fühlen uns verletzlich, ja sogar regelrecht ohnmächtig angesichts einer Macht, die uns überlegen scheint.

Diese fast kindliche Angst ist ein grundlegendes Gefühl, das aufsteigt, wenn jemand Angst vor dem Unbekannten hat. Diese Angst scheint uns von allen Seiten einzukreisen, deswegen fühlen wir die damit verbundene Qual. Sie gleicht nicht der Angst, die wir haben, wenn wir vor etwas Spezifischem Angst verspüren, sondern der Angst vor etwas Unvorhersehbarem, das viele Schatten mit sich bringt.

Die Pandemie hat unsere Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Das gleiche Gefühl hatten wir vielleicht auch als Kind. Damals waren wir völlig abhängig von den Großen, die uns an der Hand hielten und für uns die Entscheidungen getroffen haben, die sie selbst sogar manchmal dem Zufall überließen. Wir sind wie Kinder mit nackten Füßen, die im Wald ausgesetzt wurden und dort auf sich allein gestellt sind.

Ein Mann am Handy reibt sich gestresst die Augen.

“Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist die Angst, und die älteste und stärkste Art der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.”

H.P. Lovecraft in seinem Buch “Das übernatürliche Grauen in der Literatur”

Was läuft bei der Angst vor dem Unbekannten in uns ab?

Bevor sich Sigmund Freud mit der Angst vor dem Unbekannten beschäftigte, galt sie als etwas Neues und Bedrohliches, weil sie allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie unbekannt war, Angst und Schrecken in den Menschen auslöste. Der Vater der Psychoanalyse stellte diese Sichtweise auf den Kopf. Er näherte sich dem Thema über zwei Begriffe: das Vertraute und das Fremde.

Das Vertraute umfasst die Dinge, die uns bekannt sind und uns ein Gefühl der Sicherheit geben, da sie Teil unserer normalen Alltagserfahrung sind. Menschen, Situationen, Räume, Ideen, Gefühle usw. sind Teil des Umfelds, das wir als “vertraut” bezeichnen.

Was wir allerdings als “fremd” beschreiben, ist das, was wir außerhalb der Bereiche vorfinden, in denen wir uns bewegen. Es handelt sich dabei weniger um das, was wir nicht kennen, sondern eher um das, was wir als nicht erkennbar einstufen. Wir wissen wenig oder gar nichts darüber. Es gehört nicht zu unserem Alltag und wir verstehen die dahinter stehende Logik nicht. Wir haben auch keine Ahnung, wie wir es wahrnehmen oder damit umgehen sollen.

Wie ist die Dynamik zwischen dem Vertrauten und dem Fremden?

Für Freud entsteht die Angst vor dem Unbekannten, wenn uns das Vertraute fremd wird oder das Fremde vertraut wird. Es ist nicht so sehr das Neue, das uns ängstigt, sondern vielmehr die Verwandlung von etwas, das wir für vertraut hielten, in etwas Fremdes und umgekehrt. Dieser Verwandlungsprozess ruft in uns den Schrecken hervor.

Alle Horrorfilme nehmen diese Prämisse als Ausgangsbasis. Dracula flößt uns Furcht ein, weil er ein Mensch wie du und ich und gleichzeitig ganz anders ist. Unser Angstpegel steigt enorm, wenn sich dieser elegante Graf plötzlich in ein abscheuliches Monster verwandelt.

Wenn Dracula die ganze Zeit über ein Vampir wäre, würden wir ihn sicherlich fürchten – dann allerdings auf eine andere Art und Weise; es würde sich bei dieser Angst nicht um die Angst vor dem Unbekannten handeln. Wir könnten einfach den Blick von ihm abwenden, ihm den Rücken zudrehen oder ihn aus unseren Gedanken verbannen. Da er aber einerseits ein Monster ist, andererseits aber eben auch nicht, fallen wir der Zweideutigkeit seines Wesens zum Opfer. Dadurch geraten wir in den Einflussbereich der Angst vor dem Unbekannten.

Das Gleiche passiert auch anders herum, wenn uns das Fremde vertraut wird. Dies wird in einigen Horrorfilmen gezeigt: Die Hauptfigur findet auf einmal heraus, dass sie sich inmitten seltsamer Wesen befindet, von denen sie annahm, dass sie ihr ähnlich wären. Diese Metamorphose, die in die Angst vor dem Unbekannten mündet, finden wir zum Beispiel in Roman Polanskis Film Rosemaries Baby.

Die Pandemie und die Angst vor dem Unbekannten

Die Pandemie, die vom Corona-Virus ausgelöst wurde, beinhaltet alle wesentlichen Elemente, um als Angst vor dem Unbekannten klassifiziert zu werden. Von einem Tag auf den anderen fingen wir damit an, alles um uns herum mit argwöhnischen Augen zu betrachten.

Die Welt, in der wir uns zuvor relativ sorglos bewegten, birgt nun Gefahren, die beinahe überall lauern. Die Menschen, die wir einst umarmten, werden nun zu einer möglichen Gefahrenquelle. Das Virus kann gleichzeitig überall und nirgends sein; die Angst vor dem Unbekannten steigt, weil wir den Erreger nicht sehen können.

Dazu kommt, dass nicht einmal uns vertraute Verwandte oder Freunde in der Lage sind, den Risikofaktor Virus für uns zu verkleinern. Was wir darüber wissen: Seine Auswirkungen können vollkommen verheerend sein. Die beste Entscheidung besteht darin, uns vor dem Virus zu verstecken. Was vorher vertraut war, ist uns nun fremd geworden. Das Virus, eine unbekannte Größe in unserem Leben, scheint nun überall zu sein und alles zu übernehmen, was wir sehen und kennen.

Eine Frau, die Angst hat, sitzt vor einem Fenster.

Wie kann man mit der Angst vor dem Unbekannten umgehen?

Erst einmal muss man die Bedrohung objektiv kennen. Im Falle des Corona-Virus halten wir uns an wissenschaftlich gesicherte Informationen, vor allem was die Ansteckungswege betrifft. Wenn wir alle die Empfehlungen beherzigen, werden die Ansteckungsherde kleiner. Der Knackpunkt liegt im engen Kontakt zu Menschen und Gegenständen, die wir normalerweise pflegen. In diesen Situationen müssen wir extrem vorsichtig sein.

Es lohnt sich auch daran zu denken, dass wir erwachsen sind, auch wenn wir uns wie ein Kind fühlen mögen. Aus diesem Grund haben wir einen bestimmten Spielraum, was unsere Autonomie und unsere Optionen angeht. Und wie begrenzt dieser Spielraum auch sein mag, wir müssen ihn nutzen und uns entscheiden, wir mit unseren Emotionen und unserer neuen Routine verfahren möchten. Es ist gut, unser Herz zu stärken und daran zu glauben, dass jeder von uns über Werkzeuge verfügt, sich zu schützen – sowohl auf einer individueller Ebene als auch als Spezies insgesamt.

Freud, S. (1973). CIX. Lo Siniestro. Obras completas, 3.