Die Sokratische Methode – Ich hinterfrage meine eigenen Gedanken

· 12. Mai 2016

Wenn es in der Psychologie eine Methode gibt, die viel Zuspruch findet und über die es sogar mehr als 2000 wissenschaftliche Studien gibt, dann ist es zweifellos die sogenannte Sokratische Methode oder Hinterfragung der eigenen Gedanken und Wahrnehmungen. Die Sokratische Methode wird in der kognitiven Psychologie angewandt und ihr Ziel ist es, unrealistische Vorstellungen durch Gedanken zu ersetzen, die mehr der Realität entsprechen.

Wir wissen, dass hinter einem extremen emotionalen Zustand immer ein Gedanke steckt, der ebenfalls extrem und falsch ist und diesen Gemütszustand hervorruft. Es sind nicht die Ereignisse, die unsere Gefühlswelt beeinflussen, es ist die Art, wie wir die Dinge wahrnehmen, und genau an diesem Punkt können wir handeln und die Kontrolle übernehmen.

„Nicht einmal deine schlimmsten Feinde können dir so viel Leid zufügen wie deine eigenen Gedanken.“

Buddha

Woher stammt die Sokratische Methode?

Es war der Philosoph Sokrates, der mit seinen athenischen Freunden nach einem Besuch des Orakels von Delphi einen Diskurs begann. Aus diesem Grund wird diese Gesprächstechnik als Sokratischer Dialog oder Sokratische Methode bezeichnet.

Sokrates versuchte mithilfe logischer Fragen, die Wahrhaftigkeit in den Argumenten seiner Gesprächspartner zu finden und zu erfahren, ob diese logisch oder angemessen waren. Wenn dahinter keine Logik steckte, gab es einen Zeitpunkt, an dem der Gesprächspartner von Sokrates sich selbst widersprach und dann nun einmal einen logischeren und rationaleren Standpunkt akzeptieren musste.

Mann vor Labyrinth

Von der Wichtigkeit, sich selbst zu hinterfragen

Wir Menschen neigen dazu, irrationale Denkmuster zu haben, falsch und überzogen zu denken. Es ist schon etwas Wahres daran, dass uns gewisse negative Gedanken dabei helfen können, uns vor so manch Gefahren zu schützen, Hilfe zu suchen oder uns Situationen zu stellen. Doch manchmal sind diese Gedanken in Bezug auf eine Situation so übertrieben, dass wir uns selbst keine Hilfe sind, sondern uns blockieren und uns den Weg zu unserem Ziel versperren.

Es ist notwendig, dass wir lernen, unsere Gedanken zu hinterfragen, logisch zu denken, Überlegungen der Realität entsprechend anzustellen und nicht gemäß unserer eigenen verzerrten Interpretation von der Realität.

In der Psychotherapie lehrt man den Patienten die Sokratische Methode, damit sie selbst diejenigen sind, die sich hinterfragen, sich mit ihren eigenen Gedanken und Wahrnehmungen auseinandersetzen, um sich von unlogischen Gedankengängen zu verabschieden und sie durch gesündere ersetzen, die wiederum gesündere und angemessenere Gefühle verursachen.

Wie wird die Sokratische Methode praktisch umgesetzt?

Wie bereits zuvor erklärt, bedeutet die eigenen Wahrnehmungsweisen der Realität genauer unter die Lupe zu nehmen, sich zu fragen, ob das Gedachte logisch ist oder nicht, ob es der Wahrheit entspricht oder ob wir Opfer unserer eigenen Interpretation oder mentalen Filter sind.

Wir müssen dabei beachten, dass wir die Realität mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen und wir uns dementsprechend auf diese stützen müssen. Wenn mein Gedanke beispielsweise ist „es regnet“ , muss ich für mich selbst argumentieren, dass das die Wahrheit ist. Dafür muss ich mir eine Reihe von Fragen stellen:

  • Welche Beweise habe ich dafür, dass dieser Gedanke richtig ist? Im Falle unseres Beispiels können diese Beweise sein, dass die Straßen nass sind, Tropfen vom Himmel fallen und dass die Menschen draußen Regenschirme benutzen.
  • Welche Beweise habe ich dafür, dass dieser Gedanke falsch ist? Hier könnten wir sagen, dass es keine gibt, weil wir genügend Argumente dafür gefunden haben und nichts dagegen spricht, dass es wirklich regnet.
  • Gibt es alternative Wahrnehmungsmöglichkeiten? Nein, alles lässt darauf schließen, dass es regnet.

Mithilfe dieser Fragen können wir feststellen, dass unser Gedanke realistisch, logisch und angemessen ist. Doch was passiert mit anderen, beispielsweise negativen und irrationalen Gedanken, wie „ich tauge nichts“, „das hätte mir nicht passieren dürfen“  oder „mein Leben wird nie wieder einen Sinn haben“ ?

Gedanken wie ein Wissenschaftler betrachten

Wenn wir unsere eigenen Gedanken hinterfragen, müssen wir diese Wahrnehmungen mit der Realität konfrontieren und uns dieselben Fragen stellen, bis wir erfahren, ob diese richtig oder falsch sind. Genauso würde es auch ein Wissenschaftler tun.

Sokratische Methode

Deshalb müssen die Patienten Argumente suchen, die all diese Kognitionen in einem anderen Licht darstellen und überprüfen, ob diese falsch und überzogen sind. Bei dem Gedanken „mein Leben wird nie wieder einen Sinn haben“  sollten wir uns selbst fragen:

  • Welche Beweise habe ich dafür, dass dieser Gedanke der Wahrheit entspricht? Ich habe etwas verloren, das für mich unglaublich wichtig war.
  • Welche Beweise habe ich dafür, dass dieser Gedanke falsch ist? Ich kann nicht mit Sicherheit wissen, ob mein Leben je wieder einen Sinn haben wird, weshalb ich der Annahme der Ereignisse vorgreife, dass es nie wieder einen Sinn haben wird. Das soll nicht heißen, dass es komplett den Sinn verlieren wird, denn es gibt noch viele andere Dinge, an denen ich mich erfreuen kann.
  • Gibt es alternative Wahrnehmungsmöglichkeiten? Ja, ich habe in meinem Leben eine schlimme Zeit durchgemacht, aber das heißt nicht, dass es seinen Sinn verloren hat. Nichts beweist, dass ein Verlust direkt mit dem Verlust des Sinn des Lebens einhergeht. Es ist zwar unangenehm, aber nicht schrecklich.

Uns selbst hinterfragen, um uns kennenzulernen

Es gibt noch weitaus mehr Fragen, um gewisse negative Gedanken noch einmal zu überdenken. Einige zielen auf Argumente ab, wie wir zuvor gesehen haben, andere durchleuchten den Nutzen des Gedanken und wiederum andere sollen herausfinden, ob das Gedachte letztendlich richtig, so schlimm wie angenommen oder falsch war.

Je mehr Fragen wir uns stellen, die uns zeigen, dass das, was wir denken, nicht die Realität ist, umso besser ist das für uns. Das Ziel dahinter ist es, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir eine Situation zu sehr werten und uns unbegründet Angst machen oder uns selbst sagen, dass etwas schrecklich, aber eigentlich nur unangenehm und zu überstehen ist.

Wer den Sokratischen Dialog täglich mit sich selbst praktiziert, wird ein Experte auf diesem Gebiet werden und lernen, die Welt auf eine gesünderen, rationalere Art und Weise zu interpretieren. Das führt dann dazu, dass wir friedlichere Emotionen empfinden, durch welche wir ernsteren Problemen gestärkt begegnen können. Das Geheimnis dabei ist, diese Methode regelmäßig anzuwenden, bis wir sie irgendwann verinnerlicht haben und automatisch benutzen.