Die Vergessenskurve

23. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Vergessenskurve - Zeichnung eines Gehirns, das wegraddiert wird

Hermann Ebbinghaus war Ende des 19. Jahrhunderst der Erste, der systematisch erforschte, wie wir Dinge mit der Zeit vergessen. Wir alle sind uns dieses Phänomen bewusst und aus diesem Grund wiederholen wir die Informationen, die wir uns merken wollen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Eine kuriose Tatsache ist, dass Ebbinghaus selbst der Proband seiner Studie war. Er wollte dieses Phänomen, das wir alle erleben, wissenschaftlich erforschen. Indem er an sich selbst experimentierte, war er in der Lage, das zu definieren, was wir heute als Vergessenskurve kennen. Und wir alle reisen entlang jener Vergessenskurve, wenngleich wir den Prozess vielleicht so nicht erklären sollten.

Ebbinghaus studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, an der er 1873 seinen Doktortitel erhielt. Während Ebbinghaus seine Kompetenzen als Forscher entwickelte, glaubte er immer daran, dass quantitative Analysemethoden auf höhergradige mentale anwendbar Prozesse seien. Das heißt, Ebbinghaus ging davon aus, dass es Wege gebe, um Parameter in der Psychologie zu messen. Er dachte nicht zweimal darüber nach, eine Variable zu nutzen, die wir in zahlreichen Messungen einsetzen: die Zeit. In diesem Fall die Zeit des Vergessens.

Portrait von Hermann Ebbinghaus

Er führte eine Reihe verlässlicher Experimente durch, in denen er die zu dieser Zeit verfügbaren Überwachungsinstrumente nutzte. Seine Intention war es, unsere Gedächtnisfunktion basierend auf einer Reihe von Gesetzen zu beschreiben. Zum Beispiel führte er einen Test durch, den man den Recalltest (zu Deutsch: Rückruftest) nennt. Der Test basiert auf der Wiederholung von Redewendungen, aus denen einige Worte absichtlich weggelassen werden.

Ebbinghaus hoffte, dass er dabei etwas über die Natur des Lernens und Vergessens erfahren würde. Ebenso strebte er es an, dass seine Forschung einen praktischen Wert für den Bereich der Bildung haben würde. Viele Kritiker seiner Arbeit waren jedoch der Meinung, dass er sich nicht so sehr auf die Wiederholung von Worten hätte konzentrieren sollen. Sie glaubten, dass er lieber hätte erforschen sollen, wie das Gedächtnis in alltäglichen Situationen funktioniert. Außerdem hielten sie ihm entgegen, dass seine Ergebnisse zwar unter kontrollierten Laborbedingungen hervorragend reproduzierbar seien, aber nicht im wahren Leben. Im wahren Leben arbeitet unser Gedächtnis unter Bedingungen, die im Labor schwer zu replizieren sind. Man muss auch die Motivation, das unbeabsichtigte Wiederholen und den emotionalen Einfluss auf Erinnerung und Vergessen berücksichtigen.

Einige seiner wichtigsten Werke sind Über das Gedächtnis: Untersuchungen zur experimentellen Psychologie  (1885), Über eine neue Methode zur Prüfung geistiger Fähigkeiten und ihre Anwendung bei Schulkindern  (1897) und Grundzüge der Psychologie, Erster Band  (1902) und Zweiter Band  (1908). Bevor wir über seine Vergessenskurve sprechen, wollen wir Grundlegendes über das Gedächtnis und das Lernen darstellen. Das soll dabei helfen, die Bedeutung der Vergessenskurve besser nachvollziehen zu können.

Was ist das Lernen?

Es ist nicht leicht, das Lernen formell zu definieren. Es gibt viele verschiedene Meinungen darüber, wie man das tun sollte. Jeder hebt eine andere Facette dieses komplexen Prozesses hervor, aber viele Definitionen beziehen sich doch nur auf das beobachtbare Verhalten. Eine andere Definition des Lernens berührt den Zustand des inneren Bewusstseins.

Beide Aspekte, also beobachtbares Verhalten und innere Zustände, sind von Bedeutung. Beide sind kompatibel mit der aktuellen Lerntheorie, nach der wir das Lernen folgendermaßen definieren können: Lernen ist eine Veränderung in der mentalen Verfassung des Organismus. Diese Veränderung ist die Konsequenz der Erfahrung. Und sie beeinflusst das Potenzial des Organismus, sich der Veränderung anzupassen.

Vögel, die einen menschlichen Kopf abbilden

Die Arbeiten von Ebbinghaus

Die Beschreibung der Assoziationsgesetze hat die Theorien zum Lernen direkt beeinflusst. Es gibt kein besseres Beispiel dafür als das der Arbeit von Ebbinghaus. Laut Ebbinghaus können wir zwei geistige Ereignisse besser assoziieren, wenn wir Reize nutzen, die frei von anderen Assoziationen sind. Um also mit Reizen zu arbeiten, die bislang keine Bedeutung haben, nutzte Ebbinghaus „unnütze Silben“. Silben, wie BIJ oder LQX, die laut Ebbinghaus keine Relevanz für den Probanden hatten.

So testete er die Prinzipien der Assoziation, die mehr als 100 Jahre vor Ebbinghaus‘ Arbeit definiert wurden. Zum Beispiel verglich er die Stärke der Assoziation zwischen zwei Reizen, die einmal nebeneinander aufgeschrieben wurden und zweien, die weit voneinander entfernt notiert wurden. Er konnte auf diese Weise viele Ideen bekräftigten, die zuerst von britischen Empirikern vorgeschlagen wurden. Diese hatten theoretisiert, dass proaktive Assoziationen stärker als retroaktive seien. Wenn also Silbe BIJ der Silbe LQX voransteht, dann ist BIJ eher dazu in der Lage, die Erinnerung zu triggern als LQX. Interessant, oder?

Um das Lernen zu lernen, muss man das Gedächtnis verstehen und demzufolge auch die Vergessenskurve kennen. Lasse nicht außer Acht, dass das Lernen ohne das Gedächtnis nicht möglich wäre. Jede Umsetzung einer erlernten Reaktion erfordert die Erinnerung an eine vergangene Praxis oder Umsetzung. Alles, woran wir uns erinnern und was wir lernen, durchläuft dabei drei Phasen: Verschlüsselung, Speicherung und Abruf:

  • In der ersten Phase des Lernens verschlüsseln wir die Informationen. Wir übersetzen sie in die Sprache des Nervensystems und machen in unserem Gedächtnis für sie Platz.
  • Durch das Speichern bleibt die Information oder das Wissen im Laufe der Zeit erhalten. In manchen Fällen ist diese Phase relativ kurz. Zum Beispiel verbleiben Informationen nur ungefähr 15-20 Sekunden im Kurzzeitgedächtnis. In anderen Fällen kann die Speicherung ein ganzes Leben andauern. Diese Art der Speicherung nennt man „Langzeitgedächtnis“.
  • Schließlich ist der Abruf die Phase, in der wir uns an die Informationen erinnern und antworten. Dabei zeigen wir das, was wir vorher gelernt haben – und was wir heute noch wissen.

Kopf mit Puzzleteilen

Wenn die Umsetzung genauso angemessen ist, wie beim Erwerb, spricht das für minimales Vergessen. Wenn die Umsetzung jedoch deutlich weniger zufriedenstellend abläuft, dann haben wir vergessen. Manchmal ist es einfach zu messen, wie viel Zeit du gebraucht hast, um einen bestimmen Teil von etwas zu verlieren, das du vorher verschlüsselt hattest.

Warum vergessen wir?

Für Psychologen ist es eine bedeutende Herausforderung, zu verstehen, warum Erinnerungen bleiben, nachdem wir sie verschlüsselt haben. Ebenso möchten sie verstehen, warum wir nach dem Lernen Dinge wieder vergessen. Es gibt mehrere Ideen, die versuchen, diese Fragen zu beantworten.

Theorien der Speicherung

Einige Theorien der Speicherung konzentrieren sich auf das, was während der Speicherungsphase mit der Information passiert. Zum Beispiel setzt die Theorie des Verfalls voraus, dass wir vergessen, weil die Erinnerungen schwächer werden. Ihre Stärke nimmt während der Speicherungsdauer ab, wie Fußspuren am Sandstrand. Es gibt Belege für diese Theorie. Jedoch beschreiben moderne Theoretiker das Vergessen eher im Sinne eines Gedächtnisverlustes.

Darüber hinaus besagt die Theorie der Interferenz, dass wir vergessen, weil wir überschreiben, weil wir neue Informationen erwerben, die während der Speicherung mit anderen in Wettstreit treten. Zum Beispiel lässt uns der Erwerb neuer Informationen alte vergessen. Das nennt sich retroaktive Interferenz. Gleichzeitig kann die Anwesenheit alter Informationen den Abruf kürzlich geformter Erinnerungen positiv oder negativ beeinflussen. Dies nennt man proaktive Interferenz. Zum Beispiel erinnern wir uns an die Telefonnummer von jemandem besser, wenn sie unserer eigenen ähnelt. Wenn in unserer Nummer allerdings eine „847“ enthalten ist und in der des anderen eine „874“, ist die Wahrscheinlichkeit von Zahlendrehern sehr hoch.

Theorien des Abrufs

Die Theorien des Abrufs besagen, dass wir vergessen, weil wir während der Abrufphase scheitern. Das heißt, die Erinnerung „überlebt“ zwar die Speicherung, jedoch kann die Person nicht auf sie zugreifen. Stellen wir uns vor, wir würden nach einem Buch in einer Bibliothek suchen, das falsch einsortiert wurde. Das Buch befindet sich in der Bibliothek (die Informationen sind intakt), doch wir können es nicht finden (Informationen nicht abrufbar). Viele aktuellen Studien über das Gedächtnis bekräftigen diese Theorie.

Lernende Frau

Die Vergessenskurve von Ebbinghaus

Der Lauf der Zeit scheint eine negative Auswirkung auf die Speicherungsfähigkeit zu haben. Wie wir bereits erwähnt haben, war Ebbinghaus der Erste, der den Gedächtnisverlust über den Lauf der Zeit systematisch erforscht hatte. Er beschrieb das, was wir heute als die „ebbinghaussche Kurve“ kennen. Das Konzept einer „Kurve“ bezieht sich auf dabei auf einen Graph, den er als Ergebnis seiner Forschungen gezeichnet hat.

Wir wissen, dass seine Lernlisten aus 13 Silben bestanden. Er wiederholte diese Listen so lange, bis er sie zweimal fehlerfrei wiedergeben konnte. Anschließend bewertete er seine Fähigkeit, die Informationen in Zeitintervallen zu behalten, von zwanzig Minuten bis zu einem Monat. Er basierte seine berühmte Vergessenskurve auf den Ergebnissen dieser Experimente.

Es ging darum, zu klären, wie lange wir Informationen behalten können, wenn wir sie nicht wiederholen. Die Ergebnisse seiner Studie zeigten, dass wir selbst in kürzesten Intervallen viel vergessen. Außerdem fand Ebbinghaus heraus, dass bedeutungslose Informationen, die frei von Assoziationen sind, das Vergessen begünstigen. Zuerst vergessen wir viel und später immer langsamer. Wenn wir diese Informationen auf einem Graph darstellen, dann sehen wir, dass die Kurve logarithmisch verläuft.

Eine typische Vergessenskurve zeigt, wie wir innerhalb weniger Tage oder Wochen den Großteil von dem vergessen, was wir gelernt haben. Dies passiert, wenn wir uns nicht darum bemühen, die Informationen zu wiederholen. Gleichzeitig hat Ebbinghaus herausgefunden, dass Wiederholungen nützlich sind: Wenn wir uns etwas merken möchten, sollte die erste Wiederholung vielleicht eine Stunde nach dem ersten Studium stattfinden. Auf diese Weise können wir die nächste Wiederholung länger aufschieben.

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