Emotionen in der Politik

Emotionen spielen in der Politik eine wesentliche Rolle. Obwohl Macht schon immer große Leidenschaften geweckt hat, wird sie heute durch die Gesellschaft des Spektakels noch stärker in den Vordergrund gerückt.
Emotionen in der Politik

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 15. Juli 2022

Die Politik hat nach der klassischen griechischen Theorie zwei Phasen: die agonale und die architektonische. In der agonalen Phase geht es um den Machtkampf, um eine gewisse Kontrolle oder Verwaltung der Gesellschaft zu erreichen. Die architektonische Phase dient der Umsetzung von Projekten und Konstruktionen nach dem Erreichen der Macht.

Die Politik als Terrain für Emotionen ist tief in der agonalen Phase verwurzelt. Die Ideen, die sich in der Welt der Macht bilden und aufkeimen, sind mit Vernunft gesponnen, haben aber tiefe emotionale Wurzeln. Im Kampf um die Macht sind die Emotionen auf der politischen Ebene besonders intensiv.

Heute stützen viele Politiker ihren Diskurs auf Emotionen. Sie überzeugen eher mit Angstbotschaften oder Sicherheitsversprechen als mit vernünftigen Programmen oder Projekten zur Lösung konkreter Probleme. Wählerinnen und Wähler möchten konkrete Vorschläge zur Lösung ihrer Probleme, doch sie müssen in den Politikern auch Leidenschaft und Begeisterung erkennen.

Politik ist die Kunst, Menschen daran zu hindern, sich für das zu engagieren, was ihnen wichtig ist.”

Mark Aurel

Emotionen in der Politik
Viele politische Reden haben tiefe emotionale Wurzeln.

Kommunikation

Etwa 75 % der zwischenmenschlichen Kommunikation ist nonverbal. Deshalb sind in der Politik Gesten, Körperhaltungen, Raummanagement und alles, was den Diskurs begleitet, so wichtig. Die Körpersprache verstärkt das Emotionale und schafft eine Verbindung zur Politikerin oder zum Politiker.

Heutzutage konzentrieren sich die Kommunikationsberater von Politikern darauf, ein Bild ihrer Kandidaten zu vermitteln, das durch das Sensorische gestützt wird. Was bedeutet das? Sinnesreize kommen zum Einsatz, um Stimmungen in der Öffentlichkeit zu erzeugen.

Das aus der Werbung stammende Konzept heißt “Markengefühl”; es wird verwendet, um die Werte eines Kandidaten oder einer politischen Partei zu verstärken. Das Potenzial von Klang, Geschmack, visueller Wahrnehmung, Geruch oder Berührung hat einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung. Es geht darum, die fünf Sinne zu integrieren, um sensorische und emotionale Brücken zwischen dem Kandidaten oder der Kandidatin und seinen oder ihren Wählern oder Wählerinnen zu schlagen.

Politik und Emotionen

Vielerorts ist die Politik heute zu einem Akt des Illusionismus geworden. Wie so oft in der Geschichte liegt der Schwerpunkt auf Propaganda, was zulasten der ideologischen Debatte geht. Politik und Showbusiness kommen sich immer näher.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich heutige Politiker wie Popstars und nicht wie ein Staatsmann oder eine Staatsfrau verhalten. Vielen von ihnen geht es nicht darum, ein ideologisches Projekt zu vermitteln, sondern ein Image aufzubauen, das auf das zugeschnitten ist, was ihr Publikum sehen und hören möchte. In vielen Fällen geht es dabei mehr um Marketing als um Ideen oder Vorschläge.

Angst hat heute wie damals eine enorme Überzeugungskraft. Sie wird den Wählern auf subtile und kontinuierliche Weise eingeimpft. Jeder Politiker sucht sich einen Feind aus und fährt seine ganze Artillerie gegen ihn auf. Ein solcher Feind kann die Arbeitslosigkeit oder der Einwanderer, die Linke, die Rechte oder was auch immer sein. Es geht darum, einen Diskurs mit dem Ziel aufzubauen, eine Bedrohung einzudämmen. Es ist klar, dass dies vielerorts funktioniert.

Emotionen in der Politik
Emotional basierte Diskurse haben eine große Überzeugungskraft.

Emotionen in der Politik: neue Beiträge

Der Erfolg des emotionalen politischen Diskurses ist zum Teil auf den Beitrag einiger Human- und Sozialwissenschaften zurückzuführen. Die Psychologie hat zum Beispiel zur Beziehung zwischen der Verhaltensökonomie und den wirtschaftlichen Entscheidungen der Regierungschefs beigetragen.

In der Kommunikationswissenschaft, vorwiegend in der Werbung, liegt der Schwerpunkt auf der Überzeugungsarbeit. Die Überzeugungsarbeit in der Werbung basiert eher auf emotionalen als auf rationalen Entscheidungen. Und das wurde auf die Politik übertragen, indem die Emotionen, die Politiker wecken können, berücksichtigt und gesteuert werden.

Aber das ist nicht alles neu. Schon Aristoteles sprach im 4. Jahrhundert v. Chr. in der Rhetorik davon, dass Emotionen in der politischen Debatte eine zentrale Rolle spielen. Er sagte, das Ziel der Debatte sei es, durch Emotionen zu überzeugen und nicht, begründete Entscheidungen zu treffen. Ihm zufolge war das Überzeugen und Gewinnen wichtiger als das Argumentieren.

Fast 25 Jahrhunderte später nimmt die Politik den Bereich des Emotionalen für sich in Anspruch und verbindet nonverbale Kommunikation mit Gefühlen, um eine Verbindung mit der Bevölkerung zu erreichen, die über das Rationale hinausgeht. Diejenigen, die politische Reden besuchen, erwarten, dass ihre Herzen berührt werden, und die Kandidaten wissen das.

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