Die Theorie der sozialen Urteilsbildung: im Recht sein ist nicht genug

Diese Theorie erklärt, wie wir uns eine Meinung bilden und warum es so schwierig ist, Überzeugungen zu verändern.
Die Theorie der sozialen Urteilsbildung: im Recht sein ist nicht genug

Letzte Aktualisierung: 02. Januar 2022

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung ist ein interessanter Ansatz zum Verständnis menschlicher Einstellungen und der Möglichkeit, diese zu ändern. Sie hängt mit zwei grundlegenden Faktoren zusammen: Kommunikation und Überzeugungen. Man könnte sagen, dass diese Theorie folgende Frage beantwortet: Wie entstehen persönliche Meinungen oder Einstellungen und warum fällt die Veränderung so schwer?

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung ist also darauf ausgerichtet, die Phänomene der Einstellungen und Überzeugungen zu entschlüsseln. Sie ist deshalb in vielen Bereichen von Interesse, vorwiegend im Marketing und in der Politik. Diese Theorie kann jedoch auch in der Pädagogik, der Psychotherapie und im Alltag sehr praktisch sein.

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung wurde von Muzafer Sherif, einem türkischen Psychologen, entwickelt, der weltweit als einer der Pioniere der Sozialpsychologie gilt. Auch Carolyn Sherif und Carl Hovland waren an der Entwicklung dieser Theorie beteiligt, die voraussagt, wie erfolgreich eine Botschaft sein wird, indem sie sich auf den Inhalt der Botschaft und die Überzeugungen des Empfängers stützt.

Nur weil etwas wahr ist, heißt das nicht, dass es auch überzeugend ist, weder im Leben noch in der Kunst.”

Truman Capote

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung: im Recht sein ist nicht genug

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung

Ein Urteil wird durch die Wahrnehmung und Bewertung einer Idee gebildet. Im Gegensatz dazu steht die Sichtweise der Einzelperson im Hier und Jetzt. Infolgedessen wird die Idee auf einer Skala der Einstellung der Person platziert, das heißt, sie positioniert sich und nimmt eine Haltung ein.

Dieser Prozess wird intensiver von den bereits vorhandenen Überzeugungen beeinflusst als von der Logik oder der Stichhaltigkeit der Idee selbst. Sherif weist darauf hin, dass dies daran liegt, dass bereits festgelegte, tief verwurzelte Einstellungen “Anker” bilden, die nicht nach dem Recht oder Unrecht einer Idee fragen.

Menschen neigen deshalb dazu, ihren “Ankern” nahestehende Ideen als wahr zu betrachten. Deshalb akzeptieren sie diese Ideen eher als andere. Die Theorie der sozialen Urteilsbildung bezeichnet dies als “Assimilation”. Jene Ideen, die sich von den “Ankern” entfernen, werden als ungewöhnlich betrachtet, auch wenn dies nicht der Wahrheit entspricht.

So sind einem Katholiken die Ideen eines Protestanten zum Beispiel näher als die eines Buddhisten. Dennoch ist es möglich, dass sich manche Lehren mit dem Buddhismus oder anderen Religionen überschneiden, was jedoch nicht so wahrgenommen wird.

Die Breitengrade

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung weist darauf hin, dass wir nicht nur unsere eigene Meinung vertreten, sondern auch einen Bereich festlegen, in dem sich die akzeptierbare oder nicht akzetpierbare Meinung anderer bewegt. Das bedeutet, dass zwei Menschen, die ähnlicher oder praktisch gleicher Meinung sind, nicht unbedingt eine Einigung erzielen müssen.

Dies ist unter anderem der Fall, wenn eine Person über ein bestimmtes Thema radikale Ansichten hat, die andere, nicht radikale Person diese jedoch als inakzeptabel wahrnimmt, obwohl sie im Grunde genommen dieselbe Ansicht vertritt.

Sherif definiert deshalb drei Breitengrade:

  • Breitengrad der Akzeptanz. Dieses Konzept bezieht sich auf die Gesamtheit der Meinungen, die eine Person für akzeptabel hält.
  • Breitengrad der Ablehnung. Hier geht es um alle inakzeptablen Meinungen.
  • Breitengrad der Unverbindlichkeit. In diesem Fall sprechen wir von Meinungen, die keine Zustimmung oder Ablehnung hervorrufen.

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung weist darauf hin, dass es in den Breitengraden grundsätzlich zwei Grade der Beteiligung gibt:

  • Hohes Engagement. Die Bandbreite der Akzeptanz von unterschiedlichen Meinungen ist sehr begrenzt. Ebenso ist der Grad der Ablehnung von minimalen Unterschieden höher. Das entspricht dem, was Sherif “informierte Gruppenzugehörigkeit” nennt.
  • Geringes Engagement. Die Bandbreite für die Akzeptanz ist groß, die Ablehnung von Meinungen gering. Mit anderen Worten: Diese Personen sind offener für andere Meinungen.
Die Theorie der sozialen Urteilsbildung

Die Theorie der sozialen Urteilsbildung: der Überzeugungsprozess

Diese Theorie weist darauf hin, dass es notwendig ist, alle genannten Variablen zu berücksichtigen, um eine Änderung der Meinung und Einstellung zu erreichen. Eine Person, die eine andere überzeugen will, hat viel zu gewinnen, wenn sie ihre “Anker” und “Breitengrade” kennt.

So wird eine sehr radikale Person oder Gruppe mit Ablehnung auf jede Botschaft reagieren, die versucht, ihre “Anker” zu “lösen”. Eine sehr gegensätzliche Botschaft wird die konfrontative Haltung nur noch verstärken. Deshalb ist es am besten, Botschaften zu entwerfen, die sich im Bereich der Akzeptanz oder zumindest der Nicht-Verpflichtung  des Gesprächspartners bewegen.

Ebenso ist ein automatischer Positionswechsel nicht zu erwarten. Wenn der Glaube der Person an eine bestimmte Idee sehr groß ist oder wenn sie viele Projekte darauf aufbaut, wird die Überzeugungsarbeit auch im Bereich der Nicht-Verpflichtung kompliziert sein.

Andererseits sind diese Bereiche dynamisch: Das Glaubenssystem ändert sich und damit auch die Zonen, in denen bestimmte Axiome zu finden sind. So kann eine Idee, die jetzt abgelehnt wird, bereits am nächsten Tag im Akzeptanzbereich liegen.

Viele Überzeugungsstrategen machen sich dieses Phänomen zunutze. Sie versuchen, Ideen im Akzeptanzbereich in den Bereich der Ablehnung oder umgekehrt zu verschieben. Wir werden mit diesen Strategien täglich konfrontiert.

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