Die unglaubliche Geschichte von Albert Einsteins Gehirn

· 18. September 2018

Der Pathologe Thomas Harvey stahl Albert Einsteins Gehirn nach dessen Autopsie im Jahre 1955. Damit begann eine lange Geschichte, die zwischen dem Schaurigen und der wissenschaftlichen Neugierde spielte. Es gab viele, die sich danach sehnten, zu erfahren, was das Geheimnis seines Genies war. Andere schauten weniger positiv auf diese Aneignung. Auf jeden Fall waren die Ergebnisse der Analyse mehr als aufschlussreich.

Die Wahrheit ist, dass nur wenige Berichte über unser wissenschaftlich-historisches Gefüge so beunruhigend wie faszinierend sind wie der, der Albert Einsteins Gehirn beschreibt. Diese Geschichte hat etwas Tragisches, kein Zweifel, aber sie veranschaulicht auch den einzigartigen Wunsch des Menschen, sich selbst zu erkennen. Das Wissen darum, welche Geheimnisse in diesen begabten Gehirnen verborgen sind, die in der Lage sind, die Welt zu verändern, bedeutet nicht zuletzt auch Macht.

„Jeden Tag wissen wir mehr und verstehen weniger.“

Albert Einstein

Der Vater der Relativitätstheorie war ein Genie, aber auch eine Ikone, eine Medienfigur mit großer sozialer Wirkung. Er war sich dessen wohl bewusst und hatte sehr genaue Vorstellungen davon, was er nach seinem Tod für sich selbst wollte. Diskretion und Intimität. Er wollte sich einäschern lassen und seine Asche in einem Fluss verstreut wissen. Erst danach sollte sein Tod den Medien bekannt gegeben werden.

Aber etwas ging schief. Niemand hat mit diesem fast unvorstellbaren Faktor gerechnet, der sich Thomas Harvey nannte. Dieser Pathologe entnahm Albert Einsteins Gehirn und schließlich geschah das, was der charismatische Physiker nie wollte: Es wurde zu einer Reliquie.

Albert Einstein

Der Mann, der Albert Einsteins Gehirn begehrte

In dieser Geschichte waren Zufall und Gelegenheit miteinander verwoben. Einstein starb im Alter von 76 Jahren, am 18. April 1955, nachdem ein Bauchaortenaneurysma gerissen war. Einige Tage später erfolgte die Verbrennung. Nun, gerade als die Familie erwartete, dass in den Medien über Albert Einsteins Tod gesprochen wurde, musste sie etwas ganz anderes lesen. Die New York Times  berichtete, dass das Gehirn des Kernphysikers zur Untersuchung aus dem Körper extrahiert worden war.

Das alles hatte ein Pathologe, Thomas Harvey, zu verantworten. Man sagt von ihm, dass er ein großer Bewunderer von Einstein gewesen sei. Auch, dass sein Charakter zwischen Ungleichgewicht, einer schwer fassbaren Introversion und einer obsessiven Akribie schwankte. Dass ihm die Verantwortung für Einsteins Autopsie übertragen wurde, war wohl ein Glücksfall für ihn. Eine Gelegenheit, die er nicht verpasst hat.

Die Autopsie und ein Kellergeschoss

Er extrahierte Albert Einsteins Gehirn mit höchster Sorgfalt, wog es, zerlegte es und legte es in mehrere Gläser. Danach verwahrte er es im Keller seines Hauses. Er war kein Neurologe, also war sein Ziel ebenso einfach wie ehrgeizig. Er wollte die besten Spezialisten der Welt zusammenbringen, um jeden Bereich dieses Gehirns, jede Hirnregion, jedes Neuron im Detail zu studieren. Sein Ziel war es, die Ergebnisse so schnell wie möglich in den renommiertesten Magazinen zu veröffentlichen und weltweiten Ruhm zu erlangen.

Thomas Harvey mit Albert Einsteins Gehirn

Nun, alle Sehnsüchte und Bestrebungen Dr. Harveys wurden vereitelt. Zunächst verlor er seinen Job. Er wurde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft scharf kritisiert und bestraft. Seine vielversprechende Karriere in Princeton war am Ende. Und seine Frau verließ ihn. Sein Handeln und der schroffe Akt, ein Gehirn im Keller zu verstecken, erschien ihr nicht angenehm.

Aber so merkwürdig es auch erscheinen mag, die einzige Ermutigung, die er erfuhr, um mit seinem Vorhaben fortzufahren, kam von Hans Albert Einstein, Albert Einsteins Sohn. Obwohl er zunächst betroffen und verärgert war, schlussfolgerte er später, dass sich sein Vater immer für den wissenschaftlichen Fortschritt eingesetzt hatte und so wohl auch der Untersuchung seines Gehirns zustimmen würde. Wenn die Analyse dieses Gehirns für die wissenschaftliche Gemeinschaft von Nutzen wäre, wollte seine Familie daher grünes Licht geben. Thomas Harveys Arbeit könnte dann weitergehen.

Die Ergebnisse der Studie über Albert Einsteins Gehirn

Damit änderte sich die Situation für Thomas Harvey. Er bekam Anrufe, wurde interviewt und kam zu Ruhm. Die Journalisten campierten in seinem Garten. Die Zeitschrift Science  stand mit ihm in Kontakt, ebenso wie die besten Neuroanatomiker der Welt. Noch ist die Analyse von Albert Einsteins Gehirn nicht abgeschlossen und immer wieder wird Neues veröffentlicht.

Was sich hinter dem begehrtesten Gehirn der Welt verbirgt

Das Erste, was an Albert Einsteins Gehirn aufgefallen ist, war seine Größe. Es war kleiner als erwartet.

  • 1985 veröffentlichte die University of California (Kalifornien, USA) ihre Ergebnisse. Dort hatte man Proben von Gliazellen untersucht. Diese Zellen dienen der Unterstützung der Neuronen und übernehmen beispielsweise Aufgaben in der Aufrechterhaltung der Homöostase und Gefahrenabwehr. Was haben die Studien ergeben? Dass Albert Einstein weniger Gliazellen hatte, sie aber größer waren als die eines Durchschnittsmenschen.
  • 1996 veröffentlichte die University of Alabama (Alabama, USA) ein Paper über Albert Einsteins präfrontalen Kortex. Die Forscher entdeckten, dass der Teil des Gehirns, der für die räumliche Wahrnehmung und das mathematische Denken verantwortlich ist, besonders weit entwickelt war.
  • Im Jahr 2012 untersuchte die Anthropologin Dean Falk Albert Einsteins Gehirn. Was sie herausgefunden hat, war erstaunlich: Der Kernphysiker hatte eine zusätzliche Windung in seinem mittleren Frontallappen. Normalerweise haben wir Menschen drei solcher Windungen, aber das Genie hatte eine vierte. Nach Ansicht der Experten bezieht sich dieser Bereich auf die Planung und das Arbeitsgedächtnis.
  • Seine Parietallappen waren asymmetrisch. Darüber hinaus zeigte sich, was in der Neurologie als „Omega-Zeichen“ bekannt ist. Dieses findet sich auch bei Musikern, die Geige spielen und Linkshänder sind. Wie Albert Einstein.
  • Im Jahr 2013 wurde das Corpus callosum von Albert Einsteins Gehirn untersucht. Dean Falk, die oben genannte Anthropologin, entdeckte, dass dieser dicker als normal war. Dies könnte ihm eine bessere Kommunikation zwischen seinen Gehirnhälften ermöglicht haben.
Signale im Gehirn

Fazit

So auffällig uns diese Daten auch erscheinen mögen, wir können einen Aspekt nicht ignorieren. Wie Terence Hines, ein bekannter Neurologe, einmal betonte, gingen viele bei ihrer Arbeit mit dem Gedanken aus, das Gehirn eines „Genies“ zu analysieren. Jeder bemühte sich, zu sehen, welche außergewöhnlichen Eigenschaften Albert Einsteins Gehirn hatte.

Wie Dr. Hines betont, zeigt jedes Gehirn etwas Außergewöhnliches. Dieses Organ ist das Ergebnis unseres Lebens, unseres Handelns. Etwas so Einfaches wie das Spielen eines Instruments oder kreatives Arbeiten ordnet jeden Gehirnbereich auf eine bestimmte Art und Weise neu.

Und wenn es eine Sache gibt, die den Vater der Relativitätstheorie auszeichnet, dann war es seine Vielseitigkeit. Er sprach er mehrere Sprachen, spielte mehrere Instrumente und könnte, wie viele vermuten, sogar das Asperger-Syndrom gehabt haben. All dies führte zu einem einzigartigen Gehirn, klein, aber fein und hochspezialisiert.

Nun liegt das Interesse der Wissenschaft in der Analyse seiner DNA. Die Verehrung von und das Verlangen nach Einsteins Überresten finden kein Ende.