Die Wunden autoritären Verhaltens heilen nur langsam

6. August 2018 en Emotionen 0 Geteilt
Autoritäres Verhalten fühlt sich an wie ein enger Käfig, wie diese Frau in einem Vogelkäfig symbolisiert

All die Demütigung, Aggression und Dominanz … Die Wunden autoritären Verhaltens heilen sehr langsam und hinterlassen Narben, die für immer bei uns bleiben können. So kann der Schatten einer autoritären Mutter oder eines autoritären Vaters, eines dominanten Partners oder eines narzisstischen und autoritären Chefs jahrelang in Form einer inneren Blockade erhalten bleiben, die wir nicht mehr umgehen können.

In diesem Zusammenhang ist es essenziell, über Autoritarismus zu sprechen. Sei es nun aus psychologischer oder sozialer Sicht, dieses Thema zu analysieren, kann Betroffenen nur helfen, gerade weil es auch aus historischer Sicht für so viel Unheil verantwortlich ist. Theodor W. Adorno theoretisierte 1950 in einem seiner Bücher über die autoritäre Persönlichkeit. Seither ist die Autoritätsforschung vor allem durch sozialpsychologische Untersuchungen stark vorangekommen.

Obwohl die Literatur zu dieser Art von psychologischem Profil zunehmend breit gefächert und zuverlässig ist, gibt es bislang nur wenige Veröffentlichungen über die Auswirkungen, die autoritäres Verhalten haben kann. In diesem Sinne sprechen wir nicht nur von den Folgen der Erziehung durch ein autoritäres Elternteil, sondern auch über die von Beziehungen und Arbeitsverhältnissen, die von einer eindeutig autoritären Figur kontrolliert werden. Beziehungen mit einem zu dominanten Partner können lähmend und sogar schädlich sein. Darüber hinaus wissen wir möglicherweise nicht immer, wie wir mit diesen Beziehungen umgehen sollen bzw. wie wir uns richtig zu verhalten haben. Am Arbeitsplatz mag uns Autorität in ein Dilemma zwischen finanzieller Notwendigkeit und Würde versetzen.

Daher sind die Folgen autoritären Verhaltens ein sehr wichtiger und lohnenswerter Punkt, den es zu vertiefen gilt.

Ein nach vorn gekrümmter junger Mann, aus dessen Rücken Äste wachsen

Aus den Wunden autoritären Verhaltens werden tiefe Narben

Der Poet Luis Cernuda sagte einmal, dass wir alle ein Echo von etwas seien. Wir alle schleppen ein Päckchen, eine Last mit uns herum, die bewusst oder unbewusst immer auf uns liegt. Wir wissen zum Beispiel, dass eine von Missbrauch und Vernachlässigung geprägte Kindheit Auswirkungen auf das spätere Leben hat, und zwar auf jeder Ebene: emotional, verhaltensbezogen, psychologisch usw. Nun ist der trübe Schleier des Autoritarismus in unserer Gesellschaft in vielfältiger Weise präsent. Autoritäre Menschen leben nicht nur mitten unter uns, sondern wir erlauben ihnen sogar, mit uns zusammenzuleben.

Es gibt Mütter und Väter, welche die Selbstständigkeit ihrer Kinder unterschätzen und Kontrolle über sie ausüben. Das schränkt allerdings die emotionale Entwicklung der Kinder ein und kommt einem Missbrauch gleich. Ähnlich verhält es sich in vielen Organisationen und Unternehmen. Wir schätzen Innovation, Kreativität und Humankapital, aber es gibt immer noch eine ganze Reihe von Menschen in Führungspositionen, die Fügsamkeit und Gehorsam bevorzugen. Dieser Typ Manager zögert nicht, seine Angestellten und Arbeiter zu kontrollieren und kleinzuhalten.

Dr. Eric R. Maisel, ein bekannter Psychologe und Schriftsteller aus Kalifornien, USA, erstellte 2017 einen Fragebogen, um die Folgen autoritären Verhaltens zu bewerten. Dieses interessante Instrument ermöglicht es uns, den Einfluss autoritärer Dynamiken und ihre Auswirkungen auf den Menschen zu erforschen. Nachdem Maisel diesen Test in Universitäten, Gesundheitszentren und namhaften Unternehmen durchgeführt hatte, konnten er und seine Kollegen schlussfolgern, dass ein großer Teil der Bevölkerung aus Autoritarismus resultierende Narben trägt. Das bedeutet, dass eine autoritärere Person diese Menschen irgendwann in ihrem Leben stark geprägt hat.

Auf dem Boden zusammengekauerte Frau symbolisiert die Folgen autoritären Verhaltens

Die Auswirkungen eines autoritären Erziehungsstils

Maisels Skala misst zehn Dimensionen, die in jeder Beziehung vorkommen, sei es eine Familienbeziehung, eine Liebesbeziehung oder eine Arbeitsbeziehung. Die Identifizierung dieser Dimensionen kann uns helfen, die negativen Auswirkungen des Autoritarismus zu verringern und entsprechend zu handeln, bevor diese Narben unser Denken und Handeln lenken.

Dies sind die Dimensionen:

  • Drohungen und Erpressung
  • Herabsetzung des anderen
  • Aufstellen unrealistischer Regeln (unklar, bedeutungslos oder vage)
  • Das Bedürfnis nach Kontrolle geht bei autoritären Persönlichkeiten noch viel weiter als allgemein nötig oder üblich. Sie genießen es, andere zu verspotten und zu demütigen.
  • Starres Denken.
  • Aufdringlichkeit.
  • Existenz einer eigenen Wahrheit und Wahrnehmung dessen, wie die Welt ist. Alles andere ist in ihren Augen falsch.
  • Autoritäre Personen misstrauen allem und jedem.
  • Absoluter Mangel an Empathie.
  • Hass: Diese Emotion ist immer präsent und projiziert sich auf den Unterdrückten oder andere. Autoritäre Personen haben eine „schwarze Liste“ von Menschen, die sie hassen und als ihre Feinde betrachten.

Die Anatomie autoritärer Wunden

Die Wunden und weiteren Folgen autoritären Verhaltens sind traumatischer Natur. Sie können unsere Persönlichkeit von Grund auf verändern. Auch unsere Entscheidungen und die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen, werden beeinträchtigt. Die Intensität der Auswirkungen hängt vor allem davon ab, wie lange wir mit der autoritären Person in Kontakt standen und wie wir die Beziehung zu dieser Person beendet haben.

Werfen wir einen Blick auf die Folgen, die diese Art von Missbrauch und Kontrolle haben kann:

  • Geringe Selbstachtung
  • Gefühle von Ineffektivität oder Wertlosigkeit
  • Ein Gefühl, keine Kontrolle über uns selbst zu haben
  • Unsicherheit
  • Angst und posttraumatischer Stress
  • Frustration und angehäufte Wut, die wir nicht kanalisieren können

Eine junge Frau in Embryonalstellung liegt in einem überdimensioniertem Vogelnest

Wie heilen wir die Wunden des Autoritarismus?

Es gibt viele Menschen, die nach jahrelanger Arbeit in einem Unternehmen zur Therapie gehen. Nachdem sie dort ihren Job kündigten, verspüren sie nun das Bedürfnis, sich von diesen belastenden Emotionen zu befreien. Sie haben in diesem Job gelitten und ihre Würde wurde verletzt. In ihren Jobs übten Autoritätspersonen an ihnen Missbrauch, Kontrolle und alle Arten von Demütigungen aus.

In dieser Hinsicht passiert das Gleiche nach vielen Beziehungen, in denen einer der Partner auf ähnliche Weise handelte. Daher müssen wir uns zunächst verdeutlichen, dass wir in diesen Fällen von ernsthaftem Missbrauch reden. Es handelt sich um Fälle, bei denen eine Einschränkung der Freiheit in jeglicher Form stattfindet. Es mag keinen physischen Abdruck in Form von Verletzungen oder Ähnlichem geben, doch ein psychischer Schaden ist zweifelsfrei vorhanden. Vielleicht würden, im Sinne unseres Strafgesetzbuchs, diese Verhaltensweisen nicht für eine Anklage ausreichen, doch bedroht dieser Autoritarismus unsere Grundrechte. Wir müssen uns deshalb verteidigen.

In diesen Fällen sollte sich die psychologische Intervention auf die Wiederherstellung des verlorenen Selbstwertgefühls konzentrieren. Patienten müssen diese schädlichen Situationen verbal mit anderen teilen. Sie müssen erkennen, verstehen und akzeptieren, dass sie Opfer von psychologischem Missbrauch geworden sind. Darüber hinaus werden Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing = Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung) eingesetzt, um unangenehme oder traumatische Ereignisse zu behandeln, Ängste abzubauen und emotionale Erholung zu fördern.

Zum Abschluss sei gesagt, wir sollten niemals zulassen, dass autoritäres Verhalten in unser Leben eindringt, ohne dass wir es bemerken. Die Folgen autoritären Verhaltens können schwerwiegend sein.

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