El Bar – Frühstück mit Leiche: Die Absurdität der menschlichen Natur

31. Juli 2019
Ein bestialischer, verrückter und gewalttätiger Stil, in dem die schlimmsten Instinkte des Menschen zum Vorschein kommen. De la Iglesia fühlt sich in diesem Bereich und in diesem grotesken Szenario, in dem dieser Film spielt, sehr wohl.

Die letzten beiden Filme des baskischen Filmemachers Àlex de la Iglesia kamen fast gleichzeitig in die Kinos: „El Bar – Frühstück mit Leiche“ und „Perfekte Fremde“ hatten beide 2017 ihre Premiere.

Doch die Wirkung dieser beiden Filme war sehr unterschiedlich. Während der erste relativ diskrete Einnahmen erhielt, wurde der zweite zu dem erfolgreichsten Film dieses Regisseurs.

Vielleicht wäre die Handlung des Remakes für das breite Publikum normalerweise attraktiver gewesen, doch in Wahrheit verliert dieses in gewisser Weise die Essenz des Regisseurs. El Bar – Frühstück mit Leiche ist dem besonderen Stil, den wir von Alex de la Iglesia gewöhnt sind, näher.

Ein bestialischer, verrückter und gewalttätiger Stil, in dem die schlimmsten Instinkte des Menschen zum Vorschein kommen. De la Iglesia fühlt sich in diesem Bereich und in diesem grotesken Szenario, in dem dieser Film spielt, sehr wohl.

Er befindet sich in seiner Mitte, es ist der Schlüssel zum Kino und zu seinem Erfolg. Etwas, das auf der anderen Seite, ein wenig gegen ihn spielt: diese Bequemlichkeit lässt ihn vertrauen; sie lässt ihn zu sehr in seinen Film und darauf vertrauen, dass etwas, so unwahrscheinlich und sich wiederholend es auch sein mag, gelingen kann.

De la Iglesia hat uns bereits sehr an eine vielfältige Besetzung gewöhnt, die wirklich gut funktioniert. Doch meistens hinkt diese am Ende seines Films. Die Abfolge verrückter Ereignisse kann zugleich faszinierend sein, aber auch in eine Absurdität fallen, die schwer zu ertragen ist.

Persönlich kann ich sagen, dass El Bar – Frühstück mit Leiche ein sehr unterhaltsamer Film mit einem höchst attraktiven Plot ist. Der Film kann einen jedoch ermüden und sich zu einem Film verwandeln, der es in der Filmographie dieses Filmemachers nicht schafft zu glänzen.

Ein ganz normaler Morgen im Zentrum der gigantischen Stadt Madrid; eine Gruppe von Menschen frühstückt ohne Angst in einer Bar. Einige kennen sich, andere kommen nur kurz in die Bar. Plötzlich wird die Normalität durch etwas Tragisches unterbrochen: Jemand stirbt gerade durch einen Schuss vor der Bar. Das städtische Chaos ist verschwunden, die Stadt wirkt wie leer gefegt und diese Gruppe von Menschen ist in dieser Bar gefangen.

El Bar – Frühstück mit Leiche hat eine sehr interessante Handlung, die sich vertieft und die Charaktere sehr gut darstellt. Als würde man unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. De la Iglesia hat es geschafft, die Wahrheit hinter der Maske einzufangen. Die Natur, die sich hinter diesen Rollen verbirgt, ist jene, die wir in unserer Gesellschaft spielen.

Die Bar, ein Nicht-Ort

Die Bar, die wir in diesem Film sehen, ist eine Bar wie jede andere ohne irgendeinen besonderen Charme. Diese Bar, in die die Menschen der Umgebung morgens zum Frühstücken kommen oder die, so wie Elena, diese danach nie wieder betreten werden. In diesem begrenzten, aber bekannten, Raum bewegen sich die Menschen und geben so dem Film Leben. 

Marc Augé ist ein französischer Anthropologe, dem der Begriff Nicht-Ort zugeschrieben wird. Was genau ist ein Nicht-Ort? Dies ist ein Durchgangsort, ein Ort, an dem sich die Identität nicht manifestiert, ein Raum der künstlichen Kommunikation, der einer Einzelperson nichts bringt.

Augé identifiziert Autobahnen, Hotelzimmer, Flugzeuge usw. als solche Nicht-Orte. Das heißt, es handelt sich um Orte, an denen wir uns für kurze Zeit aufhalten werden, mit denen wir jedoch kaum interagieren werden und von denen wir kaum sinnvolle Beziehungen erhalten werden.

Der Nicht-Ort ist der Gegensatz zu jenem anthropologischen Ort, an dem sich die Identität befindet. Nicht-Orte sind Durchgansräume, die in ständiger Bewegung sind. Räume, von denen die heutige Gesellschaft mehr als geplagt wird.

Ob ein Raum ein Nicht-Ort ist oder nicht, unterliegt völlig der subjektiven Einschätzung. Es hängt davon ab, was er für jeden Einzelnen bedeutet und wie viel Interaktion wir mit diesem haben. Es gibt auch jene Menschen, die solche Räume als eine Art Kreuzung oder Austausch sehen.

El Bar - Frühstück mit Leiche

So ist die Bühne des Films von Alex de la Iglesia eine Bar mit extremem Fluss und starker Veränderung. Ein Nicht-Ort im Rahmen der Stadt, der nicht damit aufhört, zu wachsen und sich zu bewegen; ein Ort der Anonymität, der für viele Menschen Schutz bietet.

Auf diese Art und Weise treffen wir Elena. Eine junge Frau, die die Bar betritt, um ihr Telefon aufzuladen; und Trini, ein Kunde, der jeden Tag in die Bar kommt, um am Spielautomaten zu spielen.

Elena und Trini sind nicht die einzigen Charaktere, die sich auf diesem kleinen Raum befinden. Denn insgesamt bleiben 8 Personen darin verankert. Alex de la Iglesia hat bereits in vorigen Werken seine Vorliebe für Klaustrophobie aufgezeigt, weil er immer wieder eine Gruppe von Menschen an einem Ort eingesperrt hat, von dem diese nicht entfliehen kann und in dem sie extremen Situationen ausgesetzt wird.

In dieser Linie hat er mit Titeln wie Allein unter Nachbarn oder My Big Night bereits geglänzt. Aus offensichtlichen Gründen kann sich der Film El Bar – Frühstück mit Leiche nicht mit einem der großen Werke auf nationaler Ebene vergleichen lassen: Der Würgeengel (1962) von Luis Buñuel.

El Bar – Frühstück mit Leiche beginnt in einem kleinen Raum, in dem die Gespräche nicht besonders tiefgehend sind. Ein Ort, der für jeden Charakter etwas anderes darstellt. Ein Raum, der im Gegensatz zum hektischen Tempo der zeitgenössischen Stadt wie eingefroren wirkt.

El Bar – Frühstück mit Leiche: Die Besetzung als Repräsentation der Gesellschaft

El Bar – Frühstück mit Leiche ist eine gute Karikatur des heutigen Spaniens, weil er die Bräuche unserer Gesellschaft perfekt anspricht. Die Charaktere sind sehr vielfältig: ein Obdachloser, ein junges, aber äußerst unsicheres, Mädchen, eine normal aussehende Frau mittleren Alters, die an einer Spielsucht leidet, ein junger Hipster, ein ehemaliger Polizist, der seinen Dienst wegen Alkoholproblemen beenden musste usw.

Während die Situation immer verzweifelter wird, offenbaren sich die Charaktere so, wie sie wirklich sind. Der spanische Philosoph Eugenio Trias sprach in seiner Arbeit Philosophie und Karneval über eben diese Themen. Für Trías handeln wir in Bezug auf Konventionen, in den Rollen, die uns die Gesellschaft selbst gegeben hat. Diese Rollen sind sehr vielfältig, denn wir handeln nicht in jeder Situation gleich und projizieren nicht immer dasselbe Bild von uns.

Und genau das ist es, was wir so sehr an diesem Film schätzen. Dem Beispiel folgend mit dem wir begonnen haben, und zwar jenem von Elena, sehen wir, dass das junge Mädchen nicht auf die gleiche Art und Weise reagiert, als sie mit ihrer Freundin am Telefon spricht und plötzlich die unbekannte Bar betritt. Ebenso weisen alle Charaktere eine gewisse Dualität auf: Das Bild, das sie projizieren, gegenüber den Geheimnissen, die sie vor den anderen verbergen.

El Bar - Frühstück mit Leiche

Dieser maskierte Tanz ist ein Spiegelbild unserer Welt, ebenso wie der Bars, die wir täglich besuchen, der modernen Städte, in denen die Identitäten jedes Mal viel vielfältiger sind. Interessanterweise ist die Persönlichkeit, deren Identität zu allen Zeiten am stabilsten ist, der Obdachlose Israel.

Israel scheint nicht zu derselben Welt, wie der Rest zu gehören. Er wird als ein Mann gezeigt, der in seiner Vergangenheit unzählige Probleme hatte, jedoch im Laufe des Films niemals versucht, uns zu täuschen.

Während die Situation langsam verzweifelt wird, kämpfen alle Charaktere um ihr Überleben, unabhängig von den anderen. Im Zentrum dieses „Rette sich wer kann“ lösen sich die Masken auf und zeigen die Heuchelei, die unsere Welt umgibt. Doch Israel wird seine Maske nicht los, oder zumindest nur in geringerem Maße. Warum? Ganz einfach deswegen, weil Israel sich nicht bemüht, irgendjemandem zu gefallen; er will kein verzerrtes Bild von sich selbst projizieren.

Sind jene, die wir ausschließen, die Authentischsten? Isreal befindet sich bereits in einer verzweifelten Situation und kämpft schon täglich um sein Überleben. Aus diesem Grund ist er in gewisser Weise von der Gesellschaft ausgeschlossen und so fehlt ihm als Folge dessen eine Maske.

Zwischen dem Vulgären, dem Komischen und dem Tragischen umgibt El Bar – Frühstück mit Leiche eine Demonstration der Natur in ihrem reinsten Zustand, in ihrem tierischen Zustand. Eine Situation, in der der Überlebensinstinkt über die Moral und die sozialen Normen gestellt wird. Wir entlarven die Charaktere und sehen die schlimmsten Facetten des Menschen; die Natur unseres Wesens in einer extremen Situation.

„Ergebet euch eurem Appetit, meine Freunde, und ihr werdet die menschliche Natur erobert haben.“ 

Charles Dickens

  • Augé, M., (2009): Los no lugares: espacios del anonimato. Antropología sobre modernidad. Barcelona, Gedisa.
  • Trías, E. (1984): Filosofía y Carnaval y otros textos afines. Barcelona, Anagrama.