Edvard Munch: Bilder über Liebe und Tod

19 Juni, 2020
Edvard Munch zählt zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern der Moderne. Sein Werk hinterließ hauptsächlich in Deutschland und den skandinavischen Ländern einen nachhaltigen Eindruck. Man zählt ihn dort zu einem der großartigsten Expressionisten.

Edvard Munch war ein norwegischer Maler und Druckgrafiker. Thematisch kreist er intensiv um psychologische Sujets. Als Maler bringt man ihn mit der Kunstströmung des Symbolismus im späten 19. Jahrhundert in Verbindung.

Munch übte zudem einen nachhaltigen Einfluss auf den deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts aus. Kunsthistoriker halten sein berühmtes Gemälde “Der Schrei” aus dem Jahr 1893 für ein Sinnbild der von Furcht zerrissenen Seele des modernen Menschen.

Edvard Munch

Kindheit und Jugend von Edvard Munch

Edvard Munch wurde am 12. Dezember 1863 in Løten, Norwegen geboren. Seine Familie, die zur bürgerlichen Mittelschicht gehörte, hatte mit misslichen Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Er war fünf Jahre alt, als seine Mutter an Tuberkulose starb. Neun Jahre später starb auch seine ältere Schwester an dieser Krankheit.

Munch bannte dieses Thema 1885 in seinem ersten Meisterwerk “Das kranke Kind” auf die Leinwand. Vater und Bruder sterben ebenfalls, als Munch noch ein junger Mann ist. Eine der beiden jüngeren Schwestern erhält die Diagnose “Melancholie”.

Munch zeigt schon früh ein Talent im Zeichnen, obwohl er darin nur wenig Unterricht erhält. Der Zirkel der Kristiania-Bohéme ist ein wichtiger Faktor für seine künstlerische Entwicklung. Diese Gruppierung besteht aus Schriftstellern und Künstlern aus Kristiania, wie die Hauptstadt Oslo damals noch heißt.

Die Mitglieder der Kristiania-Bohéme glauben an die freie Liebe und lehnen ganz allgemein die kleinbürgerliche Engstirnigkeit ab. Christian Krohg, einer der ältesten Maler des Zirkels, unterrichtet und bestärkt Edvard Munch.

Schon früh gelingt es dem jungen Maler, die damals in Kristiania vorherrschende naturalistische Ästhetik zu überwinden. Das lässt sich größtenteils damit erklären, dass er mit 26 Jahren nach Paris reist und sich dort vom französischen Impressionismus inspiriert zeigt.

Zweifellos beeindrucken ihn die Werke der Post-Impressionisten Paul Gauguin und Henri de Toulouse-Lautrec sehr stark. Er übernimmt den Ehrgeiz der Synthetisten, die über die einfache externe Beschreibung von Dingen und Situationen hinausgehen möchten. Stattdessen soll der inneren Vision Ausdruck verliehen werden.

Munchs künstlerische Reife

Munchs zutiefst persönlicher Stil kristallisiert sich um 1892 heraus. Die flüssige, verschlungene Linienführung in seinen Gemälden dieser Periode weist Ähnlichkeiten mit dem zeitgenössischen Jugendstil auf.

Jedoch verwendet Munch die Linie nicht als dekoratives Element, sondern als Vehikel für tiefe psychologische Enthüllungen. Es kommt zu großen Kontroversen in der Kunstwelt, da er auf seinen Gemälden heftige Emotionen und unkonventionelle Motive abbildet, darunter in besonders kühner Weise die Sexualität.

Norwegische Kritiker und ihre Berliner Pendants zeigen sich empört über seine Werke. Sie missverstehen, was er mit seiner Kunst eigentlich vermitteln will. 1892 ereignet sich der Fall Munch, als der Maler auf die Einladung des Vereins Berliner Künstler hin erstmals 55 seiner Gemälde in der deutschen Hauptstadt ausstellt.

Die Kritiker fühlen sich durch Munchs innovative Technik beleidigt, da seine Werke für die meisten den Anschein von bloßen Entwürfen haben. Durch den Skandal verbreitet sich sein Name in ganz Deutschland und sein Ansehen steigt weiter.

Munch lebt in den Jahren von 1892 bis 1895 hauptsächlich in Berlin, von 1896 bis 1897 in Paris und zieht anschließend weiterhin häufig um. 1910 lässt er sich dann dauerhaft in seiner Heimat Norwegen nieder.

Gemälde über Liebe und Tod und Der Schrei

Eine Serie von Bildern über Liebe und Tod bildet das Herzstück von Munchs Vermächtnis. Der ursprüngliche Kern umfasste sechs Gemälde, die 1893 in Berlin unter dem Titel Studie zu einer Serie “Die Liebe” ausgestellt wurden. Die Serie war auf 22 Werke angewachsen, als sie 1902 unter dem Titel Fries das erste Mal in den Räumen der Berliner Secession gezeigt wurde.

Munch ändert fortwährend die Aneinanderreihung der Werke und wenn er eines davon verkauft, produziert er eine neue Version. Daher gibt es auch häufig mehrere gemalte Versionen und Druckgrafiken des gleichen Motivs.

Obwohl der Lebensfries tief in Munchs persönlicher Erfahrung wurzelt, sind die dargestellten Themen universell. Er beschäftigt sich dort nicht mit besonderen Frauen und Männern, sondern allgemein mit dem Verhältnis zwischen Frau und Mann. Dieses Œuvre handelt von der Erfahrung des Menschseins und den großen Elementarkräften der Natur.

Sieht man sich den Lebensfries in seiner Abfolge an, zeigt sich die innewohnende Erzählstruktur: Die Liebe keimt, erblüht und vergeht wieder – gefolgt von Verzweiflung, Krankheit und Tod.

“Wie Leonardo da Vinci das Innere des menschlichen Körpers studierte und Leichen sezierte, so versuche ich, Seelen zu zerlegen.”

Edvard Munch

Gemälde von Edvard Munch mit dem Titel "Arbeiter auf dem Heimweg".
“Arbeiter auf dem Heimweg” von Edvard Munch

Munchs berühmtestes Werk – “Der Schrei”

Die Kraft des Motivs wird in vielen seiner Bilder durch den klaustrophobisch abgeschlossenen Raum und die plötzlich hastige Perspektive noch verstärkt. Ein Beispiel dafür ist “Der Schrei”, das berühmteste Bild Edvard Munchs.

Die Inspiration zu diesem Bild kommt Munch durch ein einzigartiges Naturerlebnis, über das er später sagt: “Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.” Im Vordergrund steht eine von Panik erfasste Kreatur, die einem Spermium oder Fötus gleicht. Die Konturen des Wesens spiegeln sich in den wirbelnden Linien des blutroten Himmels wider.

“Meine Qualen gehören zu mir und meiner Kunst. Sie sind eins mit mir geworden und ihre Vernichtung würde auch meine Kunst zerstören. Ich möchte diese Qualen gern behalten.”

Edvard Munch

In diesem Gemälde steigert sich die Angst auf ein kosmisches Niveau. Die Angst, die im Bild dargestellt ist, steht im Grunde in Verbindung mit den Gedanken über den Tod und das sinnentleerte Universum, die das Fundament des Existentialismus bilden.

Die ersten beiden Versionen von “Der Schrei” stammen aus dem Jahr 1893. Munch schuf sowohl 1895 als auch 1910 weitere Versionen des Bildes.

Edvard Munchs grafisches Werk

Seine Kunst hatte offensichtliche Verbindungen mit der Poesie und Dramatik seiner Zeit. Es lassen sich außerdem interessante Vergleiche zum Werk der Dramatiker Henrik Ibsen und August Strindberg ziehen. Munch fertigte Porträts von beiden Männern an.

Munch beginnt 1894 damit, sein grafisches Werk, zu dem Radierungen, Lithografien und Holzschnitte zählen, in großen Stückzahlen zu vervielfältigen.

Die hauptsächliche Anziehung der Druckkunst liegt für Munch darin, seine Botschaft einer viel größeren Gruppe von Menschen zu übermitteln. Die Grafikkunst bietet ihm ein noch größeres Experimentierfeld.

Seine mangelnde Ausbildung im grafischen Gestalten treibt ihn zweifellos zu äußerst innovativen Techniken.

Wie bei vielen seiner Zeitgenossen üben Holzschnitte in der japanischen Tradition einen nachhaltigen Einfluss auf Munch aus. Allerdings vereinfacht er den Vorgang radikal, indem er zum Beispiel einen einzigen Holzblock bedruckt, den er zuvor mit der Laubsäge in mehrere kleinere Stücke zersägt und verschieden einfärbt.

Munch verwendet die Maserung des Holzes, um damit Ausdrucksstärke zu gewinnen. Dies stellt sich als besonders erfolgreiches Experiment heraus. Damit beeinflusst er spätere Künstler stark.

Letzte Lebensjahre von Edvard Munch

Der Maler hält sich zwischen 1905 und 1909 mehrmals wegen seines Alkoholmissbrauchs, der mit Depression und Selbstmordabsichten einhergeht, in Sanatorien auf.

Er verliert andauernd die Beherrschung, ist in Schlägereien verwickelt und zeigt ein aggressives Verhalten. Wegen einer Prügelei mit einem anderen Maler in der norwegischen Sommerfrische bleibt er vier Jahre freiwillig seinem Heimatland fern. Auf einigen seiner Bilder ist diese handgreifliche Auseinandersetzung dargestellt.

Ein besonders wichtiges Auftragswerk, das ihm eine späte öffentliche Anerkennung in Norwegen bringt, ist das Monumentalwerk an den Wänden der Osloer Universität, dessen Entstehungsprozess von 1909 bis 1916 dauerte. Das zentrale Panoramabild stellt die Sonne dar, umgeben von allegorischen Darstellungen.

Man könnte sagen, dass Munch vor allem durch sein Schaffen in den 1890er Jahren die geheimnisvollen und gefährlichen übernatürlichen Kräfte formt, welche er den späteren Künstlern der Moderne überlässt.

Munch, der viele deutsche Juden zu seinen Gönnern zählte, wird von den erstarkenden rechtskonservativen Kräften in Europa abgelehnt. 1937 nehmen die Nationalsozialisten seine Werke als Beispiel für die “jüdische künstlerische Perversion” in die Ausstellung “Entartete Kunst” auf.

“Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wacht an meiner Wiege. Sie haben mich durch mein ganzes Leben begleitet.”

Edvard Munch

Edvard Munch stirbt am 23. Januar 1944 auf seinem Anwesen Ekely in der Nähe von Oslo. Der Maler vermacht sein Gesamtwerk der Stadt Oslo. Die Reste des Anwesens werden heutzutage von einer Stiftung verwaltet.

In der norwegischen Hauptstadt wird 1963 anlässlich seines 100. Geburtstags das Munch-Museum eröffnet. Im Spätherbst 2020 zieht das Gesamtwerk Munchs in ein brandneues Museum in Oslo um.

Gemälde von Edvard Munch mit dem Titel "Todeskampf".

Edvard Munch und sein Vermächtnis

Munch konzentriert sich stark auf die “emotionale Essenz”. Dies führt ihn manchmal zu radikalen Vereinfachungen in der Form. Sein Farbgebrauch ist eher ausdrucksstark als beschreibend. Diese Tendenzen wurden von mehreren jüngeren Malern aufgegriffen, im Besonderen von den führenden Vertretern des deutschen Expressionismus.

“Aus meinem verwesenden Körper sollen Blumen wachsen, und ich bin in ihnen und das ist Ewigkeit.”

Edvard Munch

Seine Holzschnitte üben vielleicht den direktesten formalen Einfluss auf die nachfolgende Entwicklung in der Kunst aus.

Munchs tiefstes Vermächtnis an die moderne Kunst liegt speziell an seinem Gebrauch des Mediums, um die universellen Aspekte der menschlichen Erfahrung anzusprechen. Sein Werk adressiert auch weiterhin die typische Situation des modernen Individuums. Dieses steht der Ungewissheit einer sich rapide verändernden zeitgenössischen Welt gegenüber.

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  • Gómez, C. P. (2016) Edvard Munch. La pintura y la voz. VIII Congreso Internacional de Investigación y Práctica Profesional en Psicología.