Die Theorie der Persönlichkeit nach Allport

· 3. Januar 2019

Gordon Allport (1897 – 1967) war ein angesehener und einflussreicher US-amerikanischer Wissenschaftler auf dem Gebiet der Psychologie. Allport stammte aus einer gut situierten Familie, die Gesundheit und Bildung schätzte. Dies führte dazu, dass Allport ein großes Interesse für Motivation, Impulse und die Persönlichkeit des Menschen entwickelte. Später sollte er auf Basis dieser Interessen seine Theorie der Persönlichkeit postulieren.

Nach seinem Abschluss an der Harvard University (Massachusetts, USA) reiste Allport nach Wien (Österreich), wo er Sigmund Freud traf. Dieses Treffen prägte seine Karriere und sollte Einfluss nehmen auf Allports eigene Forschung in den USA. Nach dem Treffen mit Freud kehrte Allport nach Harvard zurück, um seine Doktorarbeit in Psychologie zu schreiben. Während seiner gesamten Karriere leistete der Psychologe wichtige Beiträge zu seinem Forschungsfeld. Eine seiner Theorien sticht dabei besonders heraus: seine Theorie der Persönlichkeit.

Allport zufolge werde unsere Persönlichkeit durch Erfahrungen in der Kindheit, unserem aktuellen Umfeld und der Interaktion zwischen diesen Feldern geprägt. Zu seiner Zeit glaubten Psychologen, dass Persönlichkeitsmerkmale von vergangenen und gegenwärtigen Kräften beeinflusst würden. Allport hingegen meinte, dass sich die Persönlichkeit aus drei Arten von Merkmalen zusammensetze, die er hierarchisch anordnete: Kardinaleigenschaften, zentrale und sekundäre Eigenschaften.

Einzelne Aufnahmen eines männlichen Gesichts, die alle unterschiedliche Emotionen zeigen

Allport trifft Freud

In seinem autobiografischen Buch Pattern and Growth in Personality  (zu Deutsch: Muster und Wachstum in der Persönlichkeit,  nicht auf Deutsch verfügbar) erinnert sich Allport an den Besuch bei Freud. Um mit Freud warm zu werden, erzählte Allport, er habe auf dem Weg nach Wien ein Kind getroffen, das Angst davor gehabt hätte, schmutzig zu werden. Der Junge habe sich geweigert, trotz guten Zuredens seiner Mutter, in der Nähe eines schmutzigen Menschen zu sitzen. Allport meinte, das Kind hätte diese Phobie vielleicht von seiner Mutter erlernt, einer sehr sauberen und anscheinend dominanten Frau. Nachdem Freud Allport eine Minute lang studiert hatte, fragte Freud: „Und dieser kleine Junge warst du?“

Die Interaktion, die Allport beschrieb, führte Freud auf eine unbewusste Episode in der eigenen Kindheit des US-amerikanischen Psychologen zurück. Dies interpretiert Allport als Signal dafür, dass die Psychoanalyse tiefer in die Vergangenheit und das Unbewusste einzutauchen versucht und dabei die vermeintlich wichtigsten, bewussten und unmittelbaren Aspekte der Erfahrung umgeht.

Obwohl Allport nie geleugnet hat, dass unbewusste und vergangene Variablen bei bestimmten Verhaltensweisen eine relevante Rolle spielen könnten, betonte er immer die bewussten und gegenwärtigen Motivationen.

Theorie der Persönlichkeit nach Allport

Im Jahr 1936 entdeckte Allport, dass ein einziges englisches Wörterbuch mehr als 4.000 Wörter enthielt, die verschiedene Persönlichkeitsmerkmale beschrieben. Allports Persönlichkeitstheorie ordnete sie drei Kategorien zu:

Kardinaleigenschaften

Einige historische Persönlichkeiten mit stark ausgeprägten Kardinaleigenschaften sind Abraham Lincoln aufgrund seiner Ehrlichkeit, Marquis de Sade mit seinem Sadismus und Jeanne d’Arc mit ihrer heroischen Selbstaufgabe. Menschen mit solchen Persönlichkeiten sind für diese Eigenschaften bekannt und ihre Namen werden oft mit diesen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Allport schlug vor, dass Kardinaleigenschaften selten seien und sich erst im Laufe der Jahre entwickeln.

Wenn sie ausgebildet werden, prägen Kardinaleigenschaften die Person, ihr Selbstverständnis und Verhalten, sowie ihre Emotionen und Einstellungen.

Zentrale Eigenschaften

Zentrale Eigenschaften sind die allgemeinen Merkmale, die die Grundlage der Persönlichkeit bilden. Sie sind nicht so dominant wie Kardinaleigenschaften. Zentrale Eigenschaften sind die Hauptmerkmale, die eine Person beschreiben.

Nach der Theorie der Persönlichkeit nach Allport habe jede Person bis zu zehn zentrale Eigenschaften. Eine Person besitze diese in unterschiedlichen Anteilen. Dazu gehören allgemeine Merkmale wie Intelligenz, Schüchternheit und Ehrlichkeit. Zentrale Eigenschaften sind dabei die Faktoren, die die meisten unserer Verhaltensweisen bestimmen.

Sekundäre Eigenschaften

Sekundäre Eigenschaften beziehen sich auf Einstellungen oder Vorlieben. Es handelt sich um Dispositionen, die wesentlich weniger relevant sind. Sie kommen nur in bestimmten Situationen oder unter bestimmten Umständen zum Tragen.

Zum Beispiel kann eine Person mit der zentralen Eigenschaft des Durchsetzungsvermögens Anzeichen von Unterwerfung zeigen, wenn die Polizei sie wegen einer Geschwindigkeitsübertretung stoppt. Dies ist nur eine situative Eigenschaft, die bei anderen zwischenmenschlichen Begegnungen auftreten kann oder nicht.

Allport zufolge seien diese sekundären Eigenschaften schwer zu erkennen, da sie durch eine geringere Anzahl gleichwertiger Auslöser stimuliert würden.

Freund sind in einem entspannten Gespräch miteinander.

Allports Forschung an Persönlichkeitsmerkmalen

Die Theorie der Persönlichkeit nach Allport basiert nicht auf empirischer Forschung und dies ist ihre Achillesferse. Tatsächlich veröffentlichte er sehr wenige Untersuchungen, um seine Theorie zu stützen.

In seiner ersten Veröffentlichung zusammen mit seinem Bruder, dem Sozialpsychologen Floyd Allport, beschrieb Allport die zentralen Merkmale von 55 männlichen Studenten. In dieser Studie kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die genannten Merkmale bei den meisten Personen messbar waren. Das Hauptziel dieser Arbeit war die Entwicklung einer Persönlichkeitsskala.

Eine weiteres spannendes Forschungsprojekt Allports bestand darin, eine Serie von Briefen einer Frau namens Jenny Gove Masterson zu analysieren. Allport erwarb und analysierte die 301 Briefe, die Jenny in den letzten elf Jahren ihres Lebens an ein Ehepaar geschrieben hatte. 36 Personen wurden gebeten, Jenny anhand der Eigenschaften zu charakterisieren, die sie identifizieren konnten. In dieser Studie kam Allport zu dem Schluss, dass Persönlichkeitsmerkmale nicht unabhängig voneinander sein können. Außerdem könne ein Verhalten, das durch zwei bestimmte Eigenschaften motiviert werde, in einem bestimmten Moment zu einem Konflikt führen. Wenn dies der Fall ist, werde die Hierarchie der Eigenschaften greifen.

Während mehrere Theoretiker sich einig sind, dass Persönlichkeitsmerkmale Menschen beschreiben können, gibt es immer noch eine Debatte über die Anzahl der Grundmerkmale, aus denen die menschliche Persönlichkeit besteht. Beispielsweise reduzierte Raymond Cattell die Anzahl der beobachtbaren Merkmale von 4.000 auf 171 und später auf 16, wobei bestimmte Merkmale kombiniert wurden, um einzelne oder schwer zu definierende Merkmale zu eliminieren. Im Gegensatz dazu entwickelte der britische Psychologe Hans Eysenck ein Persönlichkeitsmodell, das auf nur drei Merkmalen basiert. Allports Theorie gilt jedoch als Pionierarbeit in der Persönlichkeitspsychologie.