Die Wunden des überzogenen Romantizismus

· 25. April 2016

Wer hat noch nie den Wunsch verspürt, sich einmal in diesem Leben wie eine Prinzessin zu fühlen? Wer hat sich noch nie wie ausgeblutet gefühlt, wenn eine große Liebe zu Ende ging? Wer hat noch nie diese Sehnsucht nach dem Traumprinzen, der niemals kommt, verspürt?

Das menschliche Wesen verfügt über ein doppelschneidiges Schwert, das Fantasie heißt. Dank der Fantasie sind wir in der Lage, Dinge zu erfinden, wunderbare Geschichten zu schaffen, Lieder zu komponieren…

Aber oft verfallen wir in den Irrtum, gewisse Vorstellungen zu glauben und für erwiesen zu halten, so als wären sie völlig real und sicher, wobei dies aber nie der Fall war und auch niemals sein wird.

Die Fantasie ist wunderbar für Feengeschichten, aber das reale Leben ist offensichtlich sehr weit von einem Märchen entfernt, und das ist auch gut so.

Die Liebe und die Fantasie

Heutzutage haben wir ein Problem mit dem Thema Liebe. Wir glauben, dass die Liebe zu einem Menschen, das Leben als Paar, eines der wichtigsten Ziele in unserem Leben sei, denn ohne diese Liebe werden wir niemals glückliche Menschen werden.

Wir haben das Glück untrennbar mit der romantischen Liebe verknüpft, mit der „wahren” Liebe, dem „ohne dich bin ich nichts”.

Ritter-Rose

Die Gesellschaft und die Kultur erzählen uns, dass wir ohne unsere „bessere Hälfte” unvollständige Wesen sind, Pechvögel, dazu verdammt, unglücklich und einsam zu sein. Und wir haben ihnen diese Ideen abgekauft und leiden daher aus Liebe.

Unsere Angst, allein zu sein, keinen Menschen an unserer Seite zu haben, der uns bedingungslos liebt, so wie wir ihn lieben, ist so groß, dass wir gewisse irrationale und schädliche Verhaltensweisen uns selbst und unseren Partnern gegenüber an den Tag legen.

Im Namen der Liebe sind wir fähig, uns selbst im Stich zu lassen, es uns selbst gegenüber am Respekt fehlen zu lassen, Handlungen auszuführen, die unsere Würde untergraben und in denen wir unsere individuelle Freiheit verlieren, unseren eigenen Geschmack , unsere Träume…

Woher kommen diese überzogenen romantischen Ideen?

Wenn wir uns an gewisse Filme oder Bücher erinnern, werden wir merken, wie die dort dargestellten Verliebten in der Lage waren, ihr eigenes Leben aus Liebe aufzuopfern, so als ob darin die einzige Quelle der Belohnung bestünde, auf die man auf keinen Fall verzichten kann.

Von frühester Kindheit an haben wir mitbekommen, wie Prinzessinnen sehnsuchtsvoll die Ankunft des Traumprinzen erwarteten, der sie aus einem unglücklichen Leben befreien sollte.

Wenn dieser Prinz niemals kam, waren sie auf keinen Fall in der Lage, das Leben auf irgendeine Weise zu genießen. Dies flößte uns die nachteilige Idee ein, dass wir von jemand anderem abhängig sind.

In den Liedern finden wir ein anderes sehr klares Beispiel dafür. In fast allen Lieben wird die romantische Liebe besungen, und zwar folgendermaßen: „gib mir das Leben zurück“ , „ohne dich sterbe ich“, „wenn du gehst fehlt mir die Luft zum Atmen“

Ich möchte gar nicht verneinen, dass es sich dabei um wunderschöne Lieder handelt, die man sehr genießen kann, aber ich möchte darauf bestehen, dass die Fantasie eine Grenze haben sollte.

„Ich liebe dich, weil ich dich lieben will, weil ich dich erwählt habe und weil ich gern an deiner Seite bin; nicht weil du unentbehrlich bist für mein Glück. Ich brauche dich nicht, ich ziehe dich vor…”

Walter Riso

Wir sind keine Prinzen oder Prinzessinnen und wir befinden uns auch nicht in einem Märchen. Dies ist das wirkliche Leben, und wenn wir glücklich sein wollen, müssen wir uns an das halten, was es gibt.

Die Liebe ist nicht mehr als ein Bündel chemischer Reaktionen, die an einem Tag, ob uns dies gefällt oder nicht, plötzlich auftreten und auch wieder ausbleiben. Das ist weder gut noch schlecht, das ist normal.

Die Gefühle bleiben nicht für immer. Sie sind nicht ewig, wie es uns die Lieder erzählen. Die Idee der ewigen, unzerrbrechlichen und perfekten Liebe gibt es nicht und wenn wir davon besessen sind, ein Märchen leben zu wollen, werden wir sehr leiden, wenn unsere Beziehung einen Riss bekommt.

Wenn wir solche Ideen für wahr halten, werden wir wahrscheinlich in eine emotionale Abhängigkeit geraten, in irrationale Eifersüchteleien und schließlich in eine Depression – an dem Tag, an dem wir verlassen werden.

Unser Verstand sagt uns, dass wir jemanden brauchen, um glücklich zu sein. Wir haben es nicht gelernt, diesen Wunsch von dem Bedürfnis zu trennen, und aus diesem Grund erleben wir zwei sehr schlechte Dinge:

  • Wir leiden unter Angstzuständen und suchen und suchen denjenigen, der „uns aus dem Loch zieht“; dies führt zu vielen Enttäuschungen und zu Scheitern, sodass wir uns wie vom Unglück verfolgt fühlen.
  • Wenn wir jemanden gefunden haben, der diesem Ideal entspricht, geraten wir in einen anhaltenden Angstzustand, weil wir diesen Menschen ja wieder verlieren könnten, sodass wir auch nicht in der Lage sind, diese Beziehung zu genießen.

Wie sollten wir uns also verhalten?

Wir sollten uns dessen bewusst werden, dass niemand jemand anderen braucht, um glücklich zu sein. Die reifen, lang anhaltenden und gesunden Paarbeziehungen kommunizieren nicht, dass sie für immer zusammen bleiben müssen, wenn die Beziehung nicht als gescheitert gelten soll.

glueckliches-Paar-springt-am-Strand

Sie sind gern zusammen, sie mögen sich, aber sie brauchen sich in keiner Weise. Wenn die Sache morgen nicht mehr so gut läuft, bietet das Leben tausende neuer Möglichkeiten.

Dies ist die wahre Liebe, und das sollten wir sagen:

Ich liebe dich, aber ich brauche dich nicht. Ich will dich in Freiheit, weil ich gern mit dir zusammen bin, weil wir es gemeinsam schön haben.

Aber nicht, weil ich jemanden an meiner Seite brauche, nicht, weil ich Angst vor der Einsamkeit habe, nicht, weil ich von jemandem abhängig bin, der mich vor irgendetwas retten soll. Nicht, weil du mich vollständig machen sollst, denn ich bin ein vollständiges Wesen mit meinen Defekten und Tugenden.

Es ist mir gleich, ob du da bist oder abwesend. Ich brauche dich nicht, ich liebe dich nur.

Ich will dich, aber ich selbst bin der wichtigste Mensch für mich. Ich gebe dir Vieles von mir, aber passe darauf auf, mich nicht darin zu verlieren. Wenn wir gemeinsam glücklich sind, und uns unterstützen und helfen, dann ist das gut. Und wenn es nicht so ist, dann ist es auch gut.

Ich möchte dich bei jedem Aufwachen und vor jedem Einschlafen küssen, ich will eine Zukunft an deiner Seite bauen, ich möchte ein ‚ich liebe dich‘ von deinen Lippen hören, ich möchte, dass wir gemeinsam reisen und das Leben genießen…

Ich will, ich will nur… aber es ist überhaupt nicht notwendig.”