Die Nacht gehört den Verliebten, den Träumern und Bücherwürmern

11. Februar 2017 en Psychologie 0 Geteilt

In der Nacht und im Morgengrauen fliegen unsere Gedanken wie Telegramme auf der Suche nach Empfängern. Es ist diese magische Grenze zwischen Nacht und Tag, an der sich unverbesserliche Bücherwürmer, melancholische Träumer, kreative Denker und diese Verliebten wiederfinden, die zwischen zärtlichen und sinnlichen Berührungen ihre Körper und Gefühle enthüllen.

Die Nacht und das Morgengrauen, wie wir sehen können, sind nicht nur für Schlaflose und Nachtmenschen bestimmt. Es ist in Wahrheit eine besonders bereichernde Zeit für unser Gehirn. In dieser Zeit fühlt es sich frei von äußeren Einflüssen, um eine Verbindung zu viel intimeren, freieren und kreativeren Bereichen aufbauen zu können. Sogar die Biochemie unseres Gehirns wird von anderen Mechanismen beflügelt als durch die, die diese im Laufe des Tages beeinflussen.

„Die Kapitel der Nacht entwickeln sich aus deinem nächtlichen Entwurf.“

Gonzalo Santoja

Wir wissen, dass der Mensch seinen Biozyklus an seinen Tagesrhythmus anpasst. Diese kleine und faszinierende Struktur in unserem Gehirn, die sogenannte Zirbeldrüse, die durch Licht stimuliert und durch die Dunkelheit gehemmt wird, bestimmt uns und unseren Schlaf- und Wachrhythmus durch eine gesteigerte Melatoninproduktion. Dass Melatonin bei dem Entstehen und Andauern dieser zwei Zustände beteiligt ist, ist bereits bekannt. Doch es ist auch an anderen ebenso interessanten Prozessen beteiligt, von denen allerdings nicht so häufig gesprochen wird, wie es bei dem Einfluss auf unseren Schlaf- und Wachrhythmus der Fall ist.

Viele Menschen gehen ins Bett, ohne müde zu sein, aber anstatt zu schlafen, anstatt sich auf ihrem Kopfkissen auszuruhen, haben sie das Gefühl, dass ihr Verstand nicht zur Ruhe kommt und sie wachhält. So wie ein Radar, das nur darauf wartet, Signale der Sterne zu empfangen. Es ist ein Moment, in dem wir gern lesen, weil wir die Worte in einem Buch zum Leben erwecken, weil es zwischen diesem Meer aus Buchstaben und unseren Gedanken eine unsichtbare starke Verbindung gibt. Das Gleiche passiert auch mit unserer Kreativität oder sogar mit der Liebe.

Denn in diesen Stunden der Nacht, in denen die Stadt schläft, erwachen unsere Gefühle und unser Verlangen.

lesende-freunde

Kreativität und Glück werden von heutigen Zeitvorgaben untergraben

Wir Menschen sind Sklaven der Zeit. Die Uhrzeiger bestimmen unsere Arbeitszeit, unsere Essenszeiten und unsere Freizeit. Diese von unserer Gesellschaft auferlegten festen Uhrzeiten harmonieren nicht immer mit unseren Bedürfnissen. Schichtarbeit oder lange Arbeitstage, die ein familiäres Zusammenleben unmöglich machen, sind Feinde unseres Glücks.

Ist die Nacht das halbe Leben, und die schönste Hälfte zwar.

Goethe

Neurowissenschaftler wie Paul Kelly, Forscher am Institut für Schlaf und Neurowissenschaft für Tagesrhythmen der Oxford University (Vereinigtes Königreich), erklärte uns einmal, dass weder die Arbeits- noch die Schulwelt mit unseren Tagesrhythmen vereinbar seien. Laut ihm hätte dies zur Folge, dass wir zu einer „müden Gesellschaft“ würden. Früh zur Arbeit oder zur Schule zu gehen und stundenlang zu arbeiten, im Dunkeln das Haus zu verlassen und nach Hause zurückzukehren, wenn es bereits Nacht ist, ist auf ganzer Linie entmutigend.

Wir leben in einer Zeit, wo Präsenz mehr wert ist als Effizienz. Physisch gesehen am Arbeitsplatz oder in der Schule zu sein, bedeutet nicht, dass jemand in diesem Moment das Beste von sich geben kann. Ständige Übermüdung und Stress, weil wir ständig im Wettlauf gegen die Zeit sind, führen dazu, dass wir nicht vollständig von unserem Gehirn Gebrauch machen können. Nach und nach geraten wir immer weiter in diese emotionale Entropie, bis wir irgendwann ein trauriges, lethargisches, unglückliches Leben führen.

morgengrauen

Nachtmenschen und die Faszination der Nacht

Es wird als „normal“ betrachtet, dass Menschen früh aufstehen,
um ihrer Arbeit nachzugehen und dann nachts zu schlafen… >>> Mehr

Die Nacht: das Heim der Träumer

Man sagt, dass die Nacht das Heim der Träumer sei, diese Zeit, in der die Sterne miteinander tuscheln und es so scheint, als könnte man ihnen dabei zuhören. Da wir von diesen festgefahrenen Uhrzeiten beherrscht werden, die wir soeben beschrieben haben, haben wir aber kaum Zeit für solche Momente. Dennoch kommt es häufig vor, dass, sobald das Wochenende gekommen ist, unser Gehirn nach einem eigenen Plätzchen verlangt, nach ein paar Stunden für sich, in denen es sich ganz frei fühlen kann.

Der Prozess, wie es das bekommt, wonach es verlangt, ist einfach faszinierend.

Während der Nacht funktioniert unser Gehirn nach einem anderen Rhythmus

Die Hirnrinde ist ein umfassendes Gehirnareal, das für verschiedene Aufgaben, wie Aufmerksamkeit, das Schmieden von Plänen, für unser Kurzzeitgedächtnis oder Belohnungen verantwortlich ist. Die Hirnrinde ist am Tag wegen regulärer Dopaminausschüttung sehr aktiv. Doch wenn die Dunkelheit unsere Zirbeldrüse beeinflusst, wird nur noch wenig Dopamin frei und das verleitet uns dazu, uns auszuruhen. Man könnte sagen, dass die Hirnrinde in den Energiesparmodus oder auf Standby schaltet, weil es nun nicht mehr so viele äußere Einflüsse zu verarbeiten gibt.

Sowohl die Nacht als auch das Morgengrauen sind Zeiten subtiler Freude für unser Gehirn, da es sich auf andere Bereiche konzentrieren möchte und kann. Deshalb öffnen sich in diesen Momenten die Türen zu unserer Vorstellungskraft, zu unserer Gefühlswelt, zur Introspektion und Überlegung.

sternenhimmel

In der Nacht gibt es eine „andere“ Energie

Sicherlich ist dir das schon mehr als einmal aufgefallen und du kennst eine dieser Situationen: irgendein Problem mit ins Bett zu nehmen, keine Ideen zu haben oder besorgt zu sein, und plötzlich im Morgengrauen mit einem klaren Verstand und voller neuer Ideen aufzuwachen. Auf einmal findest du Antworten, deine Inspiration meldet sich zu Wort, du kannst deine Gefühle ordnen und verspürst wieder diese Fähigkeit, etwas zu fühlen, Ideen zu kombinieren oder dir etwas noch genauer vorzustellen, während du in einem Buch versunken bist.

Das ist keine Magie oder eine übernatürliche Fähigkeit. Das ist der Motor unserer Neurochemie, die in der Nacht die optimale Gelegenheit sieht, um all ihre Energie und Ressourcen im Gehirn zu aktivieren. Unser Verstand wird frei und unsere Gedanken fließen in einem anderen Rhythmus, es gibt eine bessere Verbindung und gewisse Aktivitäten, die am Tag nicht immer möglich sind, genießen wir dann umso mehr.

Natürlich können wir uns nicht stets an diesen Momenten, die uns oftmals den Schlaf rauben, wegen unserer Arbeitszeiten usw. erfreuen. Aber irgendwann bietet sich die Gelegenheit, diese subtile und bereichernde Erfahrung zu machen, die uns die Nacht und das Morgengrauen bieten, wo nur der Mond und die schlafende Sonne, die im Morgen dämmert, Zeugen unserer bescheidenen Freuden sind: die Freude am Träumen, Lesen, Lieben…

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Isabelle Arsenaut

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