Ein offener und ehrlicher Brief an die Angst

Angst, mit diesem Brief möchte ich dir sagen, dass dich niemand wirklich mag. Jeder versteht, dass du nur versuchst, auf deine eigene Art und Weise zu helfen. Die Dinge haben sich seit unserem abrupten ersten Treffen jedoch stark verändert und du musst einen neuen Ort finden, an den du dich begeben kannst.
Ein offener und ehrlicher Brief an die Angst

Letzte Aktualisierung: 14. Mai 2021

In der narrativen Psychotherapie geht es darum, Techniken, wie beispielsweise einen Brief an die Angst, anzuwenden. Ihr Ziel ist es, dir zu helfen, deine aktuelle Beziehung zu ihr zu entdecken. Der Mensch verändert sich ständig und es könnte an der Zeit für dich sein, dieses Verhältnis neu zu definieren. Mit anderen Worten, verschiebe sie an einen anderen Ort und sieh, wie du dich wohler und ehrlicher fühlst.

Die menschliche Beziehung zur Angst war schon immer kompliziert und oft quälend. Es gibt aber auch Zeiten, in denen sie dir den Anstoß gibt, den du benötigst. In diesem Brief an die Angst geht es darum, zu erkennen, wie sehr sie schmerzt, und vor allem darum, sich über die Dinge zu wundern, auf die du noch keine Antwort hast.

„Angst ist der größte Mörder der Liebe. Sie lässt andere so fühlen, wie man sich selbst fühlt, wenn sich ein Ertrinkender an einem festhält. Du willst ihn retten, aber du weißt, dass er dich erwürgen wird.“

-Anais Nin-

Arbeite an deiner Angst, indem du dich ihr stellst

Brief an die Angst

Briefe beginnen in der Regel mit einem Gruß, wie beispielsweise „Lieber Freund“, aber dies ist ein Brief an die Angst. Daher ist es schwierig, sie als Freund anzusprechen und noch mehr, sie tatsächlich als Freund anzusehen. Und hast du nicht immer wieder gehört, dass Liebe dir keinen Schaden zufügen soll? Die Klinge der Angst ist jedoch sehr scharf und kann ziemlich tief gehen.

Verwende daher vielleicht lieber den Gruß „Geachteter Begleiter“. Wir können sie als solchen ansprechen, da die Angst dich zu verschiedenen Zeiten begleitet und es kaum einen Zweifel an ihrer Anwesenheit gibt. Sie macht sich definitiv in vielen deiner Lebenserfahrungen bemerkbar.

„Geachteter Begleiter, mit diesem Brief möchte ich mir wieder bewusst machen, wo du dich gerade befindest. Wie sehr es wehtut, dich im Moment an meiner Seite zu haben. Wie du weißt, verändern sich die Menschen und brauchen etwas Raum, um über diese Veränderungen nachzudenken.“

Ein abruptes erstes Treffen

Es würde sicherlich schwerfallen, keinen Hinweis auf deine erste Begegnung mit der Angst in deinen Brief aufzunehmen. Denn das abrupte erste Treffen mit ihr hinterlässt doch einen großen Eindruck in deinem Gedächtnis.

Abrupt, weil es deinen Körper grausam erschütterte und du das Gefühl hattest, benommen zu sein und zu ertrinken. Dein Herz schlug so heftig, um einem Tod zu entkommen, der plötzlich unmittelbar bevorzustehen schien. Die Angst schlich sich in deinen Schlaf und deinen Appetit, und sie fügte deinem ganzen Körper Schmerzen zu. Zu sagen, dass du die Kontrolle verloren hast, ist eine Untertreibung für das, was du damals gefühlt hattest.

Nach langer Zeit hatte endlich jemand einen Namen dafür. Es war weder dein Herz noch eine tödliche Krankheit, wie du es dir vorgestellt hattest. Du warst der Empfänger von Angst und mit dieser Erkenntnis begannen die unbeantworteten Fragen und Schmerzen:

  • „Warum jetzt, wenn es mir gut geht?“
  • „Wie kann die Angst all dies verursachen?“
  • „Was muss ich tun, um sie wieder loszuwerden?“

Die Erkenntnis führte zu einer Wertschätzung

Lange vor diesem Brief an die Angst hast du sie schon gehasst und sogar versucht, sie loszuwerden. Vielleicht hast du sie tausendmal angeschrien: „Was willst du von mir?“ Natürlich hattest du viele Gründe, sie zu hassen: Schmerz, Erschöpfung und Isolation. Es ist schwer, deine Angst nicht zu hassen, wenn sie dich von den Menschen fernhält, die du am meisten liebst. Sie zwang dich zu einem impliziten Schweigegelübde, das es dir nicht erlaubte, sie beim Namen zu nennen.

Hass ist jedoch keine Emotion, die allzu lange anhalten kann. Seine Intensität ist anstrengend und du warst schon müde von so viel Wut. Später hast du – mit großer Schwierigkeit – akzeptiert, dass sie auf unbestimmte Zeit bei dir bleiben würde. Und du hast dich dazu entschlossen, zuzuhören und hast dir selbst dieselben unbeantworteten Fragen gestellt, auf die geduldigste Weise, die du meistern konntest.

Möglicherweise weißt du bereits, dass die Angst dazu neigt, mit einem Echo zu antworten: „Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung war?“ „Warum jetzt?“ Dieses Echo verriet, dass du endlich etwas über diese Angst erfahren hattest. Es war da, um deine lange zum Schweigen gebrachte Stimme zu verstärken. Eine Stimme, die so oft unterbrochen wurde und die endlich danach strebte, gehört zu werden, egal wie. Doch noch heute fragst du dich verärgert: „War es wirklich notwendig, dass diese Stimme gehört wurde?“

Hör zu, Kumpel

Ok, du bist immer noch nicht in der Lage, die Angst als Freund anzusprechen, obwohl sie dir ein treuer Begleiter auf deinem schwierigen Weg war. Dieser liebe Freund ist jedoch sehr vielseitig und ein guter Zuhörer – er kann nach innen und auch nach außen zuhören.

Ja, ein guter Zuhörer ist ein wahrer Freund. Einer von denen, die dir von den guten Dinge erzählen, die du im Moment vielleicht nicht wahrnimmst und deshalb nicht so gut einschätzen kannst, wie wenn du gerade Mist bauen und aufpassen musst. Tatsächlich ist die Angst dein Freund, selbst wenn sie ihre konfliktreiche Seite offenbart. Du musst jedoch lernen, diese Freundschaft zu respektieren, auch wenn du die Gesellschaft der Angst nicht genießt.

Beende diesen Brief an die Angst, indem du ihr mitteilst, wie du in diesem Moment über sie denkst. Schließlich ist dies der eigentliche Grund, warum du ihr schreibst. Sprich sie jetzt direkt an und sage ihr etwas in der Art von:

„Angst, Kumpel, ich mag deine Gesellschaft manchmal ehrlich gesagt gar nicht. Ich verstehe aber auch, warum du hier bist und dass du versuchst, auf deine eigene Art und Weise zu helfen. Mir ist bewusst, dass du möglicherweise weggehst, sobald ich mir endlich Gehör verschafft habe. Trotzdem werde ich versuchen, nicht allzu wütend zu werden oder dich rauswerfen zu wollen, bevor ich verstehe, warum du mich wieder besuchst, falls du jemals zurückkommst. Es wird schwierig, also mache ich an dieser Stelle keine Versprechen.“

Indem du einen Brief an deine Angst schreibst, trittst du einen inneren Dialog mit ihr ein

Schreibe einen Brief an deine Angst

Dies zu tun, bedeutet, einen inneren Dialog mit ihr zu beginnen und neue Wege der Selbsterkenntnis zu eröffnen. Symptome wie Angst sind oft die Spitze eines Eisbergs. Einer, der bis tief in die Dunkelheit deines Unbewussten reicht. Daher muss ein Teil jedes psychotherapeutischen Heilungsprozesses, dem du dich unterziehst, darin bestehen, einen zugrunde liegenden psychologischen Konflikt aufzudecken.

Wie eingangs erwähnt, geht es in der narrativen Psychotherapie darum, Techniken wie diesen Brief an die Angst anzuwenden. Sie sind großartig, um den Prozess der Umwandlung subjektiver Empfindungen in Worte zu erleichtern. Daher möchten wir dich dringend dazu ermutigen, jetzt deinen eigenen Brief an die Angst zu schreiben. Mit anderen Worten, versuche, deine aktuelle Beziehung zu ihr zu definieren. Wie würdest du deinen eigenen Brief beginnen?

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