Um zu vergessen, müssen wir uns erinnern

28. Oktober 2016 en Psychologie 0 Geteilt

Es gibt viele Situationen aus unserer Vergangenheit, die wir versuchen, zu vergessen, doch um mit diesem Schmerz abzuschließen, müssen wir uns erinnern, und nicht, um das zu verdrängen, was war, sondern vielmehr um es in unser jetziges Leben zu integrieren. Das soll heißen, dass wir aus der Erfahrung etwas Positives für uns mitnehmen sollen.

Jede Erfahrung, die wir in unserem Leben machen, ist ein Prozess, der Veränderungen mit sich bringt, und das bedeutet, dass wir viele verschiedene Arten von Schmerz kennenlernen müssen. Manche dieser Veränderungen sind Verluste und diese gehen Hand in Hand mit einem Lebewohl, mit Schmerzen und Zurückweisungen. Es ist eigentlich vollkommen normal, dass wir versuchen, das zu vermeiden und nicht Teil unserer Geschichte werden zu lassen, obwohl das gleichzeitig heißt, dass wir uns so sehr anstrengen, dass wir leiden, weil wir mit dieser Einstellung einen Kampf gewinnen wollen, der längst verloren ist.

Da Leid und Schmerz ein Teil unseres Lebens sind, sind sie für unsere persönliche Entwicklung unglaublich wichtig. Denn Schmerz zu verspüren hilft uns nicht nur dabei, uns nach und nach zu ändern und das Unvermeidbare zu akzeptieren, sondern bereitet uns auch darauf vor, neue, wertvolle und bedeutende Erfahrungen zu verinnerlichen.

Die Veränderung des Schmerzes zu akzeptieren, bedeutet nicht, vergessen zu müssen, sondern anzunehmen, um uns in jeder einzelnen Phase unseres Lebens weiterzuentwickeln.

Zu vergeben ist besser als zu vergessen

Wenn wir vergeben, endet damit unser unaufhörlicher Kampf voller Groll, Schuldgefühle und Vorwürfe. Sobald wir verzeihen, beginnen wir zu akzeptieren, um den Schmerz hinter uns zu lassen. Das ist häufig bei unglücklichen Liebesbeziehungen der Fall. Bevor man vergibt, möchte man vergessen und aus diesem Grund tragen wir den Schmerz so lange mit uns herum.

Sich in Vergebung zu üben, heißt zu akzeptieren, um eine notwendige Lehre zu lernen und sie anzunehmen, um persönlich zu wachsen. Durch diesen Prozess erlangen wir inneren Frieden und dadurch ein ruhiges Gewissen. Der Weg der Vergebung ist vergleichbar mit dem der Liebe, weil dieses Gefühl notwendig ist, um zum Ausdruck gebracht zu werden.

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Bestimmt hast du schon mehr als nur einmal über den folgenden berühmten Satz nachgedacht: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Das ist leider ein Irrtum, denn die Zeit an sich heilt rein gar nichts, es ist mehr das, was wir in dieser Zeit tun, das uns hilft, zu reifen, zu lernen und uns weiterzuentwickeln, um eine Lösung für unsere Konflikte und Schwierigkeiten im Leben zu finden.

„Die Zeit kann man nicht vergessen, man kann sie nur nutzen.“

Charles Baudelaire

Lernen, sich zu verabschieden

Lebewohl zu sagen ist eine unvermeidbare Konstante in unserem Leben: Wir müssen uns oft von wichtigen Menschen (bei einer Trennung in einer Liebesbeziehung, wenn es eine Distanz in einer Freundschaft oder zu Familienangehörigen gibt, bei Todesfällen, etc.) oder Umständen (Jobwechsel; alles, was die Gesundheit anbelangt; die Diagnose einer Krankheit; Erwartungen, die sich nicht erfüllen; wenn wir einen Schlussstrich ziehen; Kinder, die unabhängig werden und von zu Hause ausziehen, etc.) verabschieden.

In jeder einzelnen Lebensphase lassen wir unwiederbringliche Tatsachen hinter uns. Wir erlauben die Veränderung, um unseren Weg weiterzugehen und dadurch lernen wir, Lebewohl zu sagen, und wissen, dass jedes bedeutsame Ereignis seine Spuren bei uns hinterlassen und uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

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In dem Moment, in dem wir Schmerz empfinden – vor allen Dingen wenn es Herzschmerz ist – sollten wir nicht an all das zurückdenken, was uns an diesen Menschen erinnert, damit wir über diesen Verlust ohne Schwierigkeiten hinwegkommen. Sobald wir den Schmerz von uns abgeschüttelt haben, können wir das auch feststellen, da die Erinnerungen an diese Person uns nicht länger wehtun oder bei uns schmerzliche Gefühle auslösen.

„Etwas aufzubewahren, das mir hilft, mich an dich zu erinnern, würde einem Zugeständnis gleichkommen, dass ich dich vergessen kann.“

William Shakespeare

Die Gegenwart leben, ohne die Vergangenheit zu vergessen

Einer der Schlüsselfaktoren unseres Wohlbefindens ist die Art, wie wir die Gegenwart leben. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, kontrollieren oder anpassen. Das Einzige, das wir kontrollieren können, ist unsere Einstellung, wie wir in der Gegenwart mit unserer Vergangenheit umgehen.

Deshalb besteht unsere persönliche Arbeit nicht darin, unsere Vergangenheit oder Personen, die uns einst wichtig waren, zu vergessen, sondern es geht darum, all diese Erfahrungen in unsere Gegenwart zu integrieren, indem wir sie als Erfahrungswerte und Lehren ansehen.

Uns dessen bewusst zu sein, wer wir waren und was wir erlebt haben – sowohl schöne als auch unschöne Dinge – gibt uns Aufschluss darüber, was wir in der Gegenwart wollen. Uns werden die Augen geöffnet, wenn wir erst einmal die Gesamtheit unserer Erfahrungen verinnerlicht haben.

„Wanderer, nur deine Spuren
sind der Weg, und weiter nichts;
Wanderer, es gibt den Weg nicht,
er entsteht, wenn man ihn geht.
Erst im Gehen entsteht der Weg
und wendet man den Blick zurück,
so sieht man auf den Pfad,
den niemals erneut man je betritt.

Antonio Machado

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