Die Liebe ist so kurz und das Vergessen so lang

· 10. Dezember 2015

„Ich könnte heute Nacht die traurigsten Verse schreiben.

Ich könnte zum Beispiel schreiben: ‚Die Nacht ist voller Sterne
und blau zittern die Himmelskörper, in der Ferne.‘

Der Nachtwind zieht seine Kreise am Himmel und singt.

Ich könnte heute Nacht die traurigsten Verse schreiben.
Ich liebte sie, und manchmal liebte sie mich auch.

In Nächten wie dieser hielt ich sie in meinen Armen.
Und küsste sie viele Male unter dem endlosen Himmel.

Sie liebte mich, und manchmal liebte ich sie auch.
Wie konnte ich ihre großen, festblickenden Augen denn nicht lieben?

Ich könnte heute Nacht die traurigsten Verse schreiben.
Daran denken, dass ich sie nicht habe. Fühlen, dass ich sie verloren habe.

Der unermesslichen Nacht zuhören, noch unermesslicher ohne sie.
Und der Vers fällt in meine Seele wie der Tau auf das Gras.

 

Segel

 

Was tut es zur Sache, dass meine Liebe sie nicht halten konnte.
Die Nacht ist voller Sterne und sie ist nicht bei mir.

Das ist alles. In weiter Ferne singt jemand. In weiter Ferne.

Meine Seele kann sich nicht davon beruhigen, dass ich sie verloren habe.

Mein Blick sucht sie, als könnte ich sie finden.
Mein Herz sucht sie, aber sie ist nicht bei mir.

Die Nacht selbst, die die Bäume bleich werden lässt.
Wir, die von damals, sind jetzt nicht mehr dieselben.

Ich liebe sie nicht mehr, dass ist sicher, aber wie sehr habe ich sie geliebt.
Meine Stimme durchsuchte den Wind, um ihr Geräusch zu hören.

Einem Anderen. Sie wird einem Anderen gehören. So wie vor meinen Küssen.

Ihre Stimme, ihr heller Körper. Ihre unendlichen Augen.

Ich liebe sie nicht mehr, das stimmt, aber vielleicht liebe ich sie doch.
So kurz ist die Liebe und so lang das Vergessen.

Denn in Nächten wie dieser hielt ich sie in meinen Armen,
Meine Seele kann sich nicht davon beruhigen, dass ich sie verloren habe.

Auch wenn dies der letzte Schmerz sein wird, den sie mir verursacht,
und dies die letzten Verse, die ich ihr schreibe.“

Pablo Neruda

Wellen

Es ist aus, es geht nicht mehr weiter. Dieser Schmerz erscheint unendlich und zerreißt dir das Herz. Doch in Wirklichkeit ist es gar nicht so schlimm, sondern das Leben hat dir einfach mal wieder eine neue Lektion erteilt. Man muss nur einen weiteren Berg hinaufsteigen, ein weiteres Hindernis, das dein Leben vor dir aufgebaut hat.

Sich zu entlieben ist wie ein tiefer und schmerzhafter Brunnen, als ob man eine Gefängniszelle mit seiner Enttäuschung teilen müsste. Grautöne, Entfernungen, bittere Geschmäcker.

Von den Menschen, die wir aufhören müssen, zu lieben, sollten wir jedoch viele Dinge lernen. Unter anderem, was wir in unserem Leben wollen und nicht wollen.

Die Liebe und das Entlieben lassen uns unser tiefes Ich genauer kennenlernen, dem wir sonst in unserem Alltag keine Aufmerksamkeit schenken, was wir in den Hintergrund treten lassen, weil es uns nicht so wichtig erscheint.

Blatt

Zu Beginn, wenn wir nicht glauben können, dass dies mit uns passiert, denken wir, dass alles ein Traum ist und dass es noch Möglichkeiten gibt, das Verlorene wieder herzustellen. Diese Phase zu überwinden ist ein genauso schwieriges Spiel wie die Liebe selbst.

Später kann es passieren, dass uns die Wut und der Hass überkommt und wir die innere Notwendigkeit verspüren, jemanden zu finden, der uns erklären kann, was schief gelaufen ist. Darauf folgt dann die Trauer, der Schmerz und unser Bedürfnis danach, den Verlust zu beweinen.

Jedoch gelangen wir an den Punkt, an dem wir den Abschied akzeptieren, und damit erreichen wir auch die Befreiung unserer Seele. Die Liebe ist so kurz und das Vergessen so lang… bis in Nächten wie dieser unser Inneres sich damit zufriedenstellen wird, uns gehabt und verloren gehabt zu haben.

Denn wenn du wirklich liebst und dein Herz in dem steckt, was du fühlst, dann ist es ganz normal, dass du daraus voller Narben hervorgehst.