Die verschiedenen Arten sozialer Macht

· 2. Juni 2018

Lehrer haben Macht über ihre Schüler. Eltern haben Macht über ihre Kinder. Vorgesetzte haben Macht über ihre Angestellten. Politiker haben Macht über ihre Gemeinden. In allen Bereichen des Lebens treffen wir auf Arten sozialer Macht. Aber was genau ist Macht? Im Folgenden wollen wir die verschiedenen Arten sozialer Macht definieren.

Macht im Allgemeinen ist die Fähigkeit, etwas zu tun oder zu sein. Die Fähigkeit, die Führung über eine oder mehrere Personen zu haben. Die Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen, und die höchste, von der abhängigen Gesellschaft anerkannte Autorität zu besitzen.

Im Laufe der Geschichte gab es viele verschiedene Definitionen, Theorien und Klassifikationen von Macht. Eine der bedeutendsten Figuren in frühen Machttheorien war Friedrich Nietzsche. Er führte das Konzept des Willens zur Macht, des Ehrgeizes, Wünsche zu realisieren, ein. Etwa zur selben Zeit definierte Max Weber die Macht als die Möglichkeit einer Person, ihren eigenen Willen in einer Beziehung durchzusetzen. Später haben sich weitere Autoren mit Macht beschäftigt, auch durch die Linse des Marxismus. Im 20. Jahrhundert schließlich veröffentlichte der französische Philosoph Michel Foucault eine der umfassendsten Machtanalysen.

Mit einigen ihrer Aussagen wollen wir uns nun beschäftigen.

Max Weber

Max Weber war einer der bedeutendsten Denker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Während seine Arbeit viele verschiedene Studienbereiche umfasst, konzentrieren wir uns auf seine Ideen zu Macht und Dominanz.

Er definierte Macht als „die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“Macht bedeutete für Weber also die Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, wobei Herrschaft als eine Form von Befehlsgehorsam, dem ultimativen Ausdruck von Macht, verstanden wird.

Es gibt verschiedene Arten von Dominanz und eine der wichtigsten Kategorien ist die legitime Dominanz. Diese besteht, wenn ein gemeinsamer Glaube an die Gültigkeit einer bestimmten sozialen Ordnung oder Beziehung besteht. Es gibt drei verschiedene Arten legitimer Herrschaft:

  • Legaler Herrschaftstyp: Glaube an die Legalität etablierter Gesetze und das Recht des Machtträgers, nach ihnen zu herrschen und die Herrschaft auszuüben.
  • Traditioneller Herrschaftstyp: Glaube an die Unantastbarkeit der bestehenden Traditionen und die Legitimität der Tradition, diese mit Autorität auszuüben.
  • Charismatischer Herrschaftstyp: Glaube an die Heiligkeit, den Heroismus oder den beispielhaften Status einer Person oder eines Rechtssystems.

Schachbrett mit FigurenMarxismus

Nach Karl Marx gilt, „die politische Bewegung der Arbeiterklasse hat natürlich zum Endzweck die Eroberung der politischen Macht für sie.  Der politische Klassenkonflikt sei nach Marx die Grundlage für den Erwerb sozialer Macht. Er habe mehr Einfluss als andere Klassenkonflikte, sowohl auf ökonomischer als auch ideologischer Ebene. Laut Marx zählen politische Praktiken mehr, auch wenn die Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen Einfluss darauf haben, wer die Macht übernehme. Marx formulierte nie eine Theorie der Macht, aber er hat geschrieben, dass „die politische Gewalt im eigentlichen Sinn […] die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen“  sei.

Spätere Marxisten begründeten ausführlichere, eigene Theorien der sozialen Macht. Zum Beispiel hat Antonio Gramsci im Kontext des Kapitalismus über Macht gesprochen. Nach ihm erhalte die herrschende Klasse keine Macht über das Proletariat und die unterdrückten Klassen hätten diese nur erhalten, weil sie repressive Staatsapparate benutzt hätten. Sie erhalte diese Macht durch kulturelle Hegemonie und Kontrolle des Bildungssystems, der religiösen Institutionen und der Medien.

Michel Foucault

Michael Foucault bestand darauf, dass Macht überall sei, weil sie nicht von irgendwoher käme. Dieser Sichtweise entsprechend könne Macht nicht auf eine Institution oder einen Staat beschränkt werden. Daher sei das marxistische Konzept der Machtübernahme ungültig. Macht sei vielmehr eine Beziehung von Kräften, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Gesellschaft auftreten. Daher sei Macht allgegenwärtig und mächtige Menschen können nicht unabhängig von ihren Beziehungen betrachtet werden.

Viele Kameras an einer Hauswand zeigen auf zwei Mädchen.

Foucault, der frühere Vorstellungen von Macht überwunden hat, untersuchte, wie Machtverhältnisse Rechtsregeln hervorbringen können, die wiederum zu Diskussionen über die Wahrheit führen. Während Macht, Gesetz und Wahrheit ineinander fließen, hat Macht immer mehr Einfluss auf Gesetz und Wahrheit.

Obwohl Foucault die Macht in verschiedenen Kontexten und Zeiten analysierte, ist eine seiner wichtigsten Ideen die der Biomacht. Biomacht werde von modernen Staaten zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt, meinte Focoult. Diese moderne Macht sei nach Foucaults Analyse in soziale Praktiken und menschliches Verhalten eingebunden. Folglich werde sie ausgeübt, wenn die unterdrückte Bevölkerung nach und nach die subtilen Regulierungen und Erwartungen der sozialen Ordnung akzeptiere. Biomacht weiche einer biologischen Regulation des Lebens. Ein klassisches Beispiel finde sich in psychiatrischen Anstalten, Gefängnissen und Gerichten. Dies sind Institutionen, die die Normen definieren, nach denen bestimmte Teile der Bevölkerung brechen und damit von dem Durchschnitt der Gesellschaft abweichen.

Soziale Macht in der Psychologie

Auf dem Gebiet der Sozialpsychologie haben John French und Bertram Raven fünf Arten von Macht definiert.

  • Legitime Macht ergibt sich aus der relativen Position und den Pflichten des Anführers einer Organisation oder Gesellschaft. Menschen haben legitime Macht, wenn ihnen eine formelle Autorität übertragen wurde.
  • Referenzwirkung ist die Fähigkeit bestimmter Personen, andere zu überzeugen oder zu beeinflussen. Sie ergibt sich aus dem Charisma und den sozialen Kompetenzen der Person. Der Unterdrückte betrachtet den Machtträger als Vorbild und versucht, so zu handeln wie dieser.
  • Expertenmacht ergibt sich aus den Fähigkeiten oder der Expertise der Person und dem Bedarf einer Organisation oder Gesellschaft an dieser Expertise. Im Gegensatz zu den anderen Arten sozialer Macht ist die Kompetenz von Experten in der Regel sehr spezifisch und beschränkt sich auf deren Fachgebiet.
  • Die Belohnungsmacht rüht aus der Fähigkeit des Anführers, materielle Belohnungen zu gewähren. Beispiele hierfür sind Geschenke, Beförderungen oder mehr Verantwortung.
  • Zwangsmacht beruht auf der Androhung oder Anwendung physischer Sanktionen, beispielsweise durch das Hinzufügen von Schmerzen, Verstümmelungen oder Tod. Der Wunsch der Unterdrückten, wertvolle Belohnungen zu erhalten, und ihre Angst, sie zu verlieren, ist letztlich die Quelle der Macht.
Bunte Dominoschlange wird von einer Hand unterbrochen

Offensichtlich sind die Vorstellungen von und Arten sozialer Macht vielfältig und stark von der Zeit geprägt. Gültige Definitionen von Macht reichen demnach von der Herrschaft über Menschen bis hin zu einem komplexen Geflecht von Beziehungen. Diese neuere Auffassung von Macht deutet folglich darauf hin, dass wir Beziehungen pflegen müssen, um Macht zu erhalten. Auf der anderen Seite ist jede Beziehung, die wir haben, durch die vorhandenen Machtunterschiede gekennzeichnet. Sich der sozialen Macht bewusst zu sein, ist daher ein erster Schritt, um Einfluss fairer zu verteilen und Ausbeutung zu reduzieren.