Ein Affenbrotbaum im Herzen – Reflexionen über „Der kleine Prinz“

· 30. Juli 2018

Wenn wir einen Affenbrotbaum in unserem Herzen finden, sollte wir ihn mitsamt seiner Wurzel herausziehen, denn sein Samen birgt Angst, Unsicherheit, Täuschung und Wut … Machen wir es wie der kleine Prinz. Er entfernte jeden Morgen den Samen des riesigen Affenbrotbaums von seinem kleinen Planeten. Er tat dies aus Angst, dass er zu groß werden könnte. Denn wenn er zu groß würde, würden seine riesigen Wurzeln alles Bekannte und Geliebte zerstören.

Manche Ängste sind eher ein Zeichen von Intelligenz als eine Phobie und steigern unser Wohlbefinden. Sie regulieren unser Überleben, da sie kontrollierte Ängste sind. Trotzdem ist dieser Samen des Affenbrotbaums immer noch in der Lage, alles zu infizieren. Er keimt genau dort, im Boden unseres psychologischen Gartens, ganz leise, verändert aber dennoch unser Gleichgewicht und unseren Fokus.

„Es gibt gute Samen für gute Pflanzen und schlechte Samen für schlechte Pflanzen. Sie schlafen im Verborgenen im Boden, bis einer von ihnen aufwacht. Zu dieser Zeit beginnt er, sich zu verlängern und, zunächst schüchtern, wächst ein schöner, harmloser kleiner Zweig zur Sonne hin. Wenn es der Zweig eines Rettichs oder eines Rosenstrauchs ist, können wir ihn wachsen lassen, wie er will, aber wenn er sich als schlechte Pflanze herausstellt, müssen wir ihn herausziehen, sobald wir wissen, was er ist.“

Der kleine Prinz

Es ist möglich, dass dies unter den vielen Überlegungen, die Antoine de Saint-Exupéry uns in Der kleine Prinz  hinterlassen hat, die interessanteste ist. Im Buch riss unser kleiner Protagonist den Spross des „schlechten“ Samens aus, während er den „guten“ pflegte und goss. Der schlechte Samen war der des Affenbrotbaums. Es war derjenige, den er mitsamt seiner Wurzel beseitigen musste, bevor er seinen Planeten von innen heraus zerstören konnte. Der Rosenstrauchsamen war der gute.

Affenbrotbäume in Afrika

Diese subtile Metapher symbolisiert zweifellos die Form unserer Ängste, aus denen unsere kognitiven Verzerrungen herrühren. Sie sind die Quellen, die Sorge oder Traurigkeit speisen, die unseren mentalen Palast benebeln und ihn zerbrechen lassen.

Ein Affenbrotbaum im Herzen – der, den wir alle in uns tragen

Jeder von uns hat einen Affenbrotbaum im Herzen. Er könnte heute vielleicht nur ein Samenkorn sein – unsichtbar, schlummernd und ohne Probleme. Einige von uns leiden jedoch schon unter den Auswirkungen seines Wachstums. Diese bestehen darin, dass der Baum seine Wurzeln ausbreitet und alles um sich herum aufwühlt. Er verändert alles und destabilisiert es. Denn Ängste implodieren und zerstören, ebenso wie Groll, innere Ordnung, Logik und Autonomie.

In Der kleine Prinz  fragt der Protagonist den Piloten in einer Szene, ob die Lämmer Büsche fressen. Als er bejaht, reagiert der Protagonist mit großer Freude. Er glaubt, dass er die Bedrohung durch den Affenbrotbaum endlich loswerden könne. Der Pilot korrigiert ihn sofort: Ein Affenbrotbaum sei kein Busch, sondern ein Baum. Der Affenbrotbaum sei so groß wie eine Kirche. Er sei so gewaltig, dass nicht einmal eine Elefantenherde in der Lage wäre, einen zu fressen.

Der kleine Prinz, der sich diese Szene vorstellte, schlug vor, dass er vielleicht Elefanten übereinander stapeln könnte. Doch Sekunden später warnte er, dass die beste Strategie nur darin bestehen könne, sein Wachstum zu vermeiden. Denn wenn ein Affenbrotbaum zu sehr gewachsen sei, könne man nichts mehr tun. Dieses große zerstörerische Element müsse in seiner frühesten Phase gestoppt werden, wenn es sehr klein und nicht mehr als ein Samen ist.

„Der Boden des Planeten war voller Affenbrotbaumsamen. Und wenn wir einen solchen Samen nicht rechtzeitig entfernen, wird es nie möglich sein, sich vom Baum zu befreien. Er wird den ganzen Planeten aufwühlen. Er bohrt sich mit seinen Wurzeln durch ihn hindurch. Und wenn der Planet zu klein ist und der Affenbrotbaum zu groß, wird er ihn zerbrechen.“

 Der kleine Prinz

Der kleine Prinz beobachtet den Horizont

Die Wichtigkeit, das Wachstum vom Affenbrotbaum im Herzen zu stoppen

Es gibt einige Literaten, die in der Metapher vom Affenbrotbaum des kleinen Prinzen noch mehr sehen als das. Es gibt jene, die davor warnen, dass dort nicht nur der Samen unserer Angst, sondern auch die Anfänge des Bösen selbst liegen könnten. Diese zerstörerische Kraft mache das Herz krank und sei in der Lage, zu schlimmsten Gräueltaten zu motivieren. Sie könne den verheerendsten Szenarien von Gewalt und Zerstörung Gestalt geben. Wir alle haben diese in unserem kollektiven Gedächtnis.

Letztendlich war und wird dieser Affenbrotbaumsamen immer in uns sein. Ob wir ihn keimen und wachsen lassen, hängt von uns ab. Wie auf dem Planeten des kleinen Prinzen gibt es in uns allen gute und schlechte Samen. Ob sie keimen und Wurzeln schlagen, hängt sicherlich von unzähligen Faktoren ab. Zum Beispiel von unserer Erziehung, Bildung und Lebenserfahrung. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass es in unseren Händen liegt, ob wir fleißige Gärtner sein wollen oder nicht: Wir können die schlechte Pflanze rechtzeitig entfernen. Der schlechte Samen hat keinen Nutzen für uns. Er zerstört die Umwelt und bricht mit dem natürlichen Gleichgewicht unseres persönlichen Gartens.

Diese wichtige Aufgabe übernahm der kleine Prinz jeden Tag. Er ist derjenige, der das entfernt hat, was er nicht wollte, und sich um das gekümmert hat, was er am meisten schätzte: seinen Rosenstrauch.

Der kleine Prinz wässert eine Rose

Wir brauchen keine Lämmer oder eine Herde Elefanten, die übereinander gestapelt sind, um diese Aufgabe zu erfüllen. Wenn wir einen Affenbrotbaum im Herzen haben, haben wir die Verantwortung, ihn rechtzeitig zu entfernen. Zumindest sollten wir seinen Samen nicht wachsen lassen. Diese Instandhaltungsaufgabe trägt zum Gleichgewicht bei, gibt uns Weisheit und ein Gefühl von Disziplin. Sie lässt uns verhindern, dass aus kleinen Problemen ein riesiger und schrecklicher Affenbrotbaum wird.